Rio Salgado den 3 November 1872
(Sohn Fernando,
Salgado Schilderung)
Lieber Albert
Zu meinem nicht geringen Erstaunen sehe ich daß es weit über
ein Jahr ist seit dem ich Dir zum letzten mal schrieb. Dein letzter Brief vom 5
April liegt auch schon über ein halb Jahr auf meinem Schreibtisch einer Antwort
harrend. Entschuldigung habe ich keine dafür zu geben; es sei denn daß die Zeit
bei uns viel schneller zu laufen scheint als bei euch, wo der eisige Winter
Jedermann mahnt daß wieder ein Jahr verfloßen ist. Hier gibt es nichts
Aehnlicher, & nur wer Buchhaltung führt kann sich genau Rechenschaft vom
Ablaufen der Zeit geben. Jahrszeiten existiren nur im Kalender, & der
Sommer biethet ebenso viele stürmische, regnerische Tage als der Winter warme &
sonnige. So würde man im Sturmschritt den Alter entgegeneilen ohne es zu merken,
wenn nicht der allmählige Ruin der Arbeitskräfte streng daran mahnte, ein Ruin
der in den Tropenländern, namentlich für uns exotische Pflanzen, reißend
schnell zunimt. Meine Beine tragen gar nichts mehr & mit den Augen steht es viel besser; was aber das Schlimmste ist ist daß Thätigkeitstrieb
& Energie denselben Weg gehen. Und das gerade in der Zeit wo durch das
Heranwachsen der Kinder größer Bedürfniße entstehn.
Mein ältester Sohn ist nun seit dem 16 Juni wieder ins
elterliche Haus zurückgekehrt. Ein kräftiger, strammer Junge, dabei sittlich
unverdorben, herzensgut & mit rein kindlichem Gemüth; Ein wahres Weltwunder
in diesem Lande wo die fünfzehnjährigen Bengel in der Regel schon total
verdorbene Viveurs sind. Gelernt hat
er eben nicht zu viel, & steht in wissenschaftlicher Bildung ungefähr auf
unser beider Standpunkt zur Zeit der Baronie, Mohestat & Consorten. Dafür hat er aber eine kleine Dosis Indolenz
mit übers Meer gebracht; eine sehr überflüßige Bagage die sich hier von selbst
einfindet & großartig entwickelt. Ich hatte so ungeheure Hoffnungen auf die
Ankunft meines Sohns gebaut & mir gedacht ich würde ihm einen guten Theil
meiner Geschäfte anvertrauen können: Da erschien mir ein großes kleines Kind, das
eigentlich zu nichts zu gebrauchen ist. Die erste Enttäuschung war empfindlich,
bis ich nach ruhiger Ueberlegung fand daß ich selbst ein Kind war mir so
unvernünftige Hoffnung zu machen & von einem jungen Mann der direkt aus dem
Pensionen Leben in eine total verschiedene Sphäre versetzt worden war zu
erwarten er würde am ersten Tage das verrichten was ich selbst erst nach langer
mühevoller Lehrzeit gelernt habe. Passion des jungen Herrn ist reiten &
jagen, & sein Gräuel Buchhaltung & Rechnungsführung. Der gute Wille
fehlt nicht; wohl aber etwas Lebhaftigkeit & Initiative. Daß er ganz
komische Ideen mit über den Ocean brachte ist nicht zu verwundern; ältere &
verständigere Leute thun dasselbe. Er lebt in einem permanenten Belagerungszustand,
stets kampfbereit. Ueberall wittert er Schlangen, Tiger, & wilde Indianer.
Die erste Nacht im Salgado war er ganz verblüfft zu sehn wie ich mich in meiner
offenen Barraque, ganz ohne Waffen zur Ruhe legte, während eine Menge Neger,
sämtlich mit Gewehr & Jagdmesser versehn, um uns lagen: Er fragte ganz
ängstlich ob die Neger nicht Lust haben könnten uns zu ermorden. Das mahnte
mich an einen Gen. von Bonstetten,
welcher in Tloskau im Fasangarten spazieren gehen wollte; als er aber hörte daß
Fasanen darin seien, frug er ganz erschrocken ob es nicht gefährlich sei wenn
man so einen Thier begegne!
