Victoria den 28 November 1866
[A.S. – Allerlei]
Lieber Albert!
Dein Brief vom 3 Juni ist mir zugekommen & hätte mir wie
immer große Freude verursacht, wenn er nicht die schmerzliche Todesnachricht
Deiner lieben Schwiegermutter gebracht hätte. Ich hatte sie während meines langen
Aufenthalts in Hlubosch so lieb gewonnen, sie war stets so freundlich & so
liebreich gegen mich, daß mir diese Nachricht im Herzen weh gethan hat. – Was mußte
es für Euch beide dann sein!
Obwol ich vermuthe daß Du gegenwärtig in Mentone oder in dieser Gegend bist,
adressire ich diesen Brief nach Prag, von wo er Dir, wenngleich auf bedeutendem
Umweg, zukommen wird.
Du hast mir das Anerbiethen gemacht meine Tochter Amelia auf einige Zeit zu Euch zu nehmen; [A. S. – Die arme Amelia bekam eben
damals die Schwindsucht, & starb 1867, ohne nach Bömen zu können] ganz
natürlich nehme ich dasselbe mit großer Freude & inniger Dankbarkeit an.
Nur Eins macht mir Sorgen: Meine liebe Schwägerin ist etwas nervös &, da es
kaum wahrscheinlich ist daß meine Tochter Vokation zu Trappistin, hat, so könte
es sich ereignen daß sie mit dem Vetter Berthi etwas zu viel Spektakel im Hause
machte. Man sagt mir zwar zu von allen Seiten meine Kinder seien folgsam &
wohlgezogen; das freut mich mehr als wenn meine Cafebäume Goldstücke statt
Cafebohnen trägen. Aber Kinder sind Kinder! Die Frage ist daher: kann Deine
Frau diese Einquartirung ohne zu große Opfer zu bringen ertragen. Opfer bringt
Ihr jedenfalls: wo wäre sonst das Verdienst & die brüderliche Liebe. Was
nun das Finanzielle betrifft hast Du vollkommen carte blanche. No. 1. Du weißt daß ich bisher weder Gold noch
Diamantengruben auf meinen Grundstücken entdeckt habe; dennoch besitze ich
Gottlob die Mittel um meinen Kindern eine gute Erziehung zu geben, insofern
dies mit Geld erreicht werden kann. In diesem Punkt denke ich an keine Sparen &
knausern: ganz im Gegentheil. No. 2. Würde es mir sehr leid thun daß meine
Kinder in irgend einer Art meinen Geschwister zur Last fielen. Es ist ein
seltenes Glück daß meiner Tochter zu Theil wird einige Zeit in der Intimität
Eures Familienlebens Theil nehmen zu können; & es wäre mehr als unbescheiden
von mir wenn ich Euch noch peküniäre Opfer zumuthen wollte. 3tens. Bin ich
nicht so gehäßig & nicht so eitel als daß mich die Dankbarkeit die ich
meinem Bruder & meiner Schwägerin schuldig bin, drücken oder ängstigen
könnte. – Mit diesen drei gegebenen Punkten kannst Du, als guter Mathematiker &
dito Bruder, Deine Gleichung
konstruiren & Dein X bestimmen. –
Ich schreibe an Barrelet
damit er, falls du es verlangst, bei Deiner Rückkehr von Italien, Dir Amelia übergibt & Alles was Du
nöthig finden wirst besorgt. Die drei zurückbleibenden Buben dauern mich; es
ist das erste mal daß eine solche Trennung zwischen diesen Geschwistern
vorkommt. Wir haben das auch durchgemacht &, wie alle Kinder, dachten wir
das Herz müße einem brechen vor lauter Weh & Jammer; in diesem Alter weiß
man zum Glück nicht was für ganz andere Brocken man später hinunter schlucken
muß.
Du warst so freundlich meinen Kindern die große Freude einer
Ferienzeit in Bern zu verschaffen. Therese hat auch ächt schwesterlich
mitgeholfen. Meinen herzlichen Dank dafür. Auch Elise handelt stets als
Prototipp einer ächten Tante. Nur ich habe leider noch nie Gelegenheit gehabt
mich als liebreicher Onkel zu zeigen; ich falle ganz aus der Rolle; indem ein
vorschriftsmäßiger, amerikanischer Onkel niemals Kinder sondern nur Millionen
besitzen darf. (…)
Könnte ich einen zuverläßigen Verwalter finden so würde ich
nächstes Jahr wieder einen Abstecher nach Europa machen; ich sehne mich ganz
ungemein nach meinen Kindern & auch nach Euch Allen. Aber nimmt man
Brasilianer so sind es träge, unwißende & gewißenlose Leute; nimmt man
Europäer so muß man sie ohne den geringsten Nutzen einige Jahre bezahlen bis daß sie aklimatisirt
sind, die Landesprache, Behandlung der Neger, Landwirthschaft etc. gelernt
haben; & sobald dies der Fall ist drehn sie einem den Rücken um sich auf
eigene Faust zu etabliren.
