(Salgado &
Indianer, Piassava Expedition)
Salgado
den 10 Marz 1878
Lieber Albert!
Deinen Brief von 16 Novb. erhielt ich kurz nach Neujahr. Ein
anderer von dir ist also verloren gegangen. Versuche es einmal mit
Nichtfrankiren, Oesterreich & Brasilien gehören ja beide zum Postverband.
Meine Piassava
Expedition nahm ein klägliches Ende. Nachdem wir uns in jener Wildniß, während
der frischen Jahrszeit ausgezeichnet befanden, erschienen mit Beginn der Hitze
ganz entsetzliche Malaria Fieber; manch
konnte mit dem Geschmack die verpestete Eigenschaft der Luft wahrnehmen, vom
Geruch gar nicht zu reden. Ich wurde ganz elend, citronengelb & hager.
Die Neger stürzten oft mitten in der Arbeit wie von einer
Kugel getroffen zusamen. Am 18 Januar,
also nach beinahe sechs monatlichem Aufenthalt verließen wir die wunderschöne
Giftgegend, nachdem ich die 14 Gelände in Brand gesteckt hatte. In Victoria erholte sich Alles sehr
schnell; nicht so Albert der noch an der Leber laborirt, obwol er nur 14 Tage
dort war [A. S. - Er blieb siech]. Das finanzielle Resultat war ein ganz nettes, hätte aber ohne die Malaria noch weit besser ausfallen
sollen. Es gibt natürlich nichts Besseres als schöne Erndten da zu machen wo
man nie gepflanzt hat.
Wie Du siehst bin ich wieder in meiner Waldeinsamkeit am Salgado; diesmal leistet mir Querubino Gesellschaft und wir bringen
so etwa sechs Wochen im traulichen tête à
tête zusamen zu. Seine Gesellschaft ist mir ungemein wohlthuend & ich
genieße ihn noch recht vor seine Abreise nach Rio, die in April stattfinden soll. In hiesiger Gegend ist nichts
für ihn zu thun. Bahia, dessen
einstige Prosperität auf dem Sklavenhandel beruhte ist eine total ruinirte
Provinz. Für ein eigenes Unternehmen z. B. eine Sägerei im Urwald eignet sich Querubino gar nicht. Es fehlt ihm an
Energie & Initiative; er ist ein feines Herrchen, etwas unpraktisch &
zimpferlich! Dabei sehr gescheid, hat Etwas gelernt, weiß was Pflichtgefühl
ist, & außerdem ein gebildeter liebenswürdiger Gesellschafter. Er war ganz
entzückt über die schöne Lage & Aussichten vom Salgado & zeichnet mehrere Ansichten davon, die er später als
Oelgemälde zu copiren beabsichtigt.
Mit der Verwerthung des Holzes ist es hier im Lande schlimm,
& der Export wird durch den ungeheuern Ausfuhr Zoll fast unmöglich gemacht.
Du wirst Dich wundern zu hören daß auf sämtlichen Eisenbahnen die hölzernen
Schwellen durch eiserne Coussinets ersetzt
worden; ebenso die hölzernen Pfosten durch eiserne an den Telegraphenlinien: Beide aus England eingeführt. Die besten
Hölzer faulen hier augenblicklich in Folge der heißen Feuchtigkeit & einer
besondern Beschaffenheit des Bodens. Nur das kostspielige Brasilienfärbholz
hält, ist aber nur tief im Innern des Landes, & da es weder schiffbare
Flüsse noch Wege gibt, nicht anders nach dem Litoral zu bringen als in kleinen
Stücken, wie es eben der Färber aber nicht der Zimmermann gebraucht. Ich habe
mir den Luxus erlaubt an meinem Haus hier kein anders Holz zu verwenden als
dieses. Es kommt eben hier in Masse vor & zwar vom allerbesten. Ein
miserables Land das, in dem nur Gold oder Diamanten, & allenfalls der
theure Caffee die Transportkosten bezahlen!
