Victoria den 12 November 1867
(Allerlei)
Lieber Albert
Dein Brief vom 7 Juli ist gut angekommen & danke ich Dir
bestens dafür. – Sehr leid thut es mir zu vornehmen daß aus der projektirten
Reise meiner Tochter nichts werden konnte. Vielleicht geht es dies Jahr. Barrelet schrieb mir sogar vor zwei
Monathen das Beste würde sein Amelia wieder nach Brasilien zu schicken (zu
spät), indem ihre Gesundheit einen rauhen Winter nicht gut aushalten würde.
Nun, jetzt scheint es etwas besser zu gehen. Siehe zu was Du für sie
thun kannst. Es wäre fatal wenn diese
kleine hieher zurückkommen müßte ohne etwas anderes von Europa gesehn zu haben als Colombier
& die Umgegend, & ohne etwas besseres von dort mitzubringen als
eine ruinirte Gesundheit.
Mit meiner Reise nach Europa
steht es sehr kritisch. Ich habe keinen zuverläßigen Menschen bis jetzt finden
können, der die Aufsicht über die Arbeiten in meiner Abwesenheit leiten würde.
Zudem kommt noch eine bedeutende Vermehrung der Geschäfte dadurch daß ich
angefangen habe einen lange gehegten Plan in Ausführung zu bringen; nämlich die
bruto Produkte der kleinen Landwirthe
(die meist ohne Sklaven & Maschinen arbeiten) zu kaufen & nach meinen
höchst vervollkommneten Systemen zu präpariren & dann zu verkaufen. Ich
mache dabei einen Profit von 25% & die kleinen Landwirthe nicht viel
weniger, da sie früher ihren Caffe & Cakao von erbärmlicher Qualität zu
Spottpreisen verkaufen mußten. Hauptsache ist gute Wege zu bauen damit die
Kunden schnell & leicht bis zu mir kommen können. Längs dieser Wege siedeln
sich dann von selbst die kleinen Pflanzer an, & ich überlasse ihnen gerne
all mein Land, das mir doch zu nichts nützt so lange es brach liegt & mir
noch weniger nützen wird wenn ich einmal keine Sklaven mehr besitze.
Mit der Abschaffung der Sklaverei steht es noch nicht so
nah. Die brasilianische Regierung, welche selbst einige 12. 000 Sklaven besaß
hat diese frei gemacht. Dies hat nichts mit den Sklaven der Partikulars zu schaffen;
besitzt doch der Kaiser selbst noch etliche Tausende in seinem Privatvermögen.
Bei der Mangel an Soldaten zu dem stupiden Krieg im Paraguay hat die Regierung
einen Aufruf an die Sklavenbesitzer &
die Sklaven selbst erlassen; den ersten verspricht sie den ungeheuern
Preis von 1. 500 $ für jeden waffenfähigen Neger, & den letztern (die von
ihren Herrn ausreißen & sich freiwillig stellen) augenblickliche Befreiung
aus der Sklaverei, ein Handgeld von 300 $ & nach Beendigung des Kriegs
Ländereien, Privilegien & den Himmel voller Geigen. Dennoch verkaufen nur
wenige sehr geldbedürftige Herrn einige ihre schlechten Sklaven zum edeln Beruf
der Vaterlandsvertheidigung, welche gebunden & geknebelt auf das Feld der Ehre
transportirt werden müssen. Ausreißer gibt es noch viel weniger; ja man hat
Beispiele von jungen Negern die sich verstümmeln um zum Militärdienst
untauglich zu werden, & es vorziehn den Caffe & Cakao ihres Herrn zu
pflücken als problematische Lorbeern auf dem Felde der Ehre zu erndten.
Wenn es heute meinen sämtlichen Sklaven einfiele mir den
Gehorsam aufzukündigen & jeder seiner Wege zu gehen, so könnte ich dazu gar
nichts thun als ihnen gute Reise zu wünschen & mit gekreuzten Armen
zuzusehn. Ich glaube daß, wenn einmal die allgemeine Negeremancipation
dekretirt werden wir, viele Herrn sich genöthigt sehn werden ihre Sklaven
positif fortzujagen. Europa, wo die Sklavenromane nur von gepeitschten,
zerfleischten, verhungerten Negern sprechen, kann man so etwas nicht begreifen:
wer aber hieherkömmt & die fidelen, zutraulichen, feisten Gesichter, mit
Ausdruck von Intelligenz & Behaglichkeit betrachtet, findet es ganz
natürlich daß solche Leute ihre sorgenlose Existenz nicht gern gegen ein
geplagtes Dasein umtauschen wollen, einzig & allein um des so vielfach gemißbrauchten
Wortes "Freiheit".
Dem sei nun wie ihm will. Ich präparire mich fleißig
für die Zeit wo keine Sklaven mehr in Brasilien sein werden. Und wenn die Sache
nur noch etliche drei oder vier Jahre anhält so werde ich aus der Abschaffung
der Sklaverei ehe Nutzen als Schaden haben.
Schlimmer sieht es mit der Politik aus; ich glaube nicht an
ein langes Fortbestehn des kolossalen Kaiserthums; das Signal des Zusamenbruchs
wird wahrscheinlich ein Staatsbanquerot sein, & Brasilien sich alsdann in
ein halbes Dutzend Republicken auflösen.
Das monarchische Prinzip prosperirt nicht auf dieser
Hemisphäre; der unglückseelige Kaiser Maximilian hat diese Wahrheit mit seinem
edeln Blut bezeugen müßen.
Wir haben dieses Jahr hier ein wahres Polarwetter gehabt;
Regen & Kälte ohne Unterbrechung; ganze Monathe in denen keinen 4 sonnigen
Tage waren. Alles leidet darunter.
L. von Wattenwyl,
mein Bevollmächtigter in Erbschaftsangelegenheiten scheint ein Erzfaulenzer zu
sein: drei Briefe die ich ihm bereits geschrieben habe sind sämtlich ohne
Antwort geblieben. Das ist ein Sans façon
das etwas an Grobheit streicht.
Hoffentlich geht es mit Deiner Gesundheit wenn auch nicht br(…)t,
doch erträglich, & die Luft in kolossalen Wäldern von Dupau (von welchen Du
mir oft erzählt hast) wird Deiner Frau gereiztes Nervensystem wieder beruhigt
haben. Berti solltest Du tüchtig reisen lassen, & ein kleiner Abstecher
nach Brasilien wäre ganz zweckmäßig.
Wer weiß ob mich die Sehnsucht nach Euch allen nicht, gegen
alle Vernunft & Interesse, übers Meer jagt; & wäre es nur für einen
Monath oder zwei.
Grüße Deine Frau & Berti recht herzlich




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