Salgado den 27 November 1875
(Allerlei)
Lieber Albert
Es ist bereits über ein halbes Jahr verflossen seit dem ich
Deinen Brief vom 19 März erhielt. Es war damals eine böse Zeit für mich, indem
meine Rheumatismen mit einer bis dahin noch beispiellosen Wuth auf mich
einstürmten. Von Ende März bis Ende Juni, drei lange scheußliche Monate, litt
ich fast ununterbrochen die entsetzlichsten Schmerzen. Und als es endlich damit
zu Ende war merkte ich daß endlich die unausbleiblichen Folgen anhaltender
Rheumatismen eingetreten waren, nämlich daß das Herz in Mitleidenschaft gezogen
war. Berg auf gehn, schnelles Gehen, manchmal auch Liegen verursachen mir
unerträgliches Herzklopfen & Athemlosigkeit. Dabei werde ich ganz mager, so
daß der berühmte braune Schlafrock (Der
Dicke hatte meinen schlanken Uiberrok an einem kalten Tag in Bern probirt) mir
jetzt eben so gut passen würde als Dir. Seit fünf Monaten habe ich keinen neuen
Anfall gehabt, & das ist ein Glück, denn ich würde mehrere wie den letzten
nicht aushalten. Zu meiner Verzweiflung nehme ich jetzt ein Mittel das in
Frankreich furore gemacht hat, von
einem D´teur La Ville; seine erste
Sendung zum Anfang der Kur besteht aus der Kleinigkeit von 1.800 Pillen! Ein
Drittel habe ich bereits verschlungen. Ob ich dieser Monsterdosis mein verhältnißmäßiges
Wohlbefinden verdanke, oder nicht, kann ich nicht entscheiden. Nachdem mich
Wiesbaden, Türken- & Seebäder so schmählich angeführt haben, bin ich
natürlich sehr sceptisch in dieser Hinsicht. Genug Hieremiadien!
Wie geht es Dir? Du warst nie sehr bombenfester
Construktion, & der Winter, der bei euch eben im Anmarsch ist, war immer
Deine böseste Zeit. Und Alexandrine, ist jedenfalls immer gleich liebreich &
munter so daß Du in den langen Wintertagen recht gemüthlich leben kannst. Berti ist also ein brillanter
Hulanenofficier, & hat das Glück in Eurer Nähe zu garnisoniren. Du solltest
ihn ein mal hieher senden; so eine Reise gibt einem jungen Mann einen gewißen Chiq: "Wenn einer eine Reise thut,
so kann er was erzählen" etc. Ein Engländer der nicht wenigstens ein mal
in Ostindien & China war wird als Auster betrachtet, aber für uns
Continentalbewohner ist ein Abstecher über den Atlantischen Ocean schon ganz
net.
Wie ist Deine Audienz beim Kaiser ausgefallen? Hat er Dir
wenigstens Etwas anerkennendes über deine auf der Wiener Weltausstellung
exhibirten Herkulesarbeit gesagt? A propos,
wenn Du eine sichere Gelegenheit hast so schicke meine Schriften vom Erzherzog
Max an die Elise nach Bern; von dort findet sich alle Jahre ein zuverläßiger
Reisender der sie nach Bahia bringt, während das aus Deiner Gegend so gut als
unmöglich ist. Ich möchte die Papier gern wieder haben.
Zwei unserer Bischöfe haben allerdings auch hier angefangen
zu rumoren, aber die Regierung ist energischer aufgetreten als irgend eine in
Europa, die beiden Herrn sind sofort nach Rio in ein Fort gesteckt worden, &
sitzen noch, & sollen sitzen bleiben bis sie zu Kreuze kriechen. Vor 1870
galt Franzosenthum & Katholicismus hier fürs Höchste; jetzt aber stehn
Deutschthum, Protestantismus &
Bismarkismus oben an. Der hiesige Klerus hat eben seine Geldgier, Dummheit &
Intoleranz bis aufs Aeßerste getrieben; jetzt tritt die Reaktion ein. Es freut
mich übrigens daß gerade die drei Länder die mir am liebsten sind: Schweiz,
Preußen & Brasilien, gerade diejenigen sind die den Jesuiten die
empfindlichsten Fußtritte appliciren.
