Atalaia do Missô
14 November 1876 (Albert)
(Piassava – Expedition
Sie kostete Albertos Gesundheit)
Lieber Albert
Es sind bereits sechs Monate daß ich Deinen letzten Brief
vor 18 März erhielt, welchen Du mir aus Deiner neuen Residenz schreibst.
Hoffentlich bist Du nun vollständig & comfortabel eingerichtet & da,
wie Du sagst, Deine neue Besitzung keine große Arbeit zu ihrer Verwaltung
beansprucht, so kannst Du Dich so ziemlich dem beschaulichen Leben hingeben.
Bei mir ist das allerdings anders. Wie Du aus dem Datum dieses Briefes sehn
kannst, bin ich wieder in eine neue Gegend gezogen; eine Waldeinsamkeit am
Meeresstrand zehn Meilen südlich von Ilhéos,
auf einem Lande von x Quadratmeilen Umfang, welches der Familie Sá in Gemeinschaft gehört; früher
Besitzthum der Jesuiten, welche bei ihrer plötzlichen Vertreibung vor etlichen
hundert Jahren ihre Schätze in den Felsschluchten von Atalaia verborgen haben sollen. Gleichzeitig wird behauptet daß die
Geister der Patres & ihrer Schlachtopfer dort Wache halten & daß es bei
Nacht dort sehr ungeheuerlich sein soll. Nun, ich bin manche mondhelle Nacht
auf dieser Turmwarthe (Atalaia) auf &
abgegangen ohne je eine Spur von einem Gespenst & leider ebensowenig einen
Schatz zu entdecken. Wohl aber schwelgte ich im Hochgenuß der herrlichen
Fernsicht die man von da einerseits über den glitzernden Ocean &
andererseits über die zerklüftete Urwaldlandschaft hat. Dazu die frische
salzige Seebrise von der andern Seite. Vor mir das Donnern der Brandung gegen
den Strande, hinter mir das Rauschen des Waldes, & beides dominirend ein
Heidenspektakel von Millionen von Zikaden, Grillen & Fröschen. Es brauchte
einige Zeit ehe ich bei diesem Riesenconcert schlafen konnte. Doch der
Sentimentalität & Naturschönheiten halber bin ich nicht her gekommen. Da
meine Cafe - & Cakaobäume nichts tragen wollen habe ich mich nach einer
andern Erwerbsquelle umsehn müßen. Da ist nun die Piassava, welche seit zwei
Jahren den Hauptexportarikel von Mittelbrasilien bildet & maßenweise nach
England, Holland & Petersburg verschifft wird, wo sie hauptsächlich zum
Unterbau der Häuser die auf sumpfigen Boden construirt werden dient. Ich will
Dir hochgelehrtem Mann nicht den Schimpf anthun dir erst zu erklären was
Piassava ist; in jeder groben Bürste findest du Fäden davon mit den Borsten
ect. vermischt.
Auf diesem Land findet sich die Piassava Palme maßenweise;
es ist mit den eleganten Damen zu vergleichen, welche vor etlichen Jahren
kolossale Krinolinen um die Hüften trugen, während nach der Mode die Krinoline
jetzt auf dem Kopf getragen wird. Die Piassava Palme vereinigt beide Moden &
sieht ungefähr so aus (Bild): Am Gipfel, zwischen den 30 Fußlangen Palmblättern
setzt sich die Piassava in langen ineinander verwickelten Fäden wie eine
Perrücke an; dann rutschen sie durch ihr eigenes Gewicht am Stamm hinunter &
häusen sich dort an. Die ganze Figur ist oft an 80 Fuß hoch & ein guter
Baum gibt bis anderthalb Zentner Piassava, welche am Fuß wie Werch abgesponnen
wird, & am Kopf, nachdem der Baum umgehauen ist ebenfalls. Es ist dies ein
ächt brasilianisch-vandalisches Verfahren, wo man den Baum umhaut um die Frucht
zu genießen; ich habe viel dagegen geeifert, thue es aber nun selbst, wie die
katholischen Pfaffen, die da predigen: "Folget meiner Lehre aber nicht
meinem Beispiel". Wenn ich die Palmen nicht fälle so thun es die Andern,
denn als ich her kam fand ich schon eine Menge von Leuten die unser Land
plünderten, & sobald ich den Rücken kehre würde das Piassavastehlen von
Neuem losgehn wenn ich etwas übrig lasse, was nicht in meiner Absicht liegt.
Der einzige Werth des Landes besteht in der Piassava & ich gedenke damit
gründlich aufzuräumen, da kein Anderer der Familie Lust hat Piassava hier zu
ziehn & es doch Schade ist Alles den fremden Eindringlingen zu überlaßen.
