Victoria den 12 Juni 1868.
(Gründung von Salgado)
Lieber Albert!
Meinen herzlichen Dank für Deinen Brief vom 14 Februar, & ganz besonders für die
brüderliche Theilnahme die Du an den Tod meiner Tochter nimmst. Der Schlag hat
mich hart getroffen & ich laborire noch an den Nachwehn. Ich glaube fast Amélia war mir lieber als meine andern
Kinder; so ist mir wenigstens die Möglichkeit genommen ungerecht zu sein. Obwol
meine Frau nichts davon sagt weiß ich dennoch daß sie der Meinung ist daß, wenn
ihre Tochter sie nicht verlassen hätte dies Unglück nicht eingetreten wäre.
Schmerz bringt Bitterkeit & Unbilligkeit in unsere Gefühle; so bedenkt
meine Frau nicht daß sie schon zwei Kinder & ihren Vater zu Grabe getragen
hat ohne daß diese über den Ozean gingen. Ich weiß daß das fühlende Herz meiner
lieben Alexandrine liebreichen
Antheil an unserm Kummer nimt & danke ihr dafür. Ein unaussprechlicher
Trost war es für uns zu erfahren, daß das arme, sterbende Kind wenigstens seine
letzten Tage bei ihrer lieben Großmutter & Tante zubrachte, anstatt im
fremden Lande, von Miethlingen umgeben ihr junges Leben auszuhauchen.
Dein Brief ist etwas lange ohne Antwort geblieben weil ich
an der letzten Zeit zwei Reisen machte. Die erste ging ins Innere, nach einer
noch ganz wilden, unbekannten Region, wo ich ein Etablissement an der Mündung
des Rio Salgado in den Rio Cachoeira zu gründen beabsichtige.
Eine herrliche Position – Coblenz im Urwald Costüm – Ich glaube beinahe ich
habe Dir einmal, als wir in Hlubosch
so vergnügte Tage lebten, davon erzählt. Alles was ich wünschen kann findet
sich dort zusamen; das Einzige wonach ich bis jetzt vergebens gesucht ist
Kalkstein. Vielleicht bin ich später glücklicher; das Gegentheil wäre eine
Calamität. Die zweite Reise ging nach
Canasvieiras dem Seestrand entlang nach Süden: eine schauderhafte Tour wo
man ein halb Dutzend Flüße, an ihrer Mündung ins Meer, mit seinem Pferd
durchschimmen muß & dabei vom Anprall der sich aus hoher See heranwälzender
Brandung sehr übel zugerichtet wird; einmal glaubte ich wirklich zu ertrinken;
das nachschwimmende Packpferd kam einmal in Gefahr von einem Haifisch gekapert
zu werden, was uns gezwungen hätte in unsern triefenden Kleidern zu bleiben &
ein strenges Fasten während 24 Stunden zu beobachten. In meinem Leben mache ich
die Tour nicht wieder. Der Zweck derselben war, mit dem in Canasvieiras stationirten Regierungs Ingenieur, mich über die
Erwerbung, wo möglich Schenkung, etlicher Quadratmeilen Landes am Rio Salgado zu verständigen. Und ich
habe die besten Aussichten meinen Zweck zu erreichen, zu möglicherweise von der
Regierung beauftragt zu werden die Straße von Salgado nach Victoria zu
öffnen, eine Arbeit die ich sonst auf eigene Kosten unternehmen muß. Mit
nächstem Steamer gehe ich nach Bahia dem Präsidenten meine Pläne &
Anliegen vorzulegen &, wenn die Sachen nach Wunsch gehen, so ziehe schon im
September mit etlichen 50 ausgesuchten Leuten in die Wildniß vom Salgado um dort die
Vorbereitungsarbeiten zu machen, & dipomatische Verbindungen mit den dort
noch hausenden Botocudos anzuknüpfen.
Während dieser Zeit führt meine Frau die Regentschaft in Victoria indem sie mit den zurückgelassenen alten & ganz jungen
Negern (Landsturm & Rekruten) den von allen Seiten kommenden rohen Cafe &
Cakao in meinen höchst vervollkommneten Fabriken präparirt & expedirt. – So
hängt mir der Himmel voller Geigen; aber Arbeit habe ich zur Genüge. - Manche wehmüthige Erinnerung drängte sich mir
auf dem Weg nach Salgado auf; vor acht Jahren machte ich einen Theil desselben
mit dem unglücklichen Erzherzog Maximilian, & fast jede Stelle rief mir die
frohen Episoden, das beinahe kindische Entzücken dieses mir stets theuren
Fürsten zurück.
Eins thut mir leid, das ist daß durch diese meine Geschäfte
die Aussichten auf eine baldige Reise nach Europa für mich sehr prekär werden.
Und doch sehne ich mich ganz ungemein nach meinen Kindern & nach allen
Lieben die ich dort habe. – Auch hätte ich, bei einem Aufenthalt in Bern, einen Versuch gemacht /meine
Finanzen/ (…), so daß ich anstatt wie bis jetzt (…)
Es ist dies eine Folge der Entwerthung des brasilianischen
Geldes, welche so weit ging daß im Januar
der Franc 640 Reis galt, während sein gewöhnlicher
Werth 350 Rs ist; jetzt ist der Cours wieder auf 560 Rs gestiegen: immer noch
ein schöner Unterschied, (…); die guten Leute dort glauben daß Amerika noch immer gleich weit von Europa ist als zur Zeit Cristoph Columbus.
Mit unserm Krieg in Paraguay wird es wol noch eine Zeit lang
fortgehn: er ist eine gar zu ergiebige Milchkuh für Minister, Generale &
Fournisseurs als daß man dieselbe abschaffen sollte. Von Abschaffung der
Sklaverei fürs erste keine Rede; ganz natürlich! Wer sollte die Steuern
bezahlen in einem rein agricolen
Land, wenn Niemand mehr den Boden bebaut?
Recht hat es mich gefreut zu vernehmen daß Berti sich
gehorig entwickelt. Deine Verlegenheit eine passende Laufbahn für ihn zu finden
begreife ich; doch bist Du darin glücklicher als ich, indem Du nur für ein
einziges Kind zu sorgen hast, während ich eine kleine Legion besitze.
Anderseits geben mir aber, wenigstens die Buben, die Kinder keine Sorge der
Auswahl eines Berufs: tüchtige Pflanzer sollen sie werden. Der eine bekommt
dann Victoria, der zweite Rio salgado & für den dritten hoffe
ich noch in meinen fünfziger Jahren Energie & Thatkraft genug zu besitzen
um ihm auch seine Besitzung zu gründen. Das Land habe ich bereits im Auge – es
ist am Ufer eines wunderschönen, in geologischer Hinsicht höchst interessanten
Sees gelegen; allerdings schon in den kultivirten Regionen von Ilhéos, deren Zentrum Victoria ist.
Den angesagten Besuch Bertis
erwarte ich mit Freuden, & der Jubel wäre komplet wenn ihn sein Papa
begleiten würde, was seiner Gesundheit jedenfalls viel wohlthuender wäre als
das Docktern & Mediciniren in eurem Europa.
Eine Passage von Southampton nach Bahia & zurück kostet 60 Pf.
Sterling; & ich habe schon Briefe von Bern
bis Victoria in 24 Tagen erhalten.
Ueber der Theilung der Effekten unseres verstorbenen Vaters
habe ich an Elise geschrieben.
Nun lebe wohl; recht herzliche Grüße an Alexandrine &
Berti, sowol als an Deine mir bekannten Schwäger.




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