Victoria den 24 Januar 1882
(Schwester Elise
besuchte den Kranken & traurigen
Bruder, Witterungs Extrem. Kerubino)
Lieber Albert!
Dein Brief von 18 August
an Elise & mich hat uns recht
Freude gemacht obwol er einige Schattenstellen hatte. Als ich ihn erhielt lebte
ich allerdings in Jubel & Freude mit meiner lieben Schwester. Jetzt ist es
etwas melancholisch hier & ich traue mich fast gar nicht das Haus zu
betreten in dem sie wohnte – ein schönes, großes, sonniges Haus mit einer
prächtigen Varanda, das ich
hauptsächlich für sie bauen ließ & das nun ganz leer & öde dasteht. Die
einzigen lebenden Bewohner die das Haus nicht verlassen & stets an den
Aufenthalt der frühern Herrin mahnen, sind zwei Katzen, Elises Lieblingen,
denen ich selbst ihr Essen täglich hinaufbringe; auch ein Paar Kanarienvögel,
die sich ganz sans façon dort
eingenistet haben. Leider konnte ich die Gesellschaft meiner Schwester nicht
nach Wunsch ausnützen, da ich in Folge langwieriger Erbschaftsprozesse oft
mehrere Tage von Hause abwesend sein mußte
& meine Gemüthsruhe & Genußfähigkeit durch die machiavelistischen
Chikanen & Aergerniße bedeutend getrübt wurden. So hat sich die Zeit
unseres Beisamenseins bedeutend reduzirt;
& es war mir sogar unmöglich sie nach Bahia zurückzubegleiten.
Nun, der frohen Stunden waren immer noch genug, besonders
die Abendspaziergänge en famille, wie
wir sie in unsern Kinderjahren auch in Böhmen machten. Mit dem Unterschied daß
man hier zwischen Caffee - & Cakaobäumen, Zuckerrohr & Tabaksfeldern
einherschritt, begleitet von Hunden, Affen & Negern. Elise hat es ganz
ausgezeichnet mit dem Wetter getroffen. Es war ein frischer, klarer regenloser
Winter; sämtliche Wege trocken, während sonst gewöhnlich in Diese Zeit es in
Strömen vom grauen Himmel regnet & sämtliche Wege mit fußdickem klebriger
Koths bedenkt sind. Auch ist sie gerade zur rechten Zeit von hier fort, für
ihre Augen nämlich, denn es dauerte keine vierzehn Tage so brach der Sommer mit
einer ganz ausnahmsweisen Intensität herein. Ich kann mich keiner so blendenden
Sonne & so fürchterlichen Hitze erinnern wie wir sie im November & Dezember gehabt haben. Der Urwald fing
an sich zu entlauben, was noch schlimmer war, die Caffee- & Cakaobäume
ebenfalls, so daß ich schon in großen Sorgen war, die Weide war ganz verdorrt,
alle Bäche ausgetrocknet; Menschen & Thiere ganz abgespannt, zum Löschen
des Durstes nur lauwarmes Wasser. Wie ich beobachtet habe wiederholen sich
diese brennenden Dürren alle Decenien: Der Sommer 1861 war so, der von 1871 ebenso & nun 1881
gleichfalls. Es wäre wol schwer zu entscheiden welches von beiden trostloser &
unheimlicher ist: Das langsame Absterben der Natur bei Euch im Winter, in Folge
von Frost, Schnee & Eis, oder die plötzliche Vernichtung derselben durch
Sonnenbrand. Das Eine ist das naturgemässe Hinscheiden eines Greises, das
Andere aber das verzweifelte Todesringen eines lebenskräftigen Wesens.