Ich denke bis Neujahr fertig zu sein & ungefähr zweitausende Zentner
Piassava zu exportiren.
Vor zwei Jahren hatte sie einen Werth in Bahia von ungefähr 30 fr. der Zentner;
jetzt aber nur die Hälfte. Wenn ich fertig bin ziehe ich wieder nach Victoria, nachdem ich mein ganzes
Feldlager, bestehend aus 18 Hütten die von First zu Fundament aus Palmblättern construirt sind, den Flammen übergeben haben
werde was mir recht leid thun wird, denn ich habe hier eine ganz angenehme Zeit
verbracht, & denn ist die Lage gar wunderschön & ausnehmend gesund. Der
Wald, in diesem dürren, sandigen Boden mahnt mich lebhaft an die europäischen
Wälder, & ist ganz pygmeenhaft im Vergleich zu dem von Victoria & gar von Salgado,
der den Urwald in seiner höchsten Potenz darstellt. Leider gibt es hier nichts
zu essen: keine saftigen Waldfrüchte, keine Spur von Wild oder Fischen, welche
gerade an Salgado in Profusion vorhanden sind. Alles muß mit großer Mühe &
nicht ohne Gefahr per Achse von Victoria
hertransportirt werden, am Seestrand entlang, indem man mit den schwerbeladen
Wagen zwei recht böse Flüße passiren muß. In einem derselben wäre es mir
beinahe gegangen wie weiland Pharao. Bei der Flußpassage waren 12 Ochsen
vorgespannt; die Räder versanken im lockern Flußbeet bis an die Achsen &
bei der verzweifelten Anstrengung der Ochsen riß die Kette an der die 10
Vorspannochsen zogen, so daß der Wagen mit den zwei Deichselochsen allein
blieb. Die Räder versanken immer tiefer & die Fluth stieg immer höher;
einzelne Wellen gingen schon über den Wagen. Der kleine Pony auf dem ich saß
wurde ein Par mal in die Höhe gehoben & fast umgeworfen. Es war eine
finstere unheimliche Nacht, in deren Dunkelheit man die Wellen posphorsprühend um
die Speichen & die Beine der Ochsen kräuseln sah. Mit großer Mühe &
nicht ohne wahre Thierquälerei gelang es die ganz wild gewordenen Ochsen wieder
in die schäumenden Wellen zu treiben & anzuspannen. Alberto leistete bei dieser Gelegenheit, als trefflicher Schwimmer &
Taucher ausgezeichnete Dienste; für ihn war die ganze Episode ein wahres
Gaudium; für mich natürlich war es eine ganz andere Sache, & kann ich Dich
versichern daß ich nicht ruhig athmete als bis ich dies 80 Fuß lange Fuhrwerk
wie ein Seeungeheuer aus dem Meer auf den weißen Sand des Strandes heraufschlängeln
sah. Ich mußte in meinen naßen Kleidern volle zwölf Stunden bleiben, was mir
aber nichts schadete, erstens weil das Meerwasser nicht so schädlich ist als süßes
Wasser, & dann auch weil meine Gesundheit wieder ganz solide ist.
Wenn die moderne Medizin jemals ein Specifikum entdeckt hat
so sind es wahrhaftig die La Ville
schon Präparate gegen Rheumatismus. Bei mir wenigstens kann ich sagen daß sie
Wunder geleistet haben, & daß ich mich Gottlob als vollständig kurirt
betrachten kann. Hie & da klopfen allerdings die Rheumatismen bald da bald
dort noch an; aber es sind ganz erträgliche Schmerzen, die selten 24 Stunden
dauern. Die verlorenen Kräfte & Elasticität kommen allerdings nie mehr in
die Glieder. Hier, auf der Atalaia,
befinde ich mich wohler als je; ich habe einen Appetit & schlafe meine acht
Stunden ununterbrechen wie mir das seit
der zwanzigjährigen, sorgenlosen Lieutenantszeit nicht mehr passirt ist. Ich
glaube es ist die von Seesalz & Piassava Harz geschwängerte Atmosphäre
welche diese wohlthätige Wirkung hervorbringt, obwol wir hier wahrhaft giftiges
Sumpfwasser trinken, welches bei den Negern bösartige Malariafieber erzeugt.