Ich glaubte schon nie mehr nach den Salgado kommen zu können, den während des Octob. & Novb. hatte
ich so entsetzliche rheumatische Anfälle wie noch nie; ich hätte am liebsten
Gift genommen um die Qual zu enden. La
Ville’sche Arznei & Seebäder helfen gar nichts mehr. Dies mal wurde ich
so mitgenommen daß ich glaubte nie mehr gehen oder reiten zu können. Nun meine
Natur hat sich wieder herausgearbeitet & ich bin so ziemlich fest auf den
Beinen. Aber es ist entsetzlich jeden Morgen & jeden Abend zu denken ob der
böse Feind bei mir einkehren wird. Die Reisen hieher, die selbst für einen
gesunden kräftigen Mann äußerst beschwerlich sind, werden mir zur wahren
Folter. Aber Salgado ist mein
Lieblingsaufenthalt; außerdem muß ich von Zeit zu Zeit her kommen, denn
auf meine Söhne kann ich mich wenig verlassen. Fernando thut seine Sache recht gut so lange er unter meinen Augen
ist, bleibt er aber hier allein so beschäftigt er sich nur mit Jagen & Fischen
& kümmert sich wenig um Das was er thun sollte. Alberto ist trotz seiner 24 Jahre & seiner 5 Fuß 6 Zoll Länge
nur ein kleines Kind. Angestellte hiesige Verwalter sind denn ganz schlecht, &
jagt man den einer fort so kommt ein noch schlechterer an seinen Platz. Ich sehe mich daher, zu meinem großen Leid
genöthigt den Salgado zu verkaufen,
denn ich bin zu gebrechlich um zwei Pflanzungen, die so weit auseinander liegen
zu verwalten. Dazu kommt noch daß sich alle Leute fürchten hier zu bleiben weil
die wilden Indianer im vorigen Jahr sehr frech & verwegen wurden, in den
Pflanzungen vom Salgado
herumstreiften & Zerstörungen anstellten. Es ist so ihre Art: sie fangen
mit den Pflanzen an, gehen dann auf die Thier über & schießen zuletz die
Menschen.
Um den Unfug zu steuern ließ ich einen Stamm anderer
Indianer weit aus Innern rufen, mit denen ich eine Art Schutz & Trutz
Bündniß schloß. Diese hatten viel von meinen Feinden gelitten & waren froh
sich rächen zu können. Ich liefere ihnen Gewehre & Munition, statt der Bogen
& Pfeile deren sie sich bedienen, zahle ihnen Schußgeld für die erlegten
Männer (Frauen & Kinder werden nicht taxirt) & so war ich in kurzer
Zeit von den bösen Kunden befreit. Nun haben aber meine Allirten, die Camacães, Geschmack an mir, an der
hiesigen Gegend & dem etwas civilisirten Leben gefunden, auch halten sie
sich hier für sicherer vor den Ueberfällen der Patachós & Mongojós, &
haben mich gebeten sich hier häuslich niederlassen zu dürfen. Ich habe ihnen
denn etwa eine halbe Stunde von meinem Etablissement Land gegeben, Hütten
gebaut & die sonstigen Einrichtungen arangirt. Es ist nun eins meiner größten
Vergnügen im Kahn den Fluß hinaufzufahren bis zu einem schönen Wasserfall zu
beiden Seiten desselben meine kleine Militärkolonie, in herrlicher Gegend,
gelegen ist. Natürlich werde ich mit so viel Freude empfangen als es das
kolossale Phlegma dieser Thiermenschen zuläßt; die Freude gilt aber wol mehr
den Spenden an Schnaps & Tabak, die ich mitbringe als den "großen weißen
Häuptling " selbst. Il faut être bon
prince. Schauderhafte Leute sind es übrigens: Großer Kopf, dicker Bauch &
dünne lange Glieder; ächte Affengestalten; wer sie sieht muß es mit Darwin halten. Die Weiber mit ihren
langen Zizen, die wie Schrotbeutel an der Brust bummeln; die Kinder in ihren
Krötenpositionen haben gar nichts weibliches, nichts kindliches, Ueberall nur
die abstoßende Bestialität.