Die Frau Mama schwimmt natürlich im Entzücken der Freude
über den wiedergefundenen Sohn. Die (…) Lücken in seiner Erziehung merkt sie
gar nicht; macht aus ihm ein wahres Enfant
gâté, & schiebt seiner natürlichen Trägheit noch Ruhekissen unter. Wenn
ich meine Reise nach Europa aufschieben will bis Fernando mich in meinen
Geschäften vertreten kann, so fürchte ich sehr daß es noch lange Jahre dauern
dürfte. Es müßte denn die Natur ein Wunder thun & dem jungen Herrn etwas
Energie in einem Land einimpfen in welchem Andere gerade diese Eigenschaft
verlieren. Uebrigens ist er stark & schnell gewachsen & wächst immer
noch, ein Umstand der leicht Trägheit verursacht, indem Intelligenz & sonst
psychische Verrichtungen unter der Fleischmasse erliegen. Denn fett & vollblütig ist er wie ein präbendirter
Abt. Dabei ist Fernando aber folgsam, fügsam & gutwillig, so daß ich die
beste Hoffnung habe etwas aus ihm zu machen. Ich weiß nicht wo er in Europa die
ganz falsche Idee aufgefischt hat daß ich einer jener Romanen & Vaudeville Pflanzer bin, die sich in
Millionen wälzen so daß er ganz erstaunt ist, & es vielleicht für Geiz hält
wenn ich von Sparsamkeit & rastloser Arbeit spreche.
Mit meiner Gesundheit geht es wie mein englischer Arzt es
prophezeit hat: Meine schmerzhaften Anfälle von Rheumatismus werden stets
häufiger aber kürzer; in diesem Jahr habe ich schon fünfe gehabt aber nie über
vierzehn Tage dauernd. Zugleich verliere ich den Appetit & den Schlaf &
bin in einer halb melancholischen halb mürrischen Stimmung, was sonst meine
Sache nicht war.
Hier auf meiner neuen Pflanzung am Salgado würde Alles ganz
vortrefflich gehn wenn man nicht von schädlichen Thieren positiv aufgefreßen würde.
Im September kamen die Raupen, welche entsetzliche Verwüstungen anrichteten;
alles Laub von den jungen Cakao- & Cafe Bäumen abfraßen, so wie auch einen
guten Theil Mais & Reis zerstörten; sogar die Weide fingen sie schon an
abzufressen. Die ganze Luft war von diesen Bestien verpestet, & auf eine
Entfernung von 400 Schritt könnte man sie freßen hören. Kaum war diese
Plage vorbei so erschien eine fabelhafte Menge von Ratten, welche die jungen
Bäume am Fuß benagten & dadurch zum Absterben brachten, zugleich das ganze
Zuckerrohr verwüsteten. Der Schaaren von Vögeln nicht zu gedenken welche den
eingelegten Samen von Mais & Reis aus der Erde scharren um ihn zu
verschlingen, während andere die bereits reifen Aehren verzehren. Um sie zu
verscheuchen muß ich stets mehrere Neger mit Gewehren in den Pflanzungen herumstreifen
lassen, während eine Schaar von kleinen Kindern schreiend, klappernd &
Steine werfend darin herumläuft. Ein wahrer Heidenspektakel. Manchmal kommt ein
Rudel Wildschweine, oder Capivaras (große
Wasserschweine) & macht saubere Wirthschaft. Auch Rehe, Dachse & andere
Bestien machen allerlei Schaden. Man legt Selbstschüße, Wolfsgräben &
Fallen von allen Arten, fängt auch ziemlich viel, aber das ist wie ein Eimer
Wasser den man aus dem Weltmeer zieht.
