Sonntag, 14. Juni 2015

20/10/1874 (Albert)

Villa Ilhéos den 20 October  1874

(Rheumatismen Seebäder)

Mein lieber Albert

Dein Brief von 30 Juni hat mich sehr gefreut; nur wunderte es mich daß Du meines letzten Briefs aus Bordeaux gar nicht erwahnst. Solltest Du ihn etwa gar nicht erhalten haben? Das thäte mir sehr leid indem es Dich in den Glauben versetzen könnte ich sei mit unbrüderlichen Gefühlen von Europa geschieden.

Wie ich sehe lebst Du jetzt gemüthlich als Rentier; für mich wird diese Zeit wol nie kommen. Es freut mich sehr daß Du mit Deiner (…)angelegenheit durchgedrungen bist & daß Du Dein Schweizerbürgerrecht deßhalb doch nicht hast aufgeben müßen.

Ich gratulire Berti zu seinem überstandenen Officiersexamen & seinem baldigen Eintritt in die Armee als wohlbestallter Cavallerielieutenant. Wie wird sich Alexandrine freuen wenn sie ihn zum ersten Mal in seiner schmucken Uniform umarmen wird. – Bei Deiner Erwähnung der Eisenbahnen von Wien nach Kahlenberg wurde mir wieder recht melancholisch zu Muth: ach hätten wir hier doch nur einen elenden Ueberbleibsel von Euern Ueberfluß. Ein mal war ich mit Elise in der Nähe von Wiesbaden auf einem Berg von dem aus man eine herrliche Aussicht über das Rheinthal hat; sie sah gegen den Rhein, ich in entgegengesetzter Richtung, indem wir den österreichischen Doppeladler parodirten.  Da fragte mich Elise: Wo siehst du denn hin, warum kehrst du der schönen Aussicht den Rücken? Ich antwortete: Ich betrachte die herrliche & fast unnütze Straße die sich da durch Lege & Schluchten schlängelt, & denke mir welch Glück es wäre wenn ich ein Fragment davon mitnehmen könnte. Elise war höchlich über meine prosaischen Gedanken entrüstet. Es muß aber Jeden kränken der ein so herrliches Land wie dieses verkommen & dahinsiechen sieht, während einige kühn durch Urwald, Steppen & Ströme gezogene Eisenbahnen & Heerstraßen es zum reichsten der Welt machen könnten. Und was fehlt zu Realisation eines solchen Desideratum s? Nichts, gar nichts als Energie & Initiative. Aber diese würde man leider selbst mit einem Herschel’schen Teleskop hier vergebens suchen. Einmal hörte ich einen ausnahmsweise vorurtheilsfreien jungen Brasilianer ausrufen: "Mein Vaterland wird erst dann etwas werden wenn keine Brasilianer mehr darin wohnen werden"! – Traurig für einen aufrichtigen Patrioten! Wellington sagte dasselbe von Irland.

Wie Du siehst bin ich hier in der Villa Ilhéos, unserer Kreishauptstadt, seit 320 Jahren gegründet & seinerzeit Sitz des Gouverneurs von Nordbrasilien; trotzdem ein elendes Nest von 1300 Einwohnern, aus elenden Hütten erbaut. Seiner vorzüglichen Lage wegen war es im 17ten Jahrhundert lange Zeit der Zankapfel zwischen Portugal & Holland. Ich bin hier um Seebäder zu nehmen & zwar 60 an der Zahl, d. h. also einen Monat, da ich eins an Morgen & eins am Abend nehme. Obwol sie bei den Meisten einen gewißen Choc verursachen habe ich doch nichts derartiges verspürt. Aber eine wahre Thierquälerei sind sie doch. Natürlich beschränkt sich das ganze Badetablissement einzig & allein auf die große atlantische Badewanne, wo man die ungeheuern Wellen direkt von Europa & Afrika bezieht, welche den Badenden ganz unbarmherzig herumwälzen.

