Villa Ilhéos den
20 October 1874
(Rheumatismen Seebäder)
Mein lieber Albert
Dein Brief von 30 Juni hat mich sehr gefreut; nur wunderte
es mich daß Du meines letzten Briefs aus Bordeaux
gar nicht erwahnst. Solltest Du ihn etwa gar nicht erhalten haben? Das thäte
mir sehr leid indem es Dich in den Glauben versetzen könnte ich sei mit
unbrüderlichen Gefühlen von Europa
geschieden.
Wie ich sehe lebst Du jetzt gemüthlich als Rentier; für mich
wird diese Zeit wol nie kommen. Es freut mich sehr daß Du mit Deiner (…)angelegenheit
durchgedrungen bist & daß Du Dein Schweizerbürgerrecht deßhalb doch nicht
hast aufgeben müßen.
Ich gratulire Berti zu seinem überstandenen Officiersexamen &
seinem baldigen Eintritt in die Armee als wohlbestallter Cavallerielieutenant.
Wie wird sich Alexandrine freuen wenn sie ihn zum ersten Mal in seiner
schmucken Uniform umarmen wird. – Bei Deiner Erwähnung der Eisenbahnen von Wien
nach Kahlenberg wurde mir wieder recht melancholisch zu Muth: ach hätten wir
hier doch nur einen elenden Ueberbleibsel von Euern Ueberfluß. Ein mal war ich
mit Elise in der Nähe von Wiesbaden
auf einem Berg von dem aus man eine herrliche Aussicht über das Rheinthal hat;
sie sah gegen den Rhein, ich in entgegengesetzter Richtung, indem wir den
österreichischen Doppeladler parodirten.
Da fragte mich Elise: Wo siehst du denn hin, warum kehrst du der schönen
Aussicht den Rücken? Ich antwortete: Ich betrachte die herrliche & fast
unnütze Straße die sich da durch Lege & Schluchten schlängelt, & denke
mir welch Glück es wäre wenn ich ein Fragment davon mitnehmen könnte. Elise war
höchlich über meine prosaischen Gedanken entrüstet. Es muß aber Jeden kränken
der ein so herrliches Land wie dieses verkommen & dahinsiechen sieht,
während einige kühn durch Urwald, Steppen & Ströme gezogene Eisenbahnen &
Heerstraßen es zum reichsten der Welt machen könnten. Und was fehlt zu
Realisation eines solchen Desideratum s?
Nichts, gar nichts als Energie & Initiative. Aber diese würde man leider
selbst mit einem Herschel’schen Teleskop hier vergebens suchen. Einmal hörte
ich einen ausnahmsweise vorurtheilsfreien jungen Brasilianer ausrufen: "Mein
Vaterland wird erst dann etwas werden wenn keine Brasilianer mehr darin wohnen
werden"! – Traurig für einen aufrichtigen Patrioten! Wellington sagte dasselbe von Irland.
Wie Du siehst bin ich hier in der Villa Ilhéos, unserer Kreishauptstadt, seit 320 Jahren gegründet &
seinerzeit Sitz des Gouverneurs von Nordbrasilien; trotzdem ein elendes Nest
von 1300 Einwohnern, aus elenden Hütten erbaut. Seiner vorzüglichen Lage wegen
war es im 17ten Jahrhundert lange Zeit der Zankapfel zwischen Portugal & Holland. Ich bin hier um Seebäder zu nehmen & zwar 60 an der
Zahl, d. h. also einen Monat, da ich eins an Morgen & eins am Abend nehme.
Obwol sie bei den Meisten einen gewißen Choc verursachen habe ich doch nichts
derartiges verspürt. Aber eine wahre Thierquälerei sind sie doch. Natürlich
beschränkt sich das ganze Badetablissement einzig & allein auf die große
atlantische Badewanne, wo man die ungeheuern Wellen direkt von Europa &
Afrika bezieht, welche den Badenden ganz unbarmherzig herumwälzen.
