Freitag, 12. Juni 2015

14/11/1876 (Albert)

Atalaia do Missô 14 November  1876 (Albert)

(Piassava – Expedition Sie kostete Albertos Gesundheit)

Lieber Albert

Es sind bereits sechs Monate daß ich Deinen letzten Brief vor 18 März erhielt, welchen Du mir aus Deiner neuen Residenz schreibst. Hoffentlich bist Du nun vollständig & comfortabel eingerichtet & da, wie Du sagst, Deine neue Besitzung keine große Arbeit zu ihrer Verwaltung beansprucht, so kannst Du Dich so ziemlich dem beschaulichen Leben hingeben. Bei mir ist das allerdings anders. Wie Du aus dem Datum dieses Briefes sehn kannst, bin ich wieder in eine neue Gegend gezogen; eine Waldeinsamkeit am Meeresstrand zehn Meilen südlich von Ilhéos, auf einem Lande von x Quadratmeilen Umfang, welches der Familie in Gemeinschaft gehört; früher Besitzthum der Jesuiten, welche bei ihrer plötzlichen Vertreibung vor etlichen hundert Jahren ihre Schätze in den Felsschluchten von Atalaia verborgen haben sollen. Gleichzeitig wird behauptet daß die Geister der Patres & ihrer Schlachtopfer dort Wache halten & daß es bei Nacht dort sehr ungeheuerlich sein soll. Nun, ich bin manche mondhelle Nacht auf dieser Turmwarthe (Atalaia) auf & abgegangen ohne je eine Spur von einem Gespenst & leider ebensowenig einen Schatz zu entdecken. Wohl aber schwelgte ich im Hochgenuß der herrlichen Fernsicht die man von da einerseits über den glitzernden Ocean & andererseits über die zerklüftete Urwaldlandschaft hat. Dazu die frische salzige Seebrise von der andern Seite. Vor mir das Donnern der Brandung gegen den Strande, hinter mir das Rauschen des Waldes, & beides dominirend ein Heidenspektakel von Millionen von Zikaden, Grillen & Fröschen. Es brauchte einige Zeit ehe ich bei diesem Riesenconcert schlafen konnte. Doch der Sentimentalität & Naturschönheiten halber bin ich nicht her gekommen. Da meine Cafe - & Cakaobäume nichts tragen wollen habe ich mich nach einer andern Erwerbsquelle umsehn müßen. Da ist nun die Piassava, welche seit zwei Jahren den Hauptexportarikel von Mittelbrasilien bildet & maßenweise nach England, Holland & Petersburg verschifft wird, wo sie hauptsächlich zum Unterbau der Häuser die auf sumpfigen Boden construirt werden dient. Ich will Dir hochgelehrtem Mann nicht den Schimpf anthun dir erst zu erklären was Piassava ist; in jeder groben Bürste findest du Fäden davon mit den Borsten ect. vermischt.

Auf diesem Land findet sich die Piassava Palme maßenweise; es ist mit den eleganten Damen zu vergleichen, welche vor etlichen Jahren kolossale Krinolinen um die Hüften trugen, während nach der Mode die Krinoline jetzt auf dem Kopf getragen wird. Die Piassava Palme vereinigt beide Moden & sieht ungefähr so aus (Bild): Am Gipfel, zwischen den 30 Fußlangen Palmblättern setzt sich die Piassava in langen ineinander verwickelten Fäden wie eine Perrücke an; dann rutschen sie durch ihr eigenes Gewicht am Stamm hinunter & häusen sich dort an. Die ganze Figur ist oft an 80 Fuß hoch & ein guter Baum gibt bis anderthalb Zentner Piassava, welche am Fuß wie Werch abgesponnen wird, & am Kopf, nachdem der Baum umgehauen ist ebenfalls. Es ist dies ein ächt brasilianisch-vandalisches Verfahren, wo man den Baum umhaut um die Frucht zu genießen; ich habe viel dagegen geeifert, thue es aber nun selbst, wie die katholischen Pfaffen, die da predigen: "Folget meiner Lehre aber nicht meinem Beispiel". Wenn ich die Palmen nicht fälle so thun es die Andern, denn als ich her kam fand ich schon eine Menge von Leuten die unser Land plünderten, & sobald ich den Rücken kehre würde das Piassavastehlen von Neuem losgehn wenn ich etwas übrig lasse, was nicht in meiner Absicht liegt. Der einzige Werth des Landes besteht in der Piassava & ich gedenke damit gründlich aufzuräumen, da kein Anderer der Familie Lust hat Piassava hier zu ziehn & es doch Schade ist Alles den fremden Eindringlingen zu überlaßen. Ich denke bis Neujahr fertig zu sein & ungefähr zweitausende Zentner Piassava zu exportiren.