Obwol meine Baumwolle zwei Jahre hintereinander gänzlich
verunglückt ist, so kann ich doch nicht über schlechte Jahre klagen. Cafe &
Cakao haben mehr als Mittelerndten gegeben, &, im nächsten Jahr sehe ich
einer so ungeheuren Cafeerndte entgegen, daß ich wahrscheinlich das traurige
Glück haben werde etliche hundert Centner Cafe schmählich am Boden verfaulen zu
sehn, aus Mangel an Händen um ihn einzubringen. Es sind dies Gelegenheiten wo
man gern Taglöhne von 30 francs bezahlen
würde; aber keine Rede davon hier Leute zu finden.
Was unsern Krieg mit Paraguay
betrifft, dieser lächerlichen Karrikatur des Kampfs eines Kolosses mit einem
Pigmäen, so fängt es an hier sehr schlecht zu gehen. Im ganzen Volk herrscht
die größte Erbitterung, & mit Recht, & ohne die traditionelle
creolische Indolenz wäre es schon zu Ausbruch gekommen; Steuern, dieses bis
jetzt unbekante Glück der Civilisation müßen wir bezahlen, & zwar in ganz
gehörigen Dosen. Das barbarische Sistem des Rekrutirens, wonach jeder
unverheirathete Mann zwischen 18 & 45 Jahren mit List oder Gewalt gepackt &
fortgeschleppt wird, unbekümert ob er unmündige Geschwister, Eltern,
Pflanzungen, Neger, Geschäfte zurückläßt. Die allgemeine Kunde von der
miserablen Kriegführung, von den empörenden Unterschleifen & Diebstählen,
die vom Kriegsminister bis zum Oberst begangen werden (vom Oberst abwärts fängt
die Rolle der Bestohlenen an) Die, wenngleich sehr spärlichen Nachrichten vom
Kriegsschauplatz, in welchen man Kunde erhält wie die Verwundeten in den
Ambulanzen & Spitälern behandelt werden; daß einem die Haare zu Berge stehn
& man aus Mitleid Lust bekäme jeden Verwundeten gleich fertig zu machen,
lieber als ihn in diesen Marteranstalten langsam zu Tode quälen zu lassen!
Wahrhaftig es wäre genug um Samojeden & Kamtschadalen
zur Verzweiflung zu treiben. Aber der Brasilianer sieht dies mit der
stoischsten Ruhe an. Dabei ist der Staatsbankrot unvermeidlich & unser
guter Peter, der den Karren hat in
den Koth fahren lassen, will jetzt abdanken. "Bon voyage cher Dumollet" – an dem guten Mann ist nichts
verloren. Wir bekommen dann wahrscheinlich eine föderative Republik. D. h. Bonet blanc – ou – Blanc bonet! imer dieselbe
Geschichte.
Möglicherweise daß es bei dieser Gelegenheit auch zu
Sklavenemanzipation kömmt. Die lieblichen Yankees
werden jedenfalls dabei nachhelfen; ebenso wie sie den armen Kaiser von Mexico vertreiben. – Ist es wahr daß
seine Frau an zerrüttetem Geist leidet; das wäre ja entsetzlich! Einen Thron
verlieren ist nichts; besonders wenn man nicht darauf geboren ist; aber das
ganze Lebensglück auf solche Art zerstört zu sehn ist entsetzlich. Ohne
Lebensgefährtin, ohne Kinder, ohne Zukunft & ohne andere Vergangenheit als
eine mit bitterer Wehmuth geschwängerte, - dabei noch so jung, trostlos durchs
Leben gehn! Der arme Erzherzog oder Kaiser thut mir in der Seele weh.
In Folge Deines letzten Briefs habe ich an unsern Vater
geschrieben & meine Vollmacht an L.
de Wattenwyl, behulfs meiner Vertretung bei etwaigen
Erbschaftsangelegenheiten, geschickt. Wohlverstanden hat derselbe nichts zu
verlangen zu diskutiren & zu kritisiren. Alles was unser Vater gethan hat
ist für mich bindend, & alles was meine Geschwister thun & beschließen
hat meine unbedingte Zustimmung. Wären wir nicht Alle gute Kinder so würde ich
meinem Bevollmächtigten auftragen die Interessen unserer Mutter wahrzunehmen:
ich weiß aber daß es nicht nöthig ist.
Gegenwärtig bin ich mit großen Lauten beschäftigt &, da
ich selbst Maurer, Zimmermann, Schloßer ect. sein muß, bin ich sehr
beschäftigt, um so mehr als ich große Vorkehrungen für die bevorstehende Erndte
machen muß. Dabei haben wir typhöse Fieber in der Gegend, die mir viel zu thun
geben. (A. S. – Er war der unentgeldiche
Arzt weit und breit)
Lebe wohl! Sage Deiner Frau daß ich ihre beiden Hände an die
Brust & an die Lippen drücke; meine Frau thut dasselbe. Ich denke in Kurzem
sehn wir uns wieder.




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