Sonntag, 14. Juni 2015

27/11/1875 (Albert)

Salgado den 27 November 1875

 (Allerlei)

Lieber Albert

Es ist bereits über ein halbes Jahr verflossen seit dem ich Deinen Brief vom 19 März erhielt. Es war damals eine böse Zeit für mich, indem meine Rheumatismen mit einer bis dahin noch beispiellosen Wuth auf mich einstürmten. Von Ende März bis Ende Juni, drei lange scheußliche Monate, litt ich fast ununterbrochen die entsetzlichsten Schmerzen. Und als es endlich damit zu Ende war merkte ich daß endlich die unausbleiblichen Folgen anhaltender Rheumatismen eingetreten waren, nämlich daß das Herz in Mitleidenschaft gezogen war. Berg auf gehn, schnelles Gehen, manchmal auch Liegen verursachen mir unerträgliches Herzklopfen & Athemlosigkeit. Dabei werde ich ganz mager, so daß der berühmte braune Schlafrock (Der Dicke hatte meinen schlanken Uiberrok an einem kalten Tag in Bern probirt) mir jetzt eben so gut passen würde als Dir. Seit fünf Monaten habe ich keinen neuen Anfall gehabt, & das ist ein Glück, denn ich würde mehrere wie den letzten nicht aushalten. Zu meiner Verzweiflung nehme ich jetzt ein Mittel das in Frankreich furore gemacht hat, von einem D´teur La Ville; seine erste Sendung zum Anfang der Kur besteht aus der Kleinigkeit von 1.800 Pillen! Ein Drittel habe ich bereits verschlungen. Ob ich dieser Monsterdosis mein verhältnißmäßiges Wohlbefinden verdanke, oder nicht, kann ich nicht entscheiden. Nachdem mich Wiesbaden, Türken- & Seebäder so schmählich angeführt haben, bin ich natürlich sehr sceptisch in dieser Hinsicht. Genug Hieremiadien!

Wie geht es Dir? Du warst nie sehr bombenfester Construktion, & der Winter, der bei euch eben im Anmarsch ist, war immer Deine böseste Zeit. Und Alexandrine, ist jedenfalls immer gleich liebreich & munter so daß Du in den langen Wintertagen recht gemüthlich leben kannst. Berti ist also ein brillanter Hulanenofficier, & hat das Glück in Eurer Nähe zu garnisoniren. Du solltest ihn ein mal hieher senden; so eine Reise gibt einem jungen Mann einen gewißen Chiq: "Wenn einer eine Reise thut, so kann er was erzählen" etc. Ein Engländer der nicht wenigstens ein mal in Ostindien & China war wird als Auster betrachtet, aber für uns Continentalbewohner ist ein Abstecher über den Atlantischen Ocean schon ganz net.

Wie ist Deine Audienz beim Kaiser ausgefallen? Hat er Dir wenigstens Etwas anerkennendes über deine auf der Wiener Weltausstellung exhibirten Herkulesarbeit gesagt? A propos, wenn Du eine sichere Gelegenheit hast so schicke meine Schriften vom Erzherzog Max an die Elise nach Bern; von dort findet sich alle Jahre ein zuverläßiger Reisender der sie nach Bahia bringt, während das aus Deiner Gegend so gut als unmöglich ist. Ich möchte die Papier gern wieder haben.

Zwei unserer Bischöfe haben allerdings auch hier angefangen zu rumoren, aber die Regierung ist energischer aufgetreten als irgend eine in Europa, die beiden Herrn sind sofort nach Rio in ein Fort gesteckt worden, & sitzen noch, & sollen sitzen bleiben bis sie zu Kreuze kriechen. Vor 1870 galt Franzosenthum & Katholicismus hier fürs Höchste; jetzt aber stehn Deutschthum, Protestantismus  & Bismarkismus oben an. Der hiesige Klerus hat eben seine Geldgier, Dummheit & Intoleranz bis aufs Aeßerste getrieben; jetzt tritt die Reaktion ein. Es freut mich übrigens daß gerade die drei Länder die mir am liebsten sind: Schweiz, Preußen & Brasilien, gerade diejenigen sind die den Jesuiten die empfindlichsten Fußtritte appliciren.

