Samstag, 6. Juni 2015

10/03/1878 (Albert)

(Salgado & Indianer, Piassava Expedition)

                                               Salgado den 10 Marz 1878

Lieber Albert!

Deinen Brief von 16 Novb. erhielt ich kurz nach Neujahr. Ein anderer von dir ist also verloren gegangen. Versuche es einmal mit Nichtfrankiren, Oesterreich & Brasilien gehören ja beide zum Postverband.

Meine Piassava Expedition nahm ein klägliches Ende. Nachdem wir uns in jener Wildniß, während der frischen Jahrszeit ausgezeichnet befanden, erschienen mit Beginn der Hitze ganz entsetzliche Malaria Fieber; manch konnte mit dem Geschmack die verpestete Eigenschaft der Luft wahrnehmen, vom Geruch gar nicht zu reden. Ich wurde ganz elend, citronengelb & hager.

Die Neger stürzten oft mitten in der Arbeit wie von einer Kugel getroffen zusamen.  Am 18 Januar, also nach beinahe sechs monatlichem Aufenthalt verließen wir die wunderschöne Giftgegend, nachdem ich die 14 Gelände in Brand gesteckt hatte. In Victoria erholte sich Alles sehr schnell; nicht so Albert der noch an der Leber laborirt, obwol er nur 14 Tage dort war [A. S. - Er blieb siech]. Das finanzielle Resultat war ein ganz nettes, hätte aber ohne die Malaria noch weit besser ausfallen sollen. Es gibt natürlich nichts Besseres als schöne Erndten da zu machen wo man nie gepflanzt hat.

Wie Du siehst bin ich wieder in meiner Waldeinsamkeit am Salgado; diesmal leistet mir Querubino Gesellschaft und wir bringen so etwa sechs Wochen im traulichen tête à tête zusamen zu. Seine Gesellschaft ist mir ungemein wohlthuend & ich genieße ihn noch recht vor seine Abreise nach Rio, die in April stattfinden soll. In hiesiger Gegend ist nichts für ihn zu thun. Bahia, dessen einstige Prosperität auf dem Sklavenhandel beruhte ist eine total ruinirte Provinz. Für ein eigenes Unternehmen z. B. eine Sägerei im Urwald eignet sich Querubino gar nicht. Es fehlt ihm an Energie & Initiative; er ist ein feines Herrchen, etwas unpraktisch & zimpferlich! Dabei sehr gescheid, hat Etwas gelernt, weiß was Pflichtgefühl ist, & außerdem ein gebildeter liebenswürdiger Gesellschafter. Er war ganz entzückt über die schöne Lage & Aussichten vom Salgado & zeichnet mehrere Ansichten davon, die er später als Oelgemälde zu copiren beabsichtigt.

Mit der Verwerthung des Holzes ist es hier im Lande schlimm, & der Export wird durch den ungeheuern Ausfuhr Zoll fast unmöglich gemacht. Du wirst Dich wundern zu hören daß auf sämtlichen Eisenbahnen die hölzernen Schwellen durch eiserne Coussinets ersetzt worden; ebenso die hölzernen Pfosten durch eiserne an den Telegraphenlinien:  Beide aus England eingeführt. Die besten Hölzer faulen hier augenblicklich in Folge der heißen Feuchtigkeit & einer besondern Beschaffenheit des Bodens. Nur das kostspielige Brasilienfärbholz hält, ist aber nur tief im Innern des Landes, & da es weder schiffbare Flüsse noch Wege gibt, nicht anders nach dem Litoral zu bringen als in kleinen Stücken, wie es eben der Färber aber nicht der Zimmermann gebraucht. Ich habe mir den Luxus erlaubt an meinem Haus hier kein anders Holz zu verwenden als dieses. Es kommt eben hier in Masse vor & zwar vom allerbesten. Ein miserables Land das, in dem nur Gold oder Diamanten, & allenfalls der theure Caffee die Transportkosten bezahlen!

