Dienstag, 16. Juni 2015

03/11/1872 (Albert)

Rio Salgado den 3 November 1872

(Sohn Fernando, Salgado Schilderung)

Lieber Albert

Zu meinem nicht geringen Erstaunen sehe ich daß es weit über ein Jahr ist seit dem ich Dir zum letzten mal schrieb. Dein letzter Brief vom 5 April liegt auch schon über ein halb Jahr auf meinem Schreibtisch einer Antwort harrend. Entschuldigung habe ich keine dafür zu geben; es sei denn daß die Zeit bei uns viel schneller zu laufen scheint als bei euch, wo der eisige Winter Jedermann mahnt daß wieder ein Jahr verfloßen ist. Hier gibt es nichts Aehnlicher, & nur wer Buchhaltung führt kann sich genau Rechenschaft vom Ablaufen der Zeit geben. Jahrszeiten existiren nur im Kalender, & der Sommer biethet ebenso viele stürmische, regnerische Tage als der Winter warme & sonnige. So würde man im Sturmschritt den Alter entgegeneilen ohne es zu merken, wenn nicht der allmählige Ruin der Arbeitskräfte streng daran mahnte, ein Ruin der in den Tropenländern, namentlich für uns exotische Pflanzen, reißend schnell zunimt. Meine Beine tragen gar nichts mehr & mit den Augen steht es viel besser; was aber das Schlimmste ist ist daß Thätigkeitstrieb & Energie denselben Weg gehen. Und das gerade in der Zeit wo durch das Heranwachsen der Kinder größer Bedürfniße entstehn.

Mein ältester Sohn ist nun seit dem 16 Juni wieder ins elterliche Haus zurückgekehrt. Ein kräftiger, strammer Junge, dabei sittlich unverdorben, herzensgut & mit rein kindlichem Gemüth; Ein wahres Weltwunder in diesem Lande wo die fünfzehnjährigen Bengel in der Regel schon total verdorbene Viveurs sind. Gelernt hat er eben nicht zu viel, & steht in wissenschaftlicher Bildung ungefähr auf unser beider Standpunkt zur Zeit der Baronie, Mohestat & Consorten.  Dafür hat er aber eine kleine Dosis Indolenz mit übers Meer gebracht; eine sehr überflüßige Bagage die sich hier von selbst einfindet & großartig entwickelt. Ich hatte so ungeheure Hoffnungen auf die Ankunft meines Sohns gebaut & mir gedacht ich würde ihm einen guten Theil meiner Geschäfte anvertrauen können: Da erschien mir ein großes kleines Kind, das eigentlich zu nichts zu gebrauchen ist. Die erste Enttäuschung war empfindlich, bis ich nach ruhiger Ueberlegung fand daß ich selbst ein Kind war mir so unvernünftige Hoffnung zu machen & von einem jungen Mann der direkt aus dem Pensionen Leben in eine total verschiedene Sphäre versetzt worden war zu erwarten er würde am ersten Tage das verrichten was ich selbst erst nach langer mühevoller Lehrzeit gelernt habe. Passion des jungen Herrn ist reiten & jagen, & sein Gräuel Buchhaltung & Rechnungsführung. Der gute Wille fehlt nicht; wohl aber etwas Lebhaftigkeit & Initiative. Daß er ganz komische Ideen mit über den Ocean brachte ist nicht zu verwundern; ältere & verständigere Leute thun dasselbe. Er lebt in einem permanenten Belagerungszustand, stets kampfbereit. Ueberall wittert er Schlangen, Tiger, & wilde Indianer. Die erste Nacht im Salgado war er ganz verblüfft zu sehn wie ich mich in meiner offenen Barraque, ganz ohne Waffen zur Ruhe legte, während eine Menge Neger, sämtlich mit Gewehr & Jagdmesser versehn, um uns lagen: Er fragte ganz ängstlich ob die Neger nicht Lust haben könnten uns zu ermorden. Das mahnte mich an einen Gen. von Bonstetten, welcher in Tloskau im Fasangarten spazieren gehen wollte; als er aber hörte daß Fasanen darin seien, frug er ganz erschrocken ob es nicht gefährlich sei wenn man so einen Thier begegne!

Die Frau Mama schwimmt natürlich im Entzücken der Freude über den wiedergefundenen Sohn. Die (…) Lücken in seiner Erziehung merkt sie gar nicht; macht aus ihm ein wahres Enfant gâté, & schiebt seiner natürlichen Trägheit noch Ruhekissen unter. Wenn ich meine Reise nach Europa aufschieben will bis Fernando mich in meinen Geschäften vertreten kann, so fürchte ich sehr daß es noch lange Jahre dauern dürfte. Es müßte denn die Natur ein Wunder thun & dem jungen Herrn etwas Energie in einem Land einimpfen in welchem Andere gerade diese Eigenschaft verlieren. Uebrigens ist er stark & schnell gewachsen & wächst immer noch, ein Umstand der leicht Trägheit verursacht, indem Intelligenz & sonst psychische Verrichtungen unter der Fleischmasse erliegen. Denn fett & vollblütig ist er wie ein präbendirter Abt. Dabei ist Fernando aber folgsam, fügsam & gutwillig, so daß ich die beste Hoffnung habe etwas aus ihm zu machen. Ich weiß nicht wo er in Europa die ganz falsche Idee aufgefischt hat daß ich einer jener Romanen & Vaudeville Pflanzer bin, die sich in Millionen wälzen so daß er ganz erstaunt ist, & es vielleicht für Geiz hält wenn ich von Sparsamkeit & rastloser Arbeit spreche.

Mit meiner Gesundheit geht es wie mein englischer Arzt es prophezeit hat: Meine schmerzhaften Anfälle von Rheumatismus werden stets häufiger aber kürzer; in diesem Jahr habe ich schon fünfe gehabt aber nie über vierzehn Tage dauernd. Zugleich verliere ich den Appetit & den Schlaf & bin in einer halb melancholischen halb mürrischen Stimmung, was sonst meine Sache nicht war.

Hier auf meiner neuen Pflanzung am Salgado würde Alles ganz vortrefflich gehn wenn man nicht von schädlichen Thieren positiv aufgefreßen würde. Im September kamen die Raupen, welche entsetzliche Verwüstungen anrichteten; alles Laub von den jungen Cakao- & Cafe Bäumen abfraßen, so wie auch einen guten Theil Mais & Reis zerstörten; sogar die Weide fingen sie schon an abzufressen. Die ganze Luft war von diesen Bestien verpestet, & auf eine Entfernung von 400 Schritt könnte man sie freßen hören. Kaum war diese Plage vorbei so erschien eine fabelhafte Menge von Ratten, welche die jungen Bäume am Fuß benagten & dadurch zum Absterben brachten, zugleich das ganze Zuckerrohr verwüsteten. Der Schaaren von Vögeln nicht zu gedenken welche den eingelegten Samen von Mais & Reis aus der Erde scharren um ihn zu verschlingen, während andere die bereits reifen Aehren verzehren. Um sie zu verscheuchen muß ich stets mehrere Neger mit Gewehren in den Pflanzungen herumstreifen lassen, während eine Schaar von kleinen Kindern schreiend, klappernd & Steine werfend darin herumläuft. Ein wahrer Heidenspektakel. Manchmal kommt ein Rudel Wildschweine, oder Capivaras (große Wasserschweine) & macht saubere Wirthschaft. Auch Rehe, Dachse & andere Bestien machen allerlei Schaden. Man legt Selbstschüße, Wolfsgräben & Fallen von allen Arten, fängt auch ziemlich viel, aber das ist wie ein Eimer Wasser den man aus dem Weltmeer zieht.