Ihre einzige Beschäftigung ist Fressen bis sie nicht mehr
können; dann legen sie sich in einen Haufen zusamen wie die Säue & schlafen,
bis sie der Hunger wieder ans Essen treibt. Natürlich sind sie davon so stupid,
daß der dümmste Neger noch ein Genie im Vergleich mit ihnen ist. Keine Rede
davon sie zu irgend einer noch leichten Arbeit verwenden zu können; ich habe
Alles versucht, aber selbst die Dreifaltigkeit ihrer Devotion: Brantwein, Tabak
& Schweinefleisch waren nicht in Stand ihre Faulheit zu überwinden. Zwei
gute eigenschaften haben sie: Sie sind folgsam & ehrlich. Tugenden kann man
das nicht nennen; es sind eben Eigenschaften die sich von selbst aus ihrem
Charakter ergeben. Ungehorsam gegen Einen in jeder Hinsicht Ueberlegenen
braucht Energie: & Stehlen ist am Ende auch eine Arbeit die Thätigkeit &
Initiative erfordert. Querubino hat
von diesen Leuten einen Bogen & Pfeile eingetauscht & nimmt nun beim
alten Caziken Privatstunden im Scheibenschießen. Der adamitisch befrackte Hr.
Professor erhält für jede Lection ein Glas Schnaps, das ihm lieber ist als ein
Pfund Sterling. Es ist dies derselbe Cazike der vor 19 Jahren die Hand des Erzherzogs
Maximilian mit seiner schmierigen Pfote schüttelte. Er war damals von
feindlichen Stämmen aus seinem Wohnsitz verjagt worden & trieb sich
heimatlos herum als wir ihm zufällig in Las
Feradas begegneten. Ich erklärte das dem Erzherzog, worauf er lachte &
sagte: So, dann sind wir ja beide vertrieben Prinzen & er hat Recht mich als
"mon cousin" zu traktiren.
Bei dieser Gelegenheit machten wir auch beide die Bemerkung wie gar zu komisch
es aussieht ein Par nackte Schenkel auf einem Sopha sitzen zu sehn. Müßte ich
nicht den Salgado verkaufen so würde
ich versuchen ob & wie weit diese Wesen culturfähig sind; wenigstens die
jüngere Generation.
Ihr habt jetzt in Europa auch einen ähnlichen Fall mit den
Bulgaren denen die Turkophylen jede Culturfähigkeit absprechen während die
Russophylen lauter Lumen mundi daraus
machen. Eine wahre Schande & Infamie für das gesamte Europa daß ein solcher Krieg zu Ende des 19ten Jahrhunderts
geduldet wird. Und eine doppelte Schande für das civilisirte Europa Rußland – Rußland! die Mission
des Culturträgers, des Erlösers aus der ewigen Question d’Orient zu überlassen. Gerade von allen Ländern dasjenige
das sich am wenigstens dazu qualificirt: Aber wer kein Besteck hat der ißt sein
beefsteak mit den Fingern. Rußland
hat die schöne Rolle, wird im Orient,
nach seiner Art, gründlich aufräumen & wenn die mäßigen Zuschauer dabei
Eins mit dem Besenstiel ins Gesicht bekommen geschieht ihnen Recht. Wäre
Frankreich nicht politisch tod, ich glaube die Sachen hätten sich anders
gestaltet.
Du fragst mich wie es mit der Sklavenemancipation hier geht.