Es ist dies eine natürliche Folge meiner isolirten Lage im
Urwald, wo ich nur auf einer einzigen Seite Nachbarn habe die etwa 6 Meilen von
mir entfernt sind, während auf allen andern Seiten der Wald sich ins Unendliche
zieht. Alle Thiere lieben den Sonnenschein, daher strömt alles dahin wo eine
Lichtung ist. Deßhalb sieht man auf Reisen durch den Wald überall wo das
Zusamenstürzen eines Baumriesen eine Lichtung in die feuchte, kühle Finsterniß
geschlagen hat, ein munteres emsiges Thierleben an dieser Stelle, während
ringsherum alles still & öde liegt, fast schauerlich. Selbst der Reisende
verweilt gern einige Zeit an solcher Stelle um sich etwas von der Sonne
bebrüten zu lassen. Das ist der Grund weßhalb alles was da fleugt & kreucht
sich bei mir zu Gaste ladet. Um gerecht zu sein muß ich aber bemerken, daß
derselbe Sonnenschein der all diesen Bestien so wohl bekommt gleich wohlthätig
auf die nützlichen Hausthiere geringsten darum kümert. Es sind nun vier Jahre
her daß ich die Axt an den ersten Baum am Salgado legte; nächstes Jahr gibt es
hoffentlich den ersten Cakao. Vor dem Transport graut mir einiger maßen; alles
geschieht auf Lastthieren, deren jedes nicht über zwei zentner Gewicht trägt; &
in diesen entsetzlichen Wegen ist das Ganze Verfahren eine wahre Thierquälerei &
Schinderei.
Es wird eben hier rein gar nichts für Communikationsmittel
gethan. Die Machthaber sitzen in den Städten allein damit beschäftigt ihre
Taschen zu füllen so lange ihre Parthei am Ruder sitzt; kommt eine andere
Parthei an die Regierung so werden sofort (100872)
alle Angestellten der frühern Partei verjagt & die herrschende besetzt alle
Stellen mit ihren Creaturen. Die Staatseinkünfte braucht sie um sich recht fest
zu setzen & wenn sie dann solide genug sitzt um hoffen zu dürfen nicht
sobald entthront zu werden, dann geht es an ein unverschämtes Stehlen &
Rauben bis man von einer andern Partei verdrängt wird, die ebenfalls dasselbe
Stück spielt. Advokaten sind die einzigen Machthaber; sie allein sitzen in den
Kammern, sie allein sind Magistrate. Gesetzgebende - & ausführende Gewalt –
alles ist ausschließlich in ihren Handen; die Schlüßel der Staatskasse nicht zu
vergessen. Man kann sich leicht die saubere Wirthschaft denken.
Wenn dem Unfug nicht gesteuert wird so gehn wir einer bösen
Zukunft entgegen. Das erste Gesetz behulfs der Abschaffung der Sklaverei ist
ganz gut, & nur zu verwundern daß diese Advokaten etwas so Vernünftiges
ausgehakt haben. Man wird es aber kaum dabei bewenden lassen, sondern neue
Gesetze machen womit man die ganze Angelegenheit überstürzen wird, & am
Ende alle darauf hinausgehn werden den Sklavenbesitzern Geld in Form von
Steuern abzupressen, welches man ihnen nach einem gewißen Zeitraum theilweise
zurückerstatten & ihre Neger frei machen wird. Wer dann hier das Land
bebauen wird ist ein Räthsel daß kein Sphynx lösen kann: Freie Brasilianer
arbeiten um keinen Preis; die freien Neger treten in dieselbe Cathegorie. Und
was man von regierungsseiten von europäischer Colonisation schwindelt ist barer
Unsinn, & käme auf nichts anderes heraus als abermalige Einfuhr von Sklaven
von anderer Farbe & unter andern Namen. Nur Verbrecher & Vagabunden
werden sich dazu hergeben.
Wie ich aus Deinem Brief ersehe hast Du in letzter Zeit
verschiedenes Ungemach erlitten: Wohnungswechsel, Unannehmlichkeiten mit
Dienstboten & Beamten; zuletzt Krankheit von Berti & beinahe Kohlenvergiftung von Alexandrine. Das ist ja
etwas ganz Schauderhaftes mit euern Kohlenbecken dort. In meiner Residenz am
Salgado könnte ich deren wol ein halbes Dutzend in mein Schlafzimmer thun &
mich zur Ruhe begeben, ich würde am andern Morgen nicht einmal Kopfweh haben;
Da streicht die Luft frei durch Fenster & Thüren, durch Mauerritzen &
das idillische Palmblätter Dach. "Nix han is a ruhig Leben" sagt der
Schwabe.