Jedenfalls sieht eine schneebedeckte glitzernde Landschaft viel fröhlicher aus
als eine Tabakbraune ausgedörrte Wüste. Dazu kommt daß Ihr den Winter
alljährlich erwartet, während bei uns solche Zerstörung höchstens alle zehn
eintritt. Es ist wirklich zum Verzweifeln mit ansehn zu müssen wie die Sonnenstrahlen
Alles versengen; ein rasender Nordostwind Alles austrocknet; in allen
Richtungen Rauch von Waldbränden & Pflanzungen die in Feuer aufgehn &
deren blutrothes Rauch mit den grauen Staubwolken gemischt zum ewig blauen
Himmel emporwirbelt. Selbst bei Nacht ist keine Erquickung, um elf Uhr fühlen
sich die wenigen übriggebliebenen Blätter an den Sträuchern noch ganz warm an,
kein Tropfen Thau & der dunkelblaue, sternenflimmernde Himmel, der
erbarmungslos auf die Verwüstung herunterglotzt. Endlich am 16 Januar brach ein Gewitter los, mit
gesegnetem erquickendem Regen; es war die höchste Zeit um die Wald- &
andern Brände zu löschen. Nun ist in einer Woche ein Dekorationswechsel vor
sich gegangen wie ihn kein Theater so schnell & vollständig bietet. Die
Sahara artige Weide gleicht dem schönsten grünen Sammetüberzug, an allen
Bäumen springen die hellgrünen Blätter massenweise hervor; an den Caffebäumen (was
mich natürlich am meisten interessirt) sind sie bereits fast einen Zoll lang;
in den trockenen Beten der Bäche schäumt & sprudelt kristallhelles Wasser, &
die armen Rinder & Pferde, die mit gesenktem Kopf & eingezogenem
Schweif, mager & und Elend durchs Dickicht schlichen, heben beide hoch
empor, rennen laut brüllend & wiehernd wie besessen herum, wälzen sich im
Wasser & füllen sich mit dem frischen weichen Gras den Ranzen zum
Zerplatzen. Und wir, die wir endlich der langen Sorgen los sind, athmen wieder
voll Lebenslust & trinken zwei, drei Gläser frischen Wassers mit mehr
Behagen als wenn es Champagner wäre. So muß der Traum Pharaos gewesen sein; nur
in umgekehrter Reihenfolge. Gottlob, nun ist das Elend zu Ende, & bis Du
diesen Brief bekommst grünt & blüht Alles wieder wie im Paradies.
Hier lebt man eben schnell: Bei Euch braucht es fast ein
halbes Jahr vom ersten Todesröcheln der Natur bis zu ihrer vollständigen
Auferstehung; hier in zwei Monaten geht man von Elend & Jammer zu Freude &
Jubel über. Im Sertão, d. h. den großen
unbewaldeten grasreichen Ebenen des Innern soll dieser Wechsel noch viel
schneller vor sich gehen. Es soll etwas ganz fabelhaftes sein, & thut mir
recht leid am dieses Naturspiel nicht ein mal angesehn zu haben; jetzt bin ich
zu alt um die Reise dahin zu unternehmen. Die Einwohner dieser Gegend, die sich
wie Savoyarden, im ganzen Lande herum
in Taglohn verdingen, sind gar nicht zu halten sobald sie den ersten Donner im
fernen Westen vernehmen; sie müssen in ihre Heimat, an ihren Herd, wo Frau &
Kinder vor Hunger & Durst beinah umkommen. Man könnte ihnen den Taglohn
verzehnfachen – sie bleiben nicht. As
primeiras aguas! ist das Losungswort – Alles schnürt sein Bündel &
rennt durch den Urwald nach den Campinas
um zu Hause zu sein wenn sich das Hochwasser vom Berg durch das ausgetrocknete
Flußbet zu Thal wälzt; die Bäche sich füllen & die ganze Natur in weniger
als einer Woche vom Tode zum regsamen freudiger Leben erwacht. Millionen
kolossaler Frösche, die wie vom Himmel gefallen, fangen an ganz fürchterlich zu
quicken zu quaken zu brüllen. Sämtliche Insekten, die bis dahin in Larven &
Puppen geschlummert haben, kriechen aus & verfinstern stellenweise die
Luft, indem sie einem gleichzeitig in Nase, Mund, Augen, unter die Kleider,
überall hin kriechen & fliegen. Die Klapperschlange wird wieder flott &
blinzelt vertraulich nach allen Seiten. Ueberall Wonne & Jubel – eine Kolossale
Auferstehungsfeier mit Dekoration, Musik & tout le tremblement!