Du fragst auch wie es mit den Sklaven geht. Auch hierin, wie
in der Pfaffenangelegenheit ist eine unausbleibliche Reaktion eingetreten. Nach
der Promulgation der Gesetze von 1871, welche den Negern alle mögliche
Garantien & Privilegien ihren Herrn gegenüber verliehen, glaubten sich die
guten Leute ganz frei, auch fehlte es nicht an Aufhetzern die sie in diesem
Glauben bestärkten. Herren die Sklaven bestraffen wurden gefänglich eingezogen;
Du kannst Dir denken zu welchem Gaudium der letztern. Die Negrophylen hatten
den Negern so viel Menschenrechte eingeräumt, daß für die Weißen gar keine mehr
übrig blieben; diese sollten sich ganz geduldig von ihren Sklaven plündern,
brandschatzen & ermorden lassen. Das Ding wurde immer ärger & die Lage
der Sklavenbesitzer eine wahrhaft traurige; in den Zeitungen las man nichts
mehr als Mordthaten die von Sklaven an ihren Herren verübt worden waren. Da
endlich fühlte sich die Regierung bemäßigt etwas Wasser auf den Brand zu
tragen, den sie selbst angezündet hatte. An vielen Stellen mußte Militär die
Ordnung herstellen; mehrere Neger wurden zum Tod verurtheilt, & jetzt ist
die Ruhe wieder ziemlich hergestellt, & die Sklaven sind um ihre Errungenschaften
gekommen. Aber die Freiheitsideen spucken immer noch in den Köpfen, nachdem sie
davon gekostet haben & l’appetit vient
en mangeant. Wie es seiner Zeit mit der Entschädigung bei gänzlicher
Emanzipirung der Sklaven gehen wird kann kein Oedipus errathen. Viel wird es jedenfalls nicht geben, denn die
Regierung stürzt sich mit unverantwortlichem Leichtsinn in Schulden, die, wenn
es noch ein Paar Jahre so fortgeht unvermeidlich zum Statsbanquerot führen müßen.
Und das nur um einer stupiden Eitelkeit zu fröhnen, & eine Armee nach
Art der preußischen zu bilden & zu unterhalten.
Was diese Armee in einem Land ohne Wege thun soll wird der
Kriegsminister (ein Advokat) selbst nicht sagen können; ein Regiment kann
leicht ein Jahr brauchen um von einem Ende des Kaiserreichs ans andere zu
marschiren, & möglicherweise kommt am Bestimmungsort nur ein einziger Mann
an, um, wie der Krieger von Marathon, zu erzählen daß alle Andern miserabel zu
Grunde gegangen sind. Doch dazu wird man das Militär nicht verwenden: es ist
eine ganz einfache Nachäfferei europäischer Zustände, eine Befriedigung der
grenzenlosen Eitelkeit. Rio de Janeiro darf
in nichts hinter den größten europäischen Städten zurückbleiben. Zur Staffage
in den Straßen einer großen Stadt gehören schöne Läden, Toiletten, Equipagen, &
Uniformen. Die drei erstern besitzt Rio vollkommen, nur die letztern fehlten
bis jetzt. Das soll nun anders werden. Und bei Ankunft der europäischen Steamers werden die Fremdlinge mit
einer schönen Parade regalirt werden. Sind auch die Uniformen alle gleich so
ist doch nichts lächerliche als die unendliche Variation in der Farbe der
Gesichter & Hände. Neben dem weiß & rothen Gesicht eines Deutschen sieht
man das Chokolatbraune eines Mulaten, dann das Eiergelbe eines Mestizen,
daneben das pechschwarze eines Negers welches wieder mit dem kupferrothen eines
Indianers gar lieblich absticht. Eine Kopfbedeckung ragt über diese Häupter
welche Erzherzog Max sehr treffend mit dem "Zelt Solimans des Bedrängers
von Wien" vergleicht. Bekommen die preußischen Garden einmal im Winter
Pelzröcke so werden diese armen Teufel auch in dito Uniformen gesotten werden. – Wir aber, in den Provinzen, müßen diese
Masquerade mit unserm sauer erworbenen Geld bezahlen, & haben nicht ein mal
den Genuß uns bei deren Anblick ergötzen zu können. Doch genug davon.
Hast Du noch keine Herrschaft oder Landgut gekauft? Oder ziehst
Du es vor gemüthlich von Deinen Renten, bald da bald dort zu leben. Am Deinem
Platz würde ich mich auch nicht mehr quälen.
Nun leb wohl; grüße recht herzlich Alexandrine & Berti.
Ich schicke keine Grüße von den Meinigen weil ich hier in meiner Waldeinsamkeit
am Salgado bin. Dein treuer Bruder Ferdinand




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