Ich glaubte schon nie mehr nach den Salgado kommen zu können, den während des Octob. & Novb. hatte ich so entsetzliche rheumatische Anfälle wie noch nie; ich hätte am liebsten Gift genommen um die Qual zu enden. La Ville’sche Arznei & Seebäder helfen gar nichts mehr. Dies mal wurde ich so mitgenommen daß ich glaubte nie mehr gehen oder reiten zu können. Nun meine Natur hat sich wieder herausgearbeitet & ich bin so ziemlich fest auf den Beinen. Aber es ist entsetzlich jeden Morgen & jeden Abend zu denken ob der böse Feind bei mir einkehren wird. Die Reisen hieher, die selbst für einen gesunden kräftigen Mann äußerst beschwerlich sind, werden mir zur wahren Folter. Aber Salgado ist mein Lieblingsaufenthalt; außerdem muß ich von Zeit zu Zeit her kommen, denn auf meine Söhne kann ich mich wenig verlassen. Fernando thut seine Sache recht gut so lange er unter meinen Augen ist, bleibt er aber hier allein so beschäftigt er sich nur mit Jagen & Fischen & kümmert sich wenig um Das was er thun sollte. Alberto ist trotz seiner 24 Jahre & seiner 5 Fuß 6 Zoll Länge nur ein kleines Kind. Angestellte hiesige Verwalter sind denn ganz schlecht, & jagt man den einer fort so kommt ein noch schlechterer an seinen Platz.  Ich sehe mich daher, zu meinem großen Leid genöthigt den Salgado zu verkaufen, denn ich bin zu gebrechlich um zwei Pflanzungen, die so weit auseinander liegen zu verwalten. Dazu kommt noch daß sich alle Leute fürchten hier zu bleiben weil die wilden Indianer im vorigen Jahr sehr frech & verwegen wurden, in den Pflanzungen vom Salgado herumstreiften & Zerstörungen anstellten. Es ist so ihre Art: sie fangen mit den Pflanzen an, gehen dann auf die Thier über & schießen zuletz die Menschen.

Um den Unfug zu steuern ließ ich einen Stamm anderer Indianer weit aus Innern rufen, mit denen ich eine Art Schutz & Trutz Bündniß schloß. Diese hatten viel von meinen Feinden gelitten & waren froh sich rächen zu können. Ich liefere ihnen Gewehre & Munition, statt der Bogen & Pfeile deren sie sich bedienen, zahle ihnen Schußgeld für die erlegten Männer (Frauen & Kinder werden nicht taxirt) & so war ich in kurzer Zeit von den bösen Kunden befreit. Nun haben aber meine Allirten, die Camacães, Geschmack an mir, an der hiesigen Gegend & dem etwas civilisirten Leben gefunden, auch halten sie sich hier für sicherer vor den Ueberfällen der Patachós & Mongojós, & haben mich gebeten sich hier häuslich niederlassen zu dürfen. Ich habe ihnen denn etwa eine halbe Stunde von meinem Etablissement Land gegeben, Hütten gebaut & die sonstigen Einrichtungen arangirt. Es ist nun eins meiner größten Vergnügen im Kahn den Fluß hinaufzufahren bis zu einem schönen Wasserfall zu beiden Seiten desselben meine kleine Militärkolonie, in herrlicher Gegend, gelegen ist. Natürlich werde ich mit so viel Freude empfangen als es das kolossale Phlegma dieser Thiermenschen zuläßt; die Freude gilt aber wol mehr den Spenden an Schnaps & Tabak, die ich mitbringe als den "großen weißen Häuptling " selbst. Il faut être bon prince. Schauderhafte Leute sind es übrigens: Großer Kopf, dicker Bauch & dünne lange Glieder; ächte Affengestalten; wer sie sieht muß es mit Darwin halten. Die Weiber mit ihren langen Zizen, die wie Schrotbeutel an der Brust bummeln; die Kinder in ihren Krötenpositionen haben gar nichts weibliches, nichts kindliches, Ueberall nur die abstoßende Bestialität.

