Victoria den 28 Februar 1867
[A. S. - Amelia & Anderes]
Lieber Albert
Deinen Brief von 16 Januar habe ich erhalten & danke Dir
dafür. Der Hauptzweck gegenwärtigen Schreibens ist Dir mitzutheilen daß ich an Barrelet geschrieben habe die Reise oder
Nichtreise meiner Tochter nach seinem besten Dafürhalten zu entscheiden (Der Tod knikte Das Alles vorzeitig).
Wenn sie jetzt confirmirt werden soll so kann sie allerdings nicht nach Böhmen.
Und so ist es möglich daß ich selbst sie Dir nächstes Jahr in Frühling zuführe,
worauf ich mich natürlich ganz kolossal freue. Für dieses Jahr ist es mir
durchaus unmöglich eine längere Abwesenheit von Hause zu machen. – Wie dankbar
ich Dir & meiner lieben Schwägerin für Euer Anerbiethen, & für die
Wohlthat die Ihr meinem Kind erzeigt, kann ich gar nicht sagen. Es versteht
sich von selbst daß Amelia bei Euch
ein eingezogenes Familienleben führen soll; dafür schicke ich ja meine Kinder
nach Europa, damit sie die Begriffe Häuslichkeit, Geschwisterliebe, Moral &
Pflichtgefühl kennen lernen & in sich aufnehmen: der berechnende, rast- &
gewißenlose Amerikanismus gibt sich mit dergleichen Bagatellen nicht ab – er
will vorwärts emporkommen, gleichviel auf welche Art. Aber in solcher
Athmosphäre verdorrt & verkümmert ein jugendliches Gemüth. Was den
Unterricht betrifft so wünsche ich sehr daß sie Deutsch & Englisch
gründlich lernt; Musik, namentlich Gesang & was sonst von einem gebildeten
Mädchen verlangt wird. Du hast darin carte
blanche mit der Bemerkung daß ich, was die Erziehung meiner Kinder betrifft
nie gespart habe; - im Gegentheil. Das Taschengeld kann niemand besser
bestimmen als Alexandrine; ich bin viel zu sehr dem europäischen Familienleben
entfremdet, um in dieser Hinsicht eine auch nur annähernde Idee von einer
Ziffer zu haben. Weder Knauserei noch Großthuerei; das weißt du ja selbst. Die
Art & Weise wie ich Dir die schuldigen Gelder werde zukommen lassen weiß
ich noch nicht recht; mein einziger Correspondent in Europa ist /Barrelet/, mit
welchem ich natürlich immer in Abrechnung bin.
Unsere Mutter drückt mir den sehnlichen Wunsch aus mich dies
Jahr zu sehn & es thut mir in der Seele weh demselben nicht willfahren zu
können. Ich habe gegenwärtig nicht einen einzigen Beamten & bin ganz allein
um Alles, von der obersten Führung bis ins geringste Detail zu besorgen; &
dies am Vorabend einer großen Erndte, & bei höchst ungesundene Wetter, so
daß ich Tage von 20 kranken Negern habe, was die Arbeiten natürlich nicht
beschleunigt & mir außerdem, durch meine klinische & pharmazeutischen
Beschäftigungen viel Zeit raubt. Hoffentlich wird alles zum Besten gehn, &
wenn ich einmal etliche tausend Säcke Cafe versilbert haben werde, denke ich
gar nicht mehr an all die Sorgen & Plagen. – Unsere Mutter hat eine gute
Gesundheit & wird wol noch ein Jahr, & hoffentlich noch viele darüber,
aushalten, um so mehr als sie jetzt ein ruhigers Leben führt. Die Vollmacht für
dieselbe, behufs Transaktionen von Werthschriften werde ich nächstens
schicken. Mit letzten Steamer erhielt
ich einen Brief & eine Abrechnung dadirt von Bern & gezeichnet von Wattenwyl
Ernst & Ca. lauf welchen ich einen Saldo zu Gunsten von f. 2033.55 bei
diesen Herrn habe. Ich habe gar keine Idee wo das herkömmt & was das zu
bedeuten hat. Weißt Du es etwa?
Die Preußen haben euch arg mitgespielt; ich bin recht froh
daß ich nicht dabei war. Es ärgert & grämt mich aber zu sehn wie
Oesterreich jedesmal wenn es sich in einen Krieg einläßt so jämerlich &
augenblicklich geschlagen wird; der einzige Feind dem es einigermaßen gewachsen
ist sind die miserabeln Italiener, bekanntlich keine Helden. Ich schließe nun
mit herzlichen Grüßen an Dich, Alexandrine & Berti; meine Frau, die wol nie Europa sehn wird thut ein Gleiches.
In 15 Monathen sitzen wir wieder hübsch zusamen.


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