Anfangs grauste es mir wenn ich so eine 6 Fuß hohe, senkrechte, schwarze Wassermauer auf mich ganz langsam & drohend anmarschiren sah, mich begrabend & weit hin auf den Strand schleudernd, wo ich dann, nach heftigem Spucken, Nießen & Augenzwinkerns um mich des Seewassers zu entledigen, mit geschloßenen Augen & auf allen Vieren, wie eine Schildkröte, wieder den Strand hinabkroch, bis eine neue Welle die unsanfter Carambolage erneuerte. Jetzt, nach 50 Bädern, bin ich so ziemlich an diese Art Pendelbewegung gewöhnt & glaube sogar daß ich die Seebäder in Victoria empfindlich vermißen werde. – Du sollst ja auch Seebäder nehmen, wirst aber die Operation gewiß auf eine viel comfortablere Art, in irgend einem hochcivilisirten Badeort ausführen. – Ich kann oft nicht umhin einen Vergleich zwischen meiner vorjährigen Badekur in dem hocheleganten sybarritischen Wiesbaden & meiner heurigen in dem urwüchsigen Ilhéos anzustellen. Statt meiner Schwester habe ich hier zwei meiner Töchter, die sich in der Mitte der Curzeit mit den zwei andern abgelöst haben. Nach dem ersten Bade, also gegen halb sechs Uhr früh machen wir eine anderthalbstündige Promenade am Seestrand, auf dessen schneeweißem glatten Sand sich s noch besser geht als in den Alleen der wiesbadner Parkanlagen; auf einer Seite die drönende Brandung des Meers gegen die Felsen als Orchester, auf der andern Seite ein Dickicht von Zwergpalmen, Kaktus & Aloe im dürren Sand statt der zierlichen bosquets. Als Staffage, statt des schnatternden Schwarms eleganter Herrn & Damen die ihre hautes nouveautés zur Schau tragen, eine einsame Seekrabbe, die bei unserm Anblick in ihrem Loch verschwindet; hie & da, aber selten, ein schmieriger Neger oder ein halbnackter Indianer. Dann steigt die Sonne gar prächtig aus dem Meer; alles glänzt & glitzert daß einem vor Blendung Thrähnen in die Augen komen; die frische, salzige Seebrise dringt mächtig in die Lungen, bringt aber Hüte & écharpes in Gefahr eine Luftreise zu versuchen. Die Kinder haben Schuhe & Strümpfe ausgezogen & laßen den weißen Seeschaum ihre Füße umspühlen. Dabei sammeln sie Muscheln deren es eine erstaunliche Menge gibt, & stoßen das bewußte Steiger’sche Feldgeschrei aus wenn sie eine besonders schöne oder große finden. Schluß der Promenade bildet gewöhnlich die Ersteigung eines hohen Felsens auf dessen Gipfel ich mich mit der prachtvollen Aussicht über Meer & Palmenbeschatte Hügel, die Kinder aber mit Palmennüßen regaliren. Wenn seit dem vorigen Tag keine von selbst am Boden gefallen sind so klettert die Jüngste hinauf & wirft einige am Boden wobei freilich der Toilektenbestand oft in Gefahr kommt. Aber die Mama ist nicht da um zu zanken & der gemüthliche Papa läßt etwaige Havarien durch die Negerinen ausbessern. Schöne Straßen sind leider keine zu sehn um mich in der Bewunderung der Naturschönheiten zu zerstreuen. Alle Sonnabend kommt ein meiner Canots von Victoria mit einem meiner Söhne um Rapport abzustatten & um die nöthige Viktualien zu bringen, denn in dieser großen Stadt findet man nicht ein Ei zu kaufen.

Daß ich hier Seebäder gebrauche ist ein Beweis daß es mit meinen Rheumatismen gar nicht gut geht. Die Anfälle sind zwar nicht mehr so rasend heftig als früher, aber ebenso häufig & andauernd. Dazu gesellen sich Leberleiden in Folge des ganz entsetzlich regnerischen Wetters das wir seit Anfang des Jahrs bis Mitte September gehabt haben. Die Pflanzungen haben dadurch entsetzlich gelitten & die Erndten sind total ruinirt. Die Bäume verloren das Laub, wie bei Euch im Winter, eine Sache die noch nie da war.

Ich danke Dir für die viele Freundlichkeit die Du meinem Sohn erzeigst. Am 15ten dieses hat er sein Eintrittsexamen ins Polytechnikum gemacht.
Meine Adresse ist wie immer an H. Jezler Kronauer & Cie. in Bahia. Hoffentlich schreibe ich die Deinige richtig.

Nun lebe recht wohl, & auf Wiedersehn, der Himmel weiß wann. Grüße Alexandrine von ganzen Herzen, ebenso den Berti. Da ich hier als solitaire lebe kann ich keine Gegengrüße von Frau & Kindern schicken.

Dein treuer Bruder Ferdinand

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