Um dir zu antworten müßte Einer klüger sein als Oedipus. Die Herrn patres
patriae wissen selbst nichts davon. Laut Gesetz haben die Sklavenhalter die
Wahl die achtjährigen Negerkinder entweder an die Regierung abzuliefern oder
eine Indemnisation von 60 L. St. für das Auffüttern derselben bis zu diesem
Alter zu erhalten. Mit dieser Indemnisation hat es nun einen gewaltigen Haken:
Das Kapital wird nicht bezahlt sondern nur 6% Zinsen desselben während 17
Jahren. Mit andern Worten die 60 L. St. werden in jährlichen Raten zu ungefähr 4
L. St. ohne Verzinsung ausbezahlt. Dafür hat der Betreffende das Recht den
jungen Neger bis zu seinem 21sten Jahr zu behalten & zu verwerthen. Welchen
Vortheil man aber von diesen freien Bürgern die Sklavenarbeit verrichten sollen
haben wird ist nicht leicht zu errathen. Man hat schon Mühe genug die Sklaven
in Rand & Band zu halten obwol man eine große, wenngleich durch die Gesetze
beschränkte, Strafgewalt über sie besitzt. Was soll man nun mit diesen schwarzen
gentlemen anfangen über die man
keinerlei Strafe verhängen kann, denen man Nits am Lohn abziehn kann weil sie
keinen verdienen, & die man endlich nicht fortjagen kann, das letzte
Auskunftsmittel bei schlechten Dienern. Wenn ich solchem Kerl etwas befehlen
werde wird er mir ins Gesicht lachen & sagen: Ich bin ein freier Mann so
gut wie Sie & lasse mich nicht commandiren; Sie sind von der Regierung
bezahlt um mich zu füttern, zu kleiden, zu logiren, ich bin in Pension bei
Ihnen & bezahle dafür. Und welchen Einfluß werden solche Verhältniße auf die
Eltern & die ältern Geschwister der Emancipirten, welche noch als Sklaven
für ihren Herrn arbeiten, ausüben. Wahrlich, es stehn uns schlimme Zeiten bevor
& unsere einzige Hoffnung ist auf die Herrn vom Senat gesetzt, fast durchgängig reiche Grund- & Sklavenbesitzer
während die Deputirtenkammer sich außschließlich aus dem Proletariat im Frack
rekrutirt: verlumpte Advokaten, faillirte Krämer ect. Nun, es wird entweder
liegen oder brechen, & was die Andern machen werden werde ich auch machen.
Auch ich habe die Lebensbeschreibung unserer Mutter mit
wahrer Begierde verschlungen; handelte es sich selbst um eine ganz fremde
Person so wäre sie äußerst interessand & lebhaft geschrieben. Dieser Señor Babichon muß übrigens eine saubere
Pflanze gewesen sein; unser Vater hingegen ein Mann durch & durch:
kein Wunder wenn er vorgezogen wurde.
Charles &
Therese mit der zahlreichen Nachkommenschaft leben wahrscheinlich in gewohnter
Art weiter. Grüße sie Alle wenn Du sie siehst. Wann komme ich wieder ein mal in
die Schweiz! Ich habe eine entsetzliche Sehnsucht danach, & mein Wunsch
wäre mein Leben dort zu beschließen. Das Eisenbahnunglück des Neffen Charles s habe ich im "Bund",
den ich halte gelesen.
Berti ist also
jetzt angehender Landwirth; mich wunderts zu erfahren ob er dabei bleibt oder
zum Gott Mars zurückkehrt. Grüße ihn
recht sehr von mir. Du bist nun so ziemlich in Ruhestand versetzt während ich
noch tüchtig ins Geschirr liegen muß um meinen Lebenskarren auf dem ziemlich
holperigen Wege vorwärts zu ziehen, dabei ist bei mir, wie bei jedem alten Gaul
das Gangwerkzeug in ziemlich desolaten Umständen.
Jetzt leb wohl! meinen recht herzlichen Gruß an Alexandrine.
Cherubino schließt sich mir an um
Onkel & Tante seine Grüße aus dem tiefsten Urwald über den Ocean zu schicken. Meine Frau & die
andere Kinder würden auch nicht unterlassen sich in Euer Gedachtniß zu rufen.
Adieu! Dein treuer Bruder Ferdinand.









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