Ich hatte ihrer manchmal bis 15, von 60, an einem Tag krank. Alberto wurde recht gefährlich krank, &
ist seit drei Monaten noch nicht hergestellt, obwol ich ihn schon vor zwei
Monaten nach Victoria schickte. Der
arme Junge ist citronengelb bis ins Weiße der Augen & mager & schwach,
daß er ganz unkenntlich geworden ist. Es waren recht traurige Tage, die ich da
mit Alberto zugebracht habe. In einer
Hütte, die mehr einem Vogelkäfig als einer menschlichen Wohnung gleicht, zur
Winterzeit, wo Wind & Regen von allen Seiten auf den im Fieberschweiß
phantasirenden Kranken eindringen, ohne anderes Getränk um seinen brennenden
Durst zu stillen als eben das Gift das die Krankheit erzeugt hat, ohne andere
Nahrung als das getrocknete, gesalzene Fleisch das ich mitgebracht hatte; nicht
ein mal eine Tasse Thee. Dazu ist ein Vater immer ein schlechter Arzt für seine
Kinder.
Fernando ist am Salgado & gibt böse Nachrichten. Die
Indianer fangen wieder an ihr Wesen zu treiben. Ganz in der Nähe haben sie
letzthin einen Viehtransport der vom Innere kam überfallen, etwa ein Dutzend
Ochsen & Pferde mit ihren Pfeilen erschoßen & einen Mann gefährlich verwundet,
der nur mit knapper Noth entwischen
konnte. Es sind nur sechs Neger dort, & was das Schlimste ist die großen
Bluthunde vor welchen die Indianer einen Heidenrespekt haben, sind sämtlich
krepirt, so daß man bei Nacht vor einem Ueberfall nicht sicher ist. Diesen
fürchte ich nun viel weniger als daß diese Urgentlemen
Lust bekommen sich von meiner Vieh- & Schafzucht zu nähren. Voriges Jahr
ist mir schon ein Pferd spurlos von der Weide verschwunden, das jedenfalls den
Herrn zu beefsteak gedient hat. Genug
über Brasilien & meine
Angelegenheiten.
Du wirst bereits erfahren haben daß ich mein Gesuch an die
Familienkiste, behufs Ausbezahlung meines & meiner Söhne Antheil,
zurückgenommen habe. Es war mir nicht um die Paar tausend Franken zu thun, ich
wollte aber nichts mehr gemein haben mit Leuten, die sich so flegelhaft gegen
mich benommen hatten. Nun die Herrn ihr Unrecht einsehn & eingestehn bin
ich zufrieden. Der alte Seedorf schrieb mir sogar einen zehn – sage zehn Seiten
langen Brief; Du kannst dir denken wie interessant, schade daß der Schreiber
nicht Pergament dazu genommen hat, der größern Analogie halber – similia similibus.
Unsere Schwester Elise scheint ernsthaft davon zu denken mir
einen Besuch abzustatten, ich freue mich ganz ungeheuer darüber. Sie könnte
keine passendere Gelegenheit finden, als die sich gerade jetzt mit Querubino darbiethet, & da ich etwas
davon zweifle daß dieser sich ins Brasilien
etabliert so hat sie einen guten Begleiter für die Rückreise. Seit dem Tod
unserer guten Mutter muß sich Elise sehr isolirt & unbeschäftigt fühlen;
auch soll ihre Gesundheit etwas
angegriffen sein. Ich bin überzeugt die Reise & der Aufenthalt hier
wird ihr in jeder Hinsicht wohl thun. Wenn Dein Berti mitkommen könnte wäre es noch viel schöner. Ich gratulire ihm
herzlich zu seinem Avancement zum Lieutenant, & kann mir denken wie seine
Mutter froh & stolz ist wenn sie am Arm dieses schmucken Officiers sich
sagen kann: Das ist mein Sohn.
Es ist recht vernünftig daß man jetzt von den Offizieren
praktische Ausbildung verlangt, & keine blanbecs zur Armee sendet, wie zu
meiner Zeit, welche mit Armeecorps nach Vauban
& Montalembert schem System
vortrefflich auf dem Papier zu manovriren wußten, bei Ausstellung einer Feldwache von 20
Mann aber in die bitterste Verlegenheit geriethen.
Die Liste von Namen & Geburtstagen meiner Familie muß
ich Dir von Victoria senden, denn ich
weiß die sämtlichen Daten nicht auswendig.
Nun lebe wohl; grüße recht herzlich meine liebe Schwägerin,
die mich hoffentlich noch nicht vergeßen
hat; ebenso Berti; haltet Eure Gesundheit stramm, damit wir uns, wenn auch erst in
vielen Jahren, froh wiedersehn können.
Dein treuer Bruder
Ferdinand
Als ich eben daran war diesen Brief zusamenzulegen mußte ich
etwas an meinen Piassava Pressen in
Ordnung bringen & kam dabei mit den grölten Schreiben in Berührung; daher
dieser Fettfleck; bitte um Entschuldigung.






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