Anfangs grauste es mir wenn ich so eine 6 Fuß hohe, senkrechte,
schwarze Wassermauer auf mich ganz langsam & drohend anmarschiren sah, mich
begrabend & weit hin auf den Strand schleudernd, wo ich dann, nach heftigem
Spucken, Nießen & Augenzwinkerns um mich des Seewassers zu entledigen, mit
geschloßenen Augen & auf allen Vieren, wie eine Schildkröte, wieder den
Strand hinabkroch, bis eine neue Welle die unsanfter Carambolage erneuerte. Jetzt, nach 50 Bädern, bin ich so ziemlich
an diese Art Pendelbewegung gewöhnt & glaube sogar daß ich die Seebäder in Victoria empfindlich vermißen werde. –
Du sollst ja auch Seebäder nehmen, wirst aber die Operation gewiß auf eine viel
comfortablere Art, in irgend einem hochcivilisirten Badeort ausführen. – Ich
kann oft nicht umhin einen Vergleich zwischen meiner vorjährigen Badekur in dem
hocheleganten sybarritischen Wiesbaden
& meiner heurigen in dem urwüchsigen
Ilhéos anzustellen. Statt meiner Schwester habe ich hier zwei meiner
Töchter, die sich in der Mitte der Curzeit mit den zwei andern abgelöst haben.
Nach dem ersten Bade, also gegen halb sechs Uhr früh machen wir eine
anderthalbstündige Promenade am Seestrand, auf dessen schneeweißem glatten Sand
sich s noch besser geht als in den Alleen der wiesbadner Parkanlagen; auf einer
Seite die drönende Brandung des Meers gegen die Felsen als Orchester, auf der
andern Seite ein Dickicht von Zwergpalmen, Kaktus & Aloe im dürren Sand
statt der zierlichen bosquets. Als
Staffage, statt des schnatternden Schwarms eleganter Herrn & Damen die ihre
hautes nouveautés zur Schau tragen,
eine einsame Seekrabbe, die bei unserm Anblick in ihrem Loch verschwindet; hie &
da, aber selten, ein schmieriger Neger oder ein halbnackter Indianer. Dann
steigt die Sonne gar prächtig aus dem Meer; alles glänzt & glitzert daß
einem vor Blendung Thrähnen in die Augen komen; die frische, salzige Seebrise
dringt mächtig in die Lungen, bringt aber Hüte & écharpes in Gefahr eine Luftreise zu versuchen. Die Kinder haben
Schuhe & Strümpfe ausgezogen & laßen den weißen Seeschaum ihre Füße
umspühlen. Dabei sammeln sie Muscheln deren es eine erstaunliche Menge gibt, &
stoßen das bewußte Steiger’sche Feldgeschrei aus wenn sie eine besonders schöne
oder große finden. Schluß der Promenade bildet gewöhnlich die Ersteigung eines
hohen Felsens auf dessen Gipfel ich mich mit der prachtvollen Aussicht über
Meer & Palmenbeschatte Hügel, die Kinder aber mit Palmennüßen regaliren.
Wenn seit dem vorigen Tag keine von selbst am Boden gefallen sind so klettert
die Jüngste hinauf & wirft einige am Boden wobei freilich der Toilektenbestand
oft in Gefahr kommt. Aber die Mama ist nicht da um zu zanken & der
gemüthliche Papa läßt etwaige Havarien durch die Negerinen ausbessern. Schöne
Straßen sind leider keine zu sehn um mich in der Bewunderung der
Naturschönheiten zu zerstreuen. Alle Sonnabend kommt ein meiner Canots von Victoria mit einem meiner Söhne um
Rapport abzustatten & um die nöthige Viktualien zu bringen, denn in dieser
großen Stadt findet man nicht ein Ei zu kaufen.
Daß ich hier Seebäder gebrauche ist ein Beweis daß es mit
meinen Rheumatismen gar nicht gut geht. Die Anfälle sind zwar nicht mehr so
rasend heftig als früher, aber ebenso häufig & andauernd. Dazu gesellen
sich Leberleiden in Folge des ganz entsetzlich regnerischen Wetters das wir
seit Anfang des Jahrs bis Mitte September gehabt haben. Die Pflanzungen haben
dadurch entsetzlich gelitten & die Erndten sind total ruinirt. Die Bäume
verloren das Laub, wie bei Euch im Winter, eine Sache die noch nie da war.
Ich danke Dir für die viele Freundlichkeit die Du meinem
Sohn erzeigst. Am 15ten dieses hat er sein Eintrittsexamen ins Polytechnikum
gemacht.
Meine Adresse ist wie immer an H. Jezler Kronauer & Cie. in Bahia. Hoffentlich schreibe ich die Deinige richtig.
Nun lebe recht wohl, & auf Wiedersehn, der Himmel weiß
wann. Grüße Alexandrine von ganzen Herzen, ebenso den Berti. Da ich hier als solitaire lebe kann ich keine Gegengrüße
von Frau & Kindern schicken.




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