Sonntag, 14. Juni 2015

16/10/1873 (Elise)


Wiesbaden den 16 October  1873

(Elise hat ihn bei der Kur in Wiesbaden gepflegt)

An meine Bonne

Deinem Wickelkind geht es ganz erträglich seit dem wieder gutes Wetter eingetreten ist. Damit ist jedoch keineswegs gesagt daß Du mir nicht gefehlt hast, im Gegentheil wäre eine solche Behauptung die kolossalste Lüge die ich je vom Stappel gelaßen hätte. Mein Cabat hängt fest & treu wie die Wacht am Rhein an meinem Körper, die Gumischuhe habe ich nur einmal anzuziehn gebraucht, indem immer schön Wetter war. Letzten Sonntag war es daher so voll beim Cursaal wie in den schonsten Augusttagen; man konnte gar nicht gegen den Menschenstrom ankommen & mußte sich von ihm tragen lassen. Trotz dem wird mein Zimmer schon seit 9 Tagen geheizt; jeden Tag einen Gulden Holz. Caramba! das ist ein Vergnügen für Jemanden der gewöhnt ist ganze Hecatomben davon gratis anzustiften.  Mein neues Stubenmädchen, das Dir ein Sadrach zu sein schien ist viel besser als unsere frühere Winchen & hält namentlich strenge Controlle über meine Hemd- & Hosenknöpfe. Manchmal machen wir sogar ein Stückchen Conversation zusamen. Il faut être bon prince. Die langen Abende wären mir schauderhaft langweilig wenn mir nicht Bonte mehreres zum Lesen hier gelaßen hätte, unter andern die von ihm verfaßte Geschichte der letzten 25 Jahre des 25ten Regiments. Um halb acht gehe ich, wie zu Deiner Zeit, zu Christmann, wo sich dann auch unser fideler Silberbart einfindet (welcher sich vielmals empfehlen läßt). Dazu gesellen sich dann noch zwei Familien von westphälischen Gutsbesitzern, acht Personen an der Zahl, meist joviale Bonvivants & ganz artige Mädchen, so daß wir einen ganzen Flügel des langen Eßtisches für uns einnehmen. Bei dieser Gelegenheit, meine liebe Elise, mußt Du die Schürze der Bonne mit dem priesterlichen Ornat vertauschen um mein Confiteor anzuhören das ich mit der vorschriftsmäßigen Zerknirschung ausspreche. Ich glaube nämlich das wir bei unsern Schoppen öfters bis elf oder gar – schaudere nicht – bis nach zwölf Uhr zusamen gesessen sind. Du siehst die Gespenster.

Natur regt sich wieder bei mir nachdem Du mich verlassen hast. Morgen fahren wir Alle nach der Platte, der ich stets ein gutes Andenken bewahre weil dies mein erster Ausflug war als ich aus dem Invalidencorps entlaßen wurde. Bei Deiner Mittheilung daß es schon in eurer Nähe geschneit hat wird mir wie wenn man mir das Rückgrat mit Eiszapfen streichelte. Heute war also große Consulte beim Doktorchen: Resultat der Besprechung war, daß wenn ich noch 10 Bäder genommen haben werde es vollständig & übergenug sein wird, & ein weiteres Baden durchaus nichts mehr nützen kann. So wäre ich denn bis am 26 fertig, könnte mich am 28te auf den Weg machen & um den 1ten November in Bern eintreffen. Jedenfalls schreibe ich nächsten Donnerstag, da möglicherweise unser Aesculap plötzlich mit einer neuen Verordnung erscheinen kann. Uebrigens fühle ich selbst daß mir das Baden zu gar nichts mehr hilft; es hat gethan Alles was es konnte, mehr verlangen wäre Unsinn. Zu einer radikalen Cur wäre nächstes Jahr eine zweite Auflage erforderlich.

Heute erhielt ich Alberts Brief & freue mich sehr zu wissen daß ich ihn & Alex-  jedenfalls noch sehn werde, ehe ich meine Reise antrete. Nun, auf ein baldiges frohes Wiedersehn zwischen Amme & Kind. Tausend Grüße an Mama, Alex-, Alg, Therese & Charles, so wie die Kinder.
Ferdinand

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