Was nun meine Correspondenz mit Erzherzog resp. Kaiser
Maximilian, (…) ect betrifft, so ist es ziemlich schwierig Dir dieselben
zukommen zu lassen. /Gesetzliche/ Abschriften (…), & würden dieselben
wahrscheinlich einen klassischen Unsinn produziren. Es bleibt daher nichts
übrig als eine passende Gelegenheit abzuwarten.
Wie wärs wenn Du selbst kämest sie zu holen? Elise schreibt
mir Du habest Tloskau & Hlubosch verkauft & Radowesnitz abgegeben. So
bist Du nun ganz frei wie der Vogel in der Luft. Es muß Dir ganz komisch
vorkommen, möglicherweise sogar etwas melancholisch; nach Deinem rastlos
thätigen Leben nun gar nichts mehr zu thun zu haben. Wenigstens urtheile ich so
von mir auf Dich. Was Du fürs erste thun solst ist dich gehörig ausruhn; Du
ziehst lang genug in einem schweren Joch, & Deine Gesundheit ist auch nicht
so ganz bombenfest. Nachher kaufst Du Dir ein hübsches Gut & läßest an Dir
die Jahre mit der größten Gemüthlichkeit vorbeiwandern. Mit Deinem einzigen
Sohn kannst Du unmöglich viel Kummer & Sorgen haben. Von dieser Ferienzeit
könntest Du ganz gut vier Monate einer transatlantischen Reise widmen. Wenn ich
sage vier Monate so ist es nun die kürzeste Frist anzugeben, indem es unnöthig
ist zu sagen, daß je länger Du bei mir bleibst desto mehr wird es mich freuen.
Die Auslagen übersteigen kaum die Summe von 100 L. st. Wenn Du Passage nimmst mußt du gleich für hin & zurück
bezahlen; auf diese Art bekömmst Du 25% Rabat. Ich sehe von hier aus wie
Alexandrine bei meinem Ansinnen ganz entrüstet auffährt & mir, dem
Versucher, ein donnerndes "Vade
retro Satanas" zuruft. Sie sieht Dich schon im Geist wie ein St. Sebastianus ganz mit Pfeilen
gespickt, & skalpirt im Rachen verschiedener Tiger & Aligatoren
zappeln. Darauf antworte ich, indem ich mich selbst präsentire "Siehe
nebenstehende Figur"! Nach 25 jährigen Aufenthalt ist mir noch nichts
derartiges passirt. Und ebenso wie der Teufel nicht so schwarz ist als man ihn
malt, so ist das gelbe Fieber nicht so schlimm als man es ausschreit. Die beste
Zeit wäre im Monat Mai von Southampton oder Bordeaux zu verreisen. Ersteres würde ich vorziehn indem auf den
französischen Steamer n eine
gränzenlose Liederlichkeit & Unordnung herrscht. Preis: hin & zurück f.
1500 oder 60 L. st. So, überlege Dir
die Sache. Du, als alter Mineraloge, Geologe & sonstiger Loge entdeckt
vielleicht hier einige schöne Lager von Diamanten & Gold, welche sich (…)
der Aussage alle hiesigen Kenner am Salgado befinden so (…) Leider habe ich bei
meinen Forschungen nach edeln Metallen & Steinen nur Kröten & Schlangen
gefunden.
Bevor ich schließe muß ich Dir & meiner lieben
Alexandrine noch meinen herzlichen Dank ausdrücken für alle Güte &
Freundschaft die Ihr meinem Sohn erwiesen habt; auch er erinnert sich daran mit
Sehnsucht & Dankbarkeit. Schreiben wird er Euch nicht bevor ich ihm ein Par
tüchtige Sporn setze.
Lebt wohl alle beide; ich denke sehr oft an Euch & an
die frohen Tage in Hlobosch. Wann werden wir uns wiedersehn? Gott weis es allein.








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