Du fragst auch wie es mit den Sklaven geht. Auch hierin, wie in der Pfaffenangelegenheit ist eine unausbleibliche Reaktion eingetreten. Nach der Promulgation der Gesetze von 1871, welche den Negern alle mögliche Garantien & Privilegien ihren Herrn gegenüber verliehen, glaubten sich die guten Leute ganz frei, auch fehlte es nicht an Aufhetzern die sie in diesem Glauben bestärkten. Herren die Sklaven bestraffen wurden gefänglich eingezogen; Du kannst Dir denken zu welchem Gaudium der letztern. Die Negrophylen hatten den Negern so viel Menschenrechte eingeräumt, daß für die Weißen gar keine mehr übrig blieben; diese sollten sich ganz geduldig von ihren Sklaven plündern, brandschatzen & ermorden lassen. Das Ding wurde immer ärger & die Lage der Sklavenbesitzer eine wahrhaft traurige; in den Zeitungen las man nichts mehr als Mordthaten die von Sklaven an ihren Herren verübt worden waren. Da endlich fühlte sich die Regierung bemäßigt etwas Wasser auf den Brand zu tragen, den sie selbst angezündet hatte. An vielen Stellen mußte Militär die Ordnung herstellen; mehrere Neger wurden zum Tod verurtheilt, & jetzt ist die Ruhe wieder ziemlich hergestellt, & die Sklaven sind um ihre Errungenschaften gekommen. Aber die Freiheitsideen spucken immer noch in den Köpfen, nachdem sie davon gekostet haben & l’appetit vient en mangeant. Wie es seiner Zeit mit der Entschädigung bei gänzlicher Emanzipirung der Sklaven gehen wird kann kein Oedipus errathen. Viel wird es jedenfalls nicht geben, denn die Regierung stürzt sich mit unverantwortlichem Leichtsinn in Schulden, die, wenn es noch ein Paar Jahre so fortgeht unvermeidlich zum Statsbanquerot führen müßen. Und das nur um einer stupiden Eitelkeit zu fröhnen, & eine Armee nach Art der preußischen zu bilden & zu unterhalten.

Was diese Armee in einem Land ohne Wege thun soll wird der Kriegsminister (ein Advokat) selbst nicht sagen können; ein Regiment kann leicht ein Jahr brauchen um von einem Ende des Kaiserreichs ans andere zu marschiren, & möglicherweise kommt am Bestimmungsort nur ein einziger Mann an, um, wie der Krieger von Marathon, zu erzählen daß alle Andern miserabel zu Grunde gegangen sind. Doch dazu wird man das Militär nicht verwenden: es ist eine ganz einfache Nachäfferei europäischer Zustände, eine Befriedigung der grenzenlosen Eitelkeit. Rio de Janeiro darf in nichts hinter den größten europäischen Städten zurückbleiben. Zur Staffage in den Straßen einer großen Stadt gehören schöne Läden, Toiletten, Equipagen, & Uniformen. Die drei erstern besitzt Rio vollkommen, nur die letztern fehlten bis jetzt. Das soll nun anders werden. Und bei Ankunft der europäischen Steamers werden die Fremdlinge mit einer schönen Parade regalirt werden. Sind auch die Uniformen alle gleich so ist doch nichts lächerliche als die unendliche Variation in der Farbe der Gesichter & Hände. Neben dem weiß & rothen Gesicht eines Deutschen sieht man das Chokolatbraune eines Mulaten, dann das Eiergelbe eines Mestizen, daneben das pechschwarze eines Negers welches wieder mit dem kupferrothen eines Indianers gar lieblich absticht. Eine Kopfbedeckung ragt über diese Häupter welche Erzherzog Max sehr treffend mit dem "Zelt Solimans des Bedrängers von Wien" vergleicht. Bekommen die preußischen Garden einmal im Winter Pelzröcke so werden diese armen Teufel auch in dito Uniformen gesotten werden.  – Wir aber, in den Provinzen, müßen diese Masquerade mit unserm sauer erworbenen Geld bezahlen, & haben nicht ein mal den Genuß uns bei deren Anblick ergötzen zu können. Doch genug davon.

Hast Du noch keine Herrschaft oder Landgut gekauft? Oder ziehst Du es vor gemüthlich von Deinen Renten, bald da bald dort zu leben. Am Deinem Platz würde ich mich auch nicht mehr quälen.

Nun leb wohl; grüße recht herzlich Alexandrine & Berti. Ich schicke keine Grüße von den Meinigen weil ich hier in meiner Waldeinsamkeit am Salgado bin.  Dein treuer Bruder Ferdinand

Meine besten Glückwünsche zum Neujahr falls mein Brief zur Zeit ankommt.

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