Mit meiner Gesundheit geht es sehr gut: Rheumatismen &
Augenleiden sind fast spurlos verschwunden; dagegen habe ich Schlaflosigkeit &
entsetzliche Nervosität eingetauscht. Oft kann ich gar nicht schreiben so
zittern meine Hände, möglicherweise eine Folge der frühern starken Dosen
Morphin. Auch eine Trägheit, ein Widerwillen, namentlich gegen geistige Thätigkeit; manchmal scheint es mir ich
werde blödsinnig, halb verrückt. Ich sollte durchaus eine Reise nach Europa
machen, aber das Ding ist rein unmöglich. Diese lumpigen, schuftigen Prozesse,
die mir keine Ruhe lassen, dazu das plötzliche Sinken des Caffeepreise fast auf
die Hälfte von dem den sie seit bald 20 Jahren bewahrt haben, sind wol mit ein Grund
der schlaflosen Nächte. Auch ich muß, mit meinen 57 Jahren & meiner etwas
überanstrengten Kräfte, noch tüchtig ins Geschirr liegen um meinen Karren zu
ziehen.
Von meinen Rheumatismus Spezificum habe ich eine große Kiste
geschickt, an der der Neffe Albert seine chemischen Künste produziren kann. Von
meinem Augenmittel, welches nur als frisch ausgepreßten Saft wirkt, hat Elise
eine Flasche, mit Alkohol versetzt mitgenommen. Sie hat auch zwei Köpfe der
scheußlichen Schlange Lachesis mutus
mitgenommen, aus deren Giftsäcken die Homöopathen ihre Provision Lachesis erneuern können. Eine davon ist im Haus getödet & vor ihr
geköpt worden. Auch die Waffen meiner Garde
du corps vom Salgado hat sie
mitgenommen; recht unheimliche wenn man sich so an einem langen Spieß zappelnd
denkt. Jetzt ist das Gesindel sämtlich fort, nachdem sie meine Geduld zum Aeußersten
gebracht haben. Nun schwebe ich wieder in Gefahr die Wilden ankommen zu sehn,
die den Ertrag meiner Felder, mein Vieh & meine Schafe auffressen & zur
Abwechslung auch manchmal auf meine Neger schießen. Es sind übrigens schon bald
acht Monate daß ich nicht dort war.
Von Charles &
Therese erhielt ich Briefe vorigen Monat; im Allgemeinen nicht mit
rosenfarbener Tinte geschrieben. Nur wenn sie über Arthur zu sprechen kommen
merkt man eine gewisse Freudigkeit. So viel mir scheint hat er sehr recht daran
gethan doch ein mal etwas anderes zu werden als Handlungsbeflißener, wie unsere
sämtliche jungen Lerner.
Und Du scheinst mit Deiner Gesundheit ziemlich zufrieden zu
sein, wenigstens klagst Du über nichts, dagegen gibst Du keine guten
Nachrichten über das Befinden Alexandrinens, namentlich der Augen, was nur
recht leid thut, möglicherweise auch nur vorübergehend ist. Wenn Berti im
Kehlkopf leidet wird es ihm schwer werden seine Commandos gehörig zu betonen. Wie geht es Dir denn im Marienberg mit Deinen dienstbaren Leuten
& Deinen Nachbarn über die Du früher
so geklagt hast? Wer weiß wenn & ob wir uns jemals wiedersehn: für mich ist
es ein Ding der Unmöglichkeit die Reise zu unternehmen & Du hast wol keine
Lust das Beispiel der Elise nachzuahmen. Meine Kinder sind alle wohl & wir
leben recht gemüthlich zusamen; sie grüßen herzlich den Onkel & die Tante.
Cherubino ist sehr gesucht & hat immer gute Stellen & noch mehr
Offerten für andere Anstellungen. Seit er aus dem Hause ist hat er noch nie
Urlaub erhalten können weil er zu unentbehrlich ist, während diverse fünfte Räder am Wagen immer auf
Urlaub sind. Trotz seines schönen Gehalts von ungefähr 15. 000 f. nebst Logis,
Bedienung & Pferden bringt er es zu nichts, weil er sich von seinen Freunden
ausbeuten läßt; denn er selbst verbummelt nicht einen centime. Hoffentlich wird er mit den Jahren verständiger werden.
Nun lebt wohl, alle Beide, sowie Berti, haltet Euch tapfer &
genießt das Leben so gut es geht.
Dein treuer
Bruder Ferdinand






Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen