Freitag, 19. Juni 2015

28/11/1866 (Albert)

Victoria den 28 November 1866

[A.S. – Allerlei]

Lieber Albert!

Dein Brief vom 3 Juni ist mir zugekommen & hätte mir wie immer große Freude verursacht, wenn er nicht die schmerzliche Todesnachricht Deiner lieben Schwiegermutter gebracht hätte. Ich hatte sie während meines langen Aufenthalts in Hlubosch so lieb gewonnen, sie war stets so freundlich & so liebreich gegen mich, daß mir diese Nachricht im Herzen weh gethan hat. – Was mußte es für Euch beide dann sein!

Obwol ich vermuthe daß Du gegenwärtig in Mentone oder in dieser Gegend bist, adressire ich diesen Brief nach Prag, von wo er Dir, wenngleich auf bedeutendem Umweg, zukommen wird.

Du hast mir das Anerbiethen gemacht meine Tochter Amelia auf einige Zeit zu Euch zu nehmen; [A. S. – Die arme Amelia bekam eben damals die Schwindsucht, & starb 1867, ohne nach Bömen zu können] ganz natürlich nehme ich dasselbe mit großer Freude & inniger Dankbarkeit an. Nur Eins macht mir Sorgen: Meine liebe Schwägerin ist etwas nervös &, da es kaum wahrscheinlich ist daß meine Tochter Vokation zu Trappistin, hat, so könte es sich ereignen daß sie mit dem Vetter Berthi etwas zu viel Spektakel im Hause machte. Man sagt mir zwar zu von allen Seiten meine Kinder seien folgsam & wohlgezogen; das freut mich mehr als wenn meine Cafebäume Goldstücke statt Cafebohnen trägen. Aber Kinder sind Kinder! Die Frage ist daher: kann Deine Frau diese Einquartirung ohne zu große Opfer zu bringen ertragen. Opfer bringt Ihr jedenfalls: wo wäre sonst das Verdienst & die brüderliche Liebe. Was nun das Finanzielle betrifft hast Du vollkommen carte blanche. No. 1. Du weißt daß ich bisher weder Gold noch Diamantengruben auf meinen Grundstücken entdeckt habe; dennoch besitze ich Gottlob die Mittel um meinen Kindern eine gute Erziehung zu geben, insofern dies mit Geld erreicht werden kann. In diesem Punkt denke ich an keine Sparen & knausern: ganz im Gegentheil. No. 2. Würde es mir sehr leid thun daß meine Kinder in irgend einer Art meinen Geschwister zur Last fielen. Es ist ein seltenes Glück daß meiner Tochter zu Theil wird einige Zeit in der Intimität Eures Familienlebens Theil nehmen zu können; & es wäre mehr als unbescheiden von mir wenn ich Euch noch peküniäre Opfer zumuthen wollte. 3tens. Bin ich nicht so gehäßig & nicht so eitel als daß mich die Dankbarkeit die ich meinem Bruder & meiner Schwägerin schuldig bin, drücken oder ängstigen könnte. – Mit diesen drei gegebenen Punkten kannst Du, als guter Mathematiker & dito Bruder, Deine Gleichung konstruiren & Dein X bestimmen. –

Ich schreibe an Barrelet damit er, falls du es verlangst, bei Deiner Rückkehr von Italien, Dir Amelia übergibt & Alles was Du nöthig finden wirst besorgt. Die drei zurückbleibenden Buben dauern mich; es ist das erste mal daß eine solche Trennung zwischen diesen Geschwistern vorkommt. Wir haben das auch durchgemacht &, wie alle Kinder, dachten wir das Herz müße einem brechen vor lauter Weh & Jammer; in diesem Alter weiß man zum Glück nicht was für ganz andere Brocken man später hinunter schlucken muß.

Du warst so freundlich meinen Kindern die große Freude einer Ferienzeit in Bern zu verschaffen. Therese hat auch ächt schwesterlich mitgeholfen. Meinen herzlichen Dank dafür. Auch Elise handelt stets als Prototipp einer ächten Tante. Nur ich habe leider noch nie Gelegenheit gehabt mich als liebreicher Onkel zu zeigen; ich falle ganz aus der Rolle; indem ein vorschriftsmäßiger, amerikanischer Onkel niemals Kinder sondern nur Millionen besitzen darf. (…) 

Könnte ich einen zuverläßigen Verwalter finden so würde ich nächstes Jahr wieder einen Abstecher nach Europa machen; ich sehne mich ganz ungemein nach meinen Kindern & auch nach Euch Allen. Aber nimmt man Brasilianer so sind es träge, unwißende & gewißenlose Leute; nimmt man Europäer so muß man sie ohne den geringsten Nutzen einige Jahre bezahlen bis daß sie aklimatisirt sind, die Landesprache, Behandlung der Neger, Landwirthschaft etc. gelernt haben; & sobald dies der Fall ist drehn sie einem den Rücken um sich auf eigene Faust zu etabliren.

Obwol meine Baumwolle zwei Jahre hintereinander gänzlich verunglückt ist, so kann ich doch nicht über schlechte Jahre klagen. Cafe & Cakao haben mehr als Mittelerndten gegeben, &, im nächsten Jahr sehe ich einer so ungeheuren Cafeerndte entgegen, daß ich wahrscheinlich das traurige Glück haben werde etliche hundert Centner Cafe schmählich am Boden verfaulen zu sehn, aus Mangel an Händen um ihn einzubringen. Es sind dies Gelegenheiten wo man gern Taglöhne von 30 francs bezahlen würde; aber keine Rede davon hier Leute zu finden.

Was unsern Krieg mit Paraguay betrifft, dieser lächerlichen Karrikatur des Kampfs eines Kolosses mit einem Pigmäen, so fängt es an hier sehr schlecht zu gehen. Im ganzen Volk herrscht die größte Erbitterung, & mit Recht, & ohne die traditionelle creolische Indolenz wäre es schon zu Ausbruch gekommen; Steuern, dieses bis jetzt unbekante Glück der Civilisation müßen wir bezahlen, & zwar in ganz gehörigen Dosen. Das barbarische Sistem des Rekrutirens, wonach jeder unverheirathete Mann zwischen 18 & 45 Jahren mit List oder Gewalt gepackt & fortgeschleppt wird, unbekümert ob er unmündige Geschwister, Eltern, Pflanzungen, Neger, Geschäfte zurückläßt. Die allgemeine Kunde von der miserablen Kriegführung, von den empörenden Unterschleifen & Diebstählen, die vom Kriegsminister bis zum Oberst begangen werden (vom Oberst abwärts fängt die Rolle der Bestohlenen an) Die, wenngleich sehr spärlichen Nachrichten vom Kriegsschauplatz, in welchen man Kunde erhält wie die Verwundeten in den Ambulanzen & Spitälern behandelt werden; daß einem die Haare zu Berge stehn & man aus Mitleid Lust bekäme jeden Verwundeten gleich fertig zu machen, lieber als ihn in diesen Marteranstalten langsam zu Tode quälen zu lassen!

Wahrhaftig es wäre genug um Samojeden & Kamtschadalen zur Verzweiflung zu treiben. Aber der Brasilianer sieht dies mit der stoischsten Ruhe an. Dabei ist der Staatsbankrot unvermeidlich & unser guter Peter, der den Karren hat in den Koth fahren lassen, will jetzt abdanken. "Bon voyage cher Dumollet" – an dem guten Mann ist nichts verloren. Wir bekommen dann wahrscheinlich eine föderative Republik. D. h. Bonet blanc – ou – Blanc bonet! imer dieselbe Geschichte.

Möglicherweise daß es bei dieser Gelegenheit auch zu Sklavenemanzipation kömmt. Die lieblichen Yankees werden jedenfalls dabei nachhelfen; ebenso wie sie den armen Kaiser von Mexico vertreiben. – Ist es wahr daß seine Frau an zerrüttetem Geist leidet; das wäre ja entsetzlich! Einen Thron verlieren ist nichts; besonders wenn man nicht darauf geboren ist; aber das ganze Lebensglück auf solche Art zerstört zu sehn ist entsetzlich. Ohne Lebensgefährtin, ohne Kinder, ohne Zukunft & ohne andere Vergangenheit als eine mit bitterer Wehmuth geschwängerte, - dabei noch so jung, trostlos durchs Leben gehn! Der arme Erzherzog oder Kaiser thut mir in der Seele weh.

In Folge Deines letzten Briefs habe ich an unsern Vater geschrieben & meine Vollmacht an L. de Wattenwyl, behulfs meiner Vertretung bei etwaigen Erbschaftsangelegenheiten, geschickt. Wohlverstanden hat derselbe nichts zu verlangen zu diskutiren & zu kritisiren. Alles was unser Vater gethan hat ist für mich bindend, & alles was meine Geschwister thun & beschließen hat meine unbedingte Zustimmung. Wären wir nicht Alle gute Kinder so würde ich meinem Bevollmächtigten auftragen die Interessen unserer Mutter wahrzunehmen: ich weiß aber daß es nicht nöthig ist.

Gegenwärtig bin ich mit großen Lauten beschäftigt &, da ich selbst Maurer, Zimmermann, Schloßer ect. sein muß, bin ich sehr beschäftigt, um so mehr als ich große Vorkehrungen für die bevorstehende Erndte machen muß. Dabei haben wir typhöse Fieber in der Gegend, die mir viel zu thun geben. (A. S. – Er war der unentgeldiche Arzt weit und breit)

Lebe wohl! Sage Deiner Frau daß ich ihre beiden Hände an die Brust & an die Lippen drücke; meine Frau thut dasselbe. Ich denke in Kurzem sehn wir uns wieder.

Dein treuer Bruder Ferdinand

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen