Sonntag, 14. Juni 2015

23/01/1874 (Albert)

Bordeaux den 23 Januar 1874

(Nach dem 2. Besuch in Europa. Wir waren zusammen in der Schweiz. Ferdinand war krank gekommen)

Lieber Albert

Auf dem Punkte das alte Europa wieder zu verlaßen schreibe ich Dir diese Zeilen um Dir & der freundlichen, lieben Alexandrine Lebewohl zu sagen. Morgen 9 Uhr geht’s am Bord der "Britania" fort & hoffentlich kommen wir am 6 Februar in Bahia an. Du kannst Dir denken mit welcher Ungeduld ich dem Augenblick meiner endlichen Ankunft zu Hause entgegensehe; ich werde acht Monate abwesend gewesen sein. Meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, recht brav gehalten, sogar in Paris wo ich im entsetzlichsten Koth den ganzen Tag herumlaufen mußte habe ich nur einen gelinden Schmerz in der Hüfte gespürt, der mir jedoch einen großen Schreck einflößte. Nie hätte ich gedacht einen so ungeheuern Temperatur zwischen der Schweiz & Frankreich zu finden. In Paris fuhr Alles in offenen Wagen, & um 11 Uhr Nachts sah ich Herrn & Damen unter  freiem Himmel auf den boulevarde ihr Bier & Wein trinken. Hier ist es dann noch ganz anders; die meisten Bäume herrlich belaubt, saftig grüner Rasen, blühende Aurikeln & Feilchen, singende Grasmücken & Finken;  gestern um 3 Uhr nachmittag 14o cent. Wärme; ich mußte schlechterdings meine dicken Flanelunterkleider ablegen. Aber Schmutz & Gestank hat man hier daß es ein wahrer Gräuel ist. Gestern Abend waren wir in einer sehr netten soirée, wo ich als Inhaber der berühmten FS Marke in Caffe & Cakao ziemlich fetirt wurde. Auch Alberto, den viele der Anwesenden als achtjähriges Bubchen gesehn hatten wurde sehr freundlich bewillkommnet, & einige recht hübsche Gascognerinnen erinnerten ihn an die Zeit wo sie zusamen mit der Puppe spielten. Eine Schande ist es, & war mir höchst unangenehm daß weder in dem großen Paris noch hier türkische Bäder zu haben sind, ja, die guten Franzosen kennen sie nicht einmal.

Ich nehme zwei junge Weinbauer aus der Umgegend von Neuchâtel mit mir, die den Vortrab der später folgenden Colonisten bilden sollen, um noch & noch meine Sklaven durch freie Arbeiter zu ersetzen.

Deinen Brief habe ich seiner Zeit in (…)

(…) geschenkt hast. Ueberhaupt hast du meinen Kindern unendlich viel Freundlichkeit erzeigt, & warst ihnen stets ein liebevoller Onkel; auch Alexandrine hat die Buben jederzeit mit ungemeiner Güte & Nachsicht behandelt; auch sehn sie das dankbar ein & bewahren euch beiden ein sehr freundliches (…)

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