Vor zwei Jahren hatte sie einen Werth in Bahia von ungefähr 30 fr. der Zentner; jetzt aber nur die Hälfte. Wenn ich fertig bin ziehe ich wieder nach Victoria, nachdem ich mein ganzes Feldlager, bestehend aus 18 Hütten die von First zu Fundament aus Palmblättern construirt sind, den Flammen übergeben haben werde was mir recht leid thun wird, denn ich habe hier eine ganz angenehme Zeit verbracht, & denn ist die Lage gar wunderschön & ausnehmend gesund. Der Wald, in diesem dürren, sandigen Boden mahnt mich lebhaft an die europäischen Wälder, & ist ganz pygmeenhaft im Vergleich zu dem von Victoria & gar von Salgado, der den Urwald in seiner höchsten Potenz darstellt. Leider gibt es hier nichts zu essen: keine saftigen Waldfrüchte, keine Spur von Wild oder Fischen, welche gerade an Salgado in Profusion vorhanden sind. Alles muß mit großer Mühe & nicht ohne Gefahr per Achse von Victoria hertransportirt werden, am Seestrand entlang, indem man mit den schwerbeladen Wagen zwei recht böse Flüße passiren muß. In einem derselben wäre es mir beinahe gegangen wie weiland Pharao. Bei der Flußpassage waren 12 Ochsen vorgespannt; die Räder versanken im lockern Flußbeet bis an die Achsen & bei der verzweifelten Anstrengung der Ochsen riß die Kette an der die 10 Vorspannochsen zogen, so daß der Wagen mit den zwei Deichselochsen allein blieb. Die Räder versanken immer tiefer & die Fluth stieg immer höher; einzelne Wellen gingen schon über den Wagen. Der kleine Pony auf dem ich saß wurde ein Par mal in die Höhe gehoben & fast umgeworfen. Es war eine finstere unheimliche Nacht, in deren Dunkelheit man die Wellen posphorsprühend um die Speichen & die Beine der Ochsen kräuseln sah. Mit großer Mühe & nicht ohne wahre Thierquälerei gelang es die ganz wild gewordenen Ochsen wieder in die schäumenden Wellen zu treiben & anzuspannen. Alberto leistete bei dieser Gelegenheit, als trefflicher Schwimmer & Taucher ausgezeichnete Dienste; für ihn war die ganze Episode ein wahres Gaudium; für mich natürlich war es eine ganz andere Sache, & kann ich Dich versichern daß ich nicht ruhig athmete als bis ich dies 80 Fuß lange Fuhrwerk wie ein Seeungeheuer aus dem Meer auf den weißen Sand des Strandes heraufschlängeln sah. Ich mußte in meinen naßen Kleidern volle zwölf Stunden bleiben, was mir aber nichts schadete, erstens weil das Meerwasser nicht so schädlich ist als süßes Wasser, & dann auch weil meine Gesundheit wieder ganz solide ist.

Wenn die moderne Medizin jemals ein Specifikum entdeckt hat so sind es wahrhaftig die La Ville schon Präparate gegen Rheumatismus. Bei mir wenigstens kann ich sagen daß sie Wunder geleistet haben, & daß ich mich Gottlob als vollständig kurirt betrachten kann. Hie & da klopfen allerdings die Rheumatismen bald da bald dort noch an; aber es sind ganz erträgliche Schmerzen, die selten 24 Stunden dauern. Die verlorenen Kräfte & Elasticität kommen allerdings nie mehr in die Glieder. Hier, auf der Atalaia, befinde ich mich wohler als je; ich habe einen Appetit & schlafe meine acht Stunden ununterbrechen  wie mir das seit der zwanzigjährigen, sorgenlosen Lieutenantszeit nicht mehr passirt ist. Ich glaube es ist die von Seesalz & Piassava Harz geschwängerte Atmosphäre welche diese wohlthätige Wirkung hervorbringt, obwol wir hier wahrhaft giftiges Sumpfwasser trinken, welches bei den Negern bösartige Malariafieber erzeugt. Ich hatte ihrer manchmal bis 15, von 60, an einem Tag krank. Alberto wurde recht gefährlich krank, & ist seit drei Monaten noch nicht hergestellt, obwol ich ihn schon vor zwei Monaten nach Victoria schickte. Der arme Junge ist citronengelb bis ins Weiße der Augen & mager & schwach, daß er ganz unkenntlich geworden ist. Es waren recht traurige Tage, die ich da mit Alberto zugebracht habe. In einer Hütte, die mehr einem Vogelkäfig als einer menschlichen Wohnung gleicht, zur Winterzeit, wo Wind & Regen von allen Seiten auf den im Fieberschweiß phantasirenden Kranken eindringen, ohne anderes Getränk um seinen brennenden Durst zu stillen als eben das Gift das die Krankheit erzeugt hat, ohne andere Nahrung als das getrocknete, gesalzene Fleisch das ich mitgebracht hatte; nicht ein mal eine Tasse Thee. Dazu ist ein Vater immer ein schlechter Arzt für seine Kinder.