Es ist dies eine natürliche Folge meiner isolirten Lage im Urwald, wo ich nur auf einer einzigen Seite Nachbarn habe die etwa 6 Meilen von mir entfernt sind, während auf allen andern Seiten der Wald sich ins Unendliche zieht. Alle Thiere lieben den Sonnenschein, daher strömt alles dahin wo eine Lichtung ist. Deßhalb sieht man auf Reisen durch den Wald überall wo das Zusamenstürzen eines Baumriesen eine Lichtung in die feuchte, kühle Finsterniß geschlagen hat, ein munteres emsiges Thierleben an dieser Stelle, während ringsherum alles still & öde liegt, fast schauerlich. Selbst der Reisende verweilt gern einige Zeit an solcher Stelle um sich etwas von der Sonne bebrüten zu lassen. Das ist der Grund weßhalb alles was da fleugt & kreucht sich bei mir zu Gaste ladet. Um gerecht zu sein muß ich aber bemerken, daß derselbe Sonnenschein der all diesen Bestien so wohl bekommt gleich wohlthätig auf die nützlichen Hausthiere geringsten darum kümert. Es sind nun vier Jahre her daß ich die Axt an den ersten Baum am Salgado legte; nächstes Jahr gibt es hoffentlich den ersten Cakao. Vor dem Transport graut mir einiger maßen; alles geschieht auf Lastthieren, deren jedes nicht über zwei zentner Gewicht trägt; & in diesen entsetzlichen Wegen ist das Ganze Verfahren eine wahre Thierquälerei & Schinderei.

Es wird eben hier rein gar nichts für Communikationsmittel gethan. Die Machthaber sitzen in den Städten allein damit beschäftigt ihre Taschen zu füllen so lange ihre Parthei am Ruder sitzt; kommt eine andere Parthei an die Regierung so werden sofort (100872) alle Angestellten der frühern Partei verjagt & die herrschende besetzt alle Stellen mit ihren Creaturen. Die Staatseinkünfte braucht sie um sich recht fest zu setzen & wenn sie dann solide genug sitzt um hoffen zu dürfen nicht sobald entthront zu werden, dann geht es an ein unverschämtes Stehlen & Rauben bis man von einer andern Partei verdrängt wird, die ebenfalls dasselbe Stück spielt. Advokaten sind die einzigen Machthaber; sie allein sitzen in den Kammern, sie allein sind Magistrate. Gesetzgebende - & ausführende Gewalt – alles ist ausschließlich in ihren Handen; die Schlüßel der Staatskasse nicht zu vergessen. Man kann sich leicht die saubere Wirthschaft denken.

Wenn dem Unfug nicht gesteuert wird so gehn wir einer bösen Zukunft entgegen. Das erste Gesetz behulfs der Abschaffung der Sklaverei ist ganz gut, & nur zu verwundern daß diese Advokaten etwas so Vernünftiges ausgehakt haben. Man wird es aber kaum dabei bewenden lassen, sondern neue Gesetze machen womit man die ganze Angelegenheit überstürzen wird, & am Ende alle darauf hinausgehn werden den Sklavenbesitzern Geld in Form von Steuern abzupressen, welches man ihnen nach einem gewißen Zeitraum theilweise zurückerstatten & ihre Neger frei machen wird. Wer dann hier das Land bebauen wird ist ein Räthsel daß kein Sphynx lösen kann: Freie Brasilianer arbeiten um keinen Preis; die freien Neger treten in dieselbe Cathegorie. Und was man von regierungsseiten von europäischer Colonisation schwindelt ist barer Unsinn, & käme auf nichts anderes heraus als abermalige Einfuhr von Sklaven von anderer Farbe & unter andern Namen. Nur Verbrecher & Vagabunden werden sich dazu hergeben.

Wie ich aus Deinem Brief ersehe hast Du in letzter Zeit verschiedenes Ungemach erlitten: Wohnungswechsel, Unannehmlichkeiten mit Dienstboten & Beamten; zuletzt Krankheit von Berti & beinahe Kohlenvergiftung von Alexandrine. Das ist ja etwas ganz Schauderhaftes mit euern Kohlenbecken dort. In meiner Residenz am Salgado könnte ich deren wol ein halbes Dutzend in mein Schlafzimmer thun & mich zur Ruhe begeben, ich würde am andern Morgen nicht einmal Kopfweh haben; Da streicht die Luft frei durch Fenster & Thüren, durch Mauerritzen & das idillische Palmblätter Dach. "Nix han is a ruhig Leben" sagt der Schwabe.