Ihre einzige Beschäftigung ist Fressen bis sie nicht mehr können; dann legen sie sich in einen Haufen zusamen wie die Säue & schlafen, bis sie der Hunger wieder ans Essen treibt. Natürlich sind sie davon so stupid, daß der dümmste Neger noch ein Genie im Vergleich mit ihnen ist. Keine Rede davon sie zu irgend einer noch leichten Arbeit verwenden zu können; ich habe Alles versucht, aber selbst die Dreifaltigkeit ihrer Devotion: Brantwein, Tabak & Schweinefleisch waren nicht in Stand ihre Faulheit zu überwinden. Zwei gute eigenschaften haben sie: Sie sind folgsam & ehrlich. Tugenden kann man das nicht nennen; es sind eben Eigenschaften die sich von selbst aus ihrem Charakter ergeben. Ungehorsam gegen Einen in jeder Hinsicht Ueberlegenen braucht Energie: & Stehlen ist am Ende auch eine Arbeit die Thätigkeit & Initiative erfordert. Querubino hat von diesen Leuten einen Bogen & Pfeile eingetauscht & nimmt nun beim alten Caziken Privatstunden im Scheibenschießen. Der adamitisch befrackte Hr. Professor erhält für jede Lection ein Glas Schnaps, das ihm lieber ist als ein Pfund Sterling. Es ist dies derselbe Cazike der vor 19 Jahren die Hand des Erzherzogs Maximilian mit seiner schmierigen Pfote schüttelte. Er war damals von feindlichen Stämmen aus seinem Wohnsitz verjagt worden & trieb sich heimatlos herum als wir ihm zufällig in Las Feradas begegneten. Ich erklärte das dem Erzherzog, worauf er lachte & sagte: So, dann sind wir ja beide vertrieben Prinzen & er hat Recht mich als "mon cousin" zu traktiren. Bei dieser Gelegenheit machten wir auch beide die Bemerkung wie gar zu komisch es aussieht ein Par nackte Schenkel auf einem Sopha sitzen zu sehn. Müßte ich nicht den Salgado verkaufen so würde ich versuchen ob & wie weit diese Wesen culturfähig sind; wenigstens die jüngere Generation.

Ihr habt jetzt in Europa auch einen ähnlichen Fall mit den Bulgaren denen die Turkophylen jede Culturfähigkeit absprechen während die Russophylen lauter Lumen mundi daraus machen. Eine wahre Schande & Infamie für das gesamte Europa daß ein solcher Krieg zu Ende des 19ten Jahrhunderts geduldet wird. Und eine doppelte Schande für das civilisirte Europa Rußland – Rußland! die Mission des Culturträgers, des Erlösers aus der ewigen Question d’Orient zu überlassen. Gerade von allen Ländern dasjenige das sich am wenigstens dazu qualificirt: Aber wer kein Besteck hat der ißt sein beefsteak mit den Fingern. Rußland hat die schöne Rolle, wird im Orient, nach seiner Art, gründlich aufräumen & wenn die mäßigen Zuschauer dabei Eins mit dem Besenstiel ins Gesicht bekommen geschieht ihnen Recht. Wäre Frankreich nicht politisch tod, ich glaube die Sachen hätten sich anders gestaltet.

Du fragst mich wie es mit der Sklavenemancipation hier geht. Um dir zu antworten müßte Einer klüger sein als Oedipus. Die Herrn patres patriae wissen selbst nichts davon. Laut Gesetz haben die Sklavenhalter die Wahl die achtjährigen Negerkinder entweder an die Regierung abzuliefern oder eine Indemnisation von 60 L. St. für das Auffüttern derselben bis zu diesem Alter zu erhalten. Mit dieser Indemnisation hat es nun einen gewaltigen Haken: Das Kapital wird nicht bezahlt sondern nur 6% Zinsen desselben während 17 Jahren. Mit andern Worten die 60 L. St. werden in jährlichen Raten zu ungefähr 4 L. St. ohne Verzinsung ausbezahlt. Dafür hat der Betreffende das Recht den jungen Neger bis zu seinem 21sten Jahr zu behalten & zu verwerthen. Welchen Vortheil man aber von diesen freien Bürgern die Sklavenarbeit verrichten sollen haben wird ist nicht leicht zu errathen. Man hat schon Mühe genug die Sklaven in Rand & Band zu halten obwol man eine große, wenngleich durch die Gesetze beschränkte, Strafgewalt über sie besitzt. Was soll man nun mit diesen schwarzen gentlemen anfangen über die man keinerlei Strafe verhängen kann, denen man Nits am Lohn abziehn kann weil sie keinen verdienen, & die man endlich nicht fortjagen kann, das letzte Auskunftsmittel bei schlechten Dienern. Wenn ich solchem Kerl etwas befehlen werde wird er mir ins Gesicht lachen & sagen: Ich bin ein freier Mann so gut wie Sie & lasse mich nicht commandiren; Sie sind von der Regierung bezahlt um mich zu füttern, zu kleiden, zu logiren, ich bin in Pension bei Ihnen & bezahle dafür. Und welchen Einfluß werden solche Verhältniße auf die Eltern & die ältern Geschwister der Emancipirten, welche noch als Sklaven für ihren Herrn arbeiten, ausüben. Wahrlich, es stehn uns schlimme Zeiten bevor & unsere einzige Hoffnung ist auf die Herrn vom Senat gesetzt, fast durchgängig reiche Grund- & Sklavenbesitzer während die Deputirtenkammer sich außschließlich aus dem Proletariat im Frack rekrutirt: verlumpte Advokaten, faillirte Krämer ect. Nun, es wird entweder liegen oder brechen, & was die Andern machen werden werde ich auch machen.


Auch ich habe die Lebensbeschreibung unserer Mutter mit wahrer Begierde verschlungen; handelte es sich selbst um eine ganz fremde Person so wäre sie äußerst interessand & lebhaft geschrieben. Dieser Señor Babichon muß übrigens eine saubere Pflanze gewesen sein; unser Vater hingegen ein Mann durch & durch: kein Wunder wenn er vorgezogen wurde.

Da die Elise ihren Besuch bei mir nicht ausgeführt hat als sie die Begleitung Cherubino s hatte, ist sehr zu bezweifeln daß die diese Reise nun allein unternimmt. Mit diesem Steamer erwarte ich einen Brief von ihr der mich über ihre Absichten aufklären soll.

Charles & Therese mit der zahlreichen Nachkommenschaft leben wahrscheinlich in gewohnter Art weiter. Grüße sie Alle wenn Du sie siehst. Wann komme ich wieder ein mal in die Schweiz! Ich habe eine entsetzliche Sehnsucht danach, & mein Wunsch wäre mein Leben dort zu beschließen. Das Eisenbahnunglück des Neffen Charles s habe ich im "Bund", den ich halte gelesen.

Berti ist also jetzt angehender Landwirth; mich wunderts zu erfahren ob er dabei bleibt oder zum Gott Mars zurückkehrt. Grüße ihn recht sehr von mir. Du bist nun so ziemlich in Ruhestand versetzt während ich noch tüchtig ins Geschirr liegen muß um meinen Lebenskarren auf dem ziemlich holperigen Wege vorwärts zu ziehen, dabei ist bei mir, wie bei jedem alten Gaul das Gangwerkzeug in ziemlich desolaten Umständen.

Jetzt leb wohl! meinen recht herzlichen Gruß an Alexandrine. Cherubino schließt sich mir an um Onkel & Tante seine Grüße aus dem tiefsten Urwald über den Ocean zu schicken. Meine Frau & die andere Kinder würden auch nicht unterlassen sich in Euer Gedachtniß zu rufen. Adieu! Dein treuer Bruder Ferdinand.

Adressire künftig nicht mehr an Keller sondern an Schramm Wylic & Ca. Als ich im Januar in Bahia war ankerte im Hafen eine österreichische Corvette "Dandolo" die sich eben anschickte mich in Ilhéos zu besuchen, was natürlich unterblieb; dafür brachte ich einen recht vergnügten Tag an Bord zu.

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