Fernando ist am Salgado & gibt böse Nachrichten. Die Indianer fangen wieder an ihr Wesen zu treiben. Ganz in der Nähe haben sie letzthin einen Viehtransport der vom Innere kam überfallen, etwa ein Dutzend Ochsen & Pferde mit ihren Pfeilen erschoßen & einen Mann gefährlich verwundet, der nur mit knapper  Noth entwischen konnte. Es sind nur sechs Neger dort, & was das Schlimste ist die großen Bluthunde vor welchen die Indianer einen Heidenrespekt haben, sind sämtlich krepirt, so daß man bei Nacht vor einem Ueberfall nicht sicher ist. Diesen fürchte ich nun viel weniger als daß diese Urgentlemen Lust bekommen sich von meiner Vieh- & Schafzucht zu nähren. Voriges Jahr ist mir schon ein Pferd spurlos von der Weide verschwunden, das jedenfalls den Herrn zu beefsteak gedient hat. Genug über Brasilien & meine Angelegenheiten.

Du wirst bereits erfahren haben daß ich mein Gesuch an die Familienkiste, behufs Ausbezahlung meines & meiner Söhne Antheil, zurückgenommen habe. Es war mir nicht um die Paar tausend Franken zu thun, ich wollte aber nichts mehr gemein haben mit Leuten, die sich so flegelhaft gegen mich benommen hatten. Nun die Herrn ihr Unrecht einsehn & eingestehn bin ich zufrieden. Der alte Seedorf schrieb mir sogar einen zehn – sage zehn Seiten langen Brief; Du kannst dir denken wie interessant, schade daß der Schreiber nicht Pergament dazu genommen hat, der größern Analogie halber – similia similibus.

Unsere Schwester Elise scheint ernsthaft davon zu denken mir einen Besuch abzustatten, ich freue mich ganz ungeheuer darüber. Sie könnte keine passendere Gelegenheit finden, als die sich gerade jetzt mit Querubino darbiethet, & da ich etwas davon zweifle daß dieser sich ins Brasilien etabliert so hat sie einen guten Begleiter für die Rückreise. Seit dem Tod unserer guten Mutter muß sich Elise sehr isolirt & unbeschäftigt fühlen; auch soll ihre Gesundheit etwas  angegriffen sein. Ich bin überzeugt die Reise & der Aufenthalt hier wird ihr in jeder Hinsicht wohl thun. Wenn Dein Berti mitkommen könnte wäre es noch viel schöner. Ich gratulire ihm herzlich zu seinem Avancement zum Lieutenant, & kann mir denken wie seine Mutter froh & stolz ist wenn sie am Arm dieses schmucken Officiers sich sagen kann: Das ist mein Sohn.

Es ist recht vernünftig daß man jetzt von den Offizieren praktische Ausbildung verlangt, & keine blanbecs zur Armee sendet, wie zu meiner Zeit, welche mit Armeecorps nach Vauban & Montalembert schem System vortrefflich auf dem Papier zu manovriren wußten, bei Ausstellung einer Feldwache von 20 Mann aber in die bitterste Verlegenheit geriethen.

Die Liste von Namen & Geburtstagen meiner Familie muß ich Dir von Victoria senden, denn ich weiß die sämtlichen Daten nicht auswendig.

Nun lebe wohl; grüße recht herzlich meine liebe Schwägerin, die mich hoffentlich  noch nicht vergeßen hat; ebenso Berti;  haltet Eure Gesundheit  stramm, damit wir uns, wenn auch erst in vielen Jahren, froh wiedersehn können. 

Dein treuer Bruder

Ferdinand

Als ich eben daran war diesen Brief zusamenzulegen mußte ich etwas an meinen Piassava Pressen in Ordnung bringen & kam dabei mit den grölten Schreiben in Berührung; daher dieser Fettfleck; bitte um Entschuldigung.

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