Was nun meine Correspondenz mit Erzherzog resp. Kaiser Maximilian, (…) ect betrifft, so ist es ziemlich schwierig Dir dieselben zukommen zu lassen. /Gesetzliche/ Abschriften (…), & würden dieselben wahrscheinlich einen klassischen Unsinn produziren. Es bleibt daher nichts übrig als eine passende Gelegenheit abzuwarten.

Wie wärs wenn Du selbst kämest sie zu holen? Elise schreibt mir Du habest Tloskau & Hlubosch verkauft & Radowesnitz abgegeben. So bist Du nun ganz frei wie der Vogel in der Luft. Es muß Dir ganz komisch vorkommen, möglicherweise sogar etwas melancholisch; nach Deinem rastlos thätigen Leben nun gar nichts mehr zu thun zu haben. Wenigstens urtheile ich so von mir auf Dich. Was Du fürs erste thun solst ist dich gehörig ausruhn; Du ziehst lang genug in einem schweren Joch, & Deine Gesundheit ist auch nicht so ganz bombenfest. Nachher kaufst Du Dir ein hübsches Gut & läßest an Dir die Jahre mit der größten Gemüthlichkeit vorbeiwandern. Mit Deinem einzigen Sohn kannst Du unmöglich viel Kummer & Sorgen haben. Von dieser Ferienzeit könntest Du ganz gut vier Monate einer transatlantischen Reise widmen. Wenn ich sage vier Monate so ist es nun die kürzeste Frist anzugeben, indem es unnöthig ist zu sagen, daß je länger Du bei mir bleibst desto mehr wird es mich freuen. Die Auslagen übersteigen kaum die Summe von 100 L. st. Wenn Du Passage nimmst mußt du gleich für hin & zurück bezahlen; auf diese Art bekömmst Du 25% Rabat. Ich sehe von hier aus wie Alexandrine bei meinem Ansinnen ganz entrüstet auffährt & mir, dem Versucher, ein donnerndes "Vade retro Satanas" zuruft. Sie sieht Dich schon im Geist wie ein St. Sebastianus ganz mit Pfeilen gespickt, & skalpirt im Rachen verschiedener Tiger & Aligatoren zappeln. Darauf antworte ich, indem ich mich selbst präsentire "Siehe nebenstehende Figur"! Nach 25 jährigen Aufenthalt ist mir noch nichts derartiges passirt. Und ebenso wie der Teufel nicht so schwarz ist als man ihn malt, so ist das gelbe Fieber nicht so schlimm als man es ausschreit. Die beste Zeit wäre im Monat Mai von Southampton oder Bordeaux zu verreisen. Ersteres würde ich vorziehn indem auf den französischen Steamer n eine gränzenlose Liederlichkeit & Unordnung herrscht. Preis: hin & zurück f. 1500 oder 60 L. st. So, überlege Dir die Sache. Du, als alter Mineraloge, Geologe & sonstiger Loge entdeckt vielleicht hier einige schöne Lager von Diamanten & Gold, welche sich (…) der Aussage alle hiesigen Kenner am Salgado befinden so (…) Leider habe ich bei meinen Forschungen nach edeln Metallen & Steinen nur Kröten & Schlangen gefunden.

Bevor ich schließe muß ich Dir & meiner lieben Alexandrine noch meinen herzlichen Dank ausdrücken für alle Güte & Freundschaft die Ihr meinem Sohn erwiesen habt; auch er erinnert sich daran mit Sehnsucht & Dankbarkeit. Schreiben wird er Euch nicht bevor ich ihm ein Par tüchtige Sporn setze.

Lebt wohl alle beide; ich denke sehr oft an Euch & an die frohen Tage in Hlobosch. Wann werden wir uns wiedersehn? Gott weis es allein.

Dein treuer Bruder Ferdinand.

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