Donnerstag, 18. Juni 2015

12/11/1867 (Albert)

Victoria den 12 November 1867

(Allerlei)

Lieber Albert

Dein Brief vom 7 Juli ist gut angekommen & danke ich Dir bestens dafür. – Sehr leid thut es mir zu vornehmen daß aus der projektirten Reise meiner Tochter nichts werden konnte. Vielleicht geht es dies Jahr. Barrelet schrieb mir sogar vor zwei Monathen das Beste würde sein Amelia wieder nach Brasilien zu schicken (zu spät), indem ihre Gesundheit einen rauhen Winter nicht gut aushalten würde. Nun, jetzt scheint es etwas besser zu gehen. Siehe zu was Du für sie thun kannst. Es wäre fatal wenn diese kleine hieher zurückkommen müßte ohne etwas anderes von Europa gesehn zu haben als Colombier & die Umgegend, & ohne etwas besseres von dort mitzubringen als eine ruinirte Gesundheit.

Mit meiner Reise nach Europa steht es sehr kritisch. Ich habe keinen zuverläßigen Menschen bis jetzt finden können, der die Aufsicht über die Arbeiten in meiner Abwesenheit leiten würde. Zudem kommt noch eine bedeutende Vermehrung der Geschäfte dadurch daß ich angefangen habe einen lange gehegten Plan in Ausführung zu bringen; nämlich die bruto Produkte der kleinen Landwirthe (die meist ohne Sklaven & Maschinen arbeiten) zu kaufen & nach meinen höchst vervollkommneten Systemen zu präpariren & dann zu verkaufen. Ich mache dabei einen Profit von 25% & die kleinen Landwirthe nicht viel weniger, da sie früher ihren Caffe & Cakao von erbärmlicher Qualität zu Spottpreisen verkaufen mußten. Hauptsache ist gute Wege zu bauen damit die Kunden schnell & leicht bis zu mir kommen können. Längs dieser Wege siedeln sich dann von selbst die kleinen Pflanzer an, & ich überlasse ihnen gerne all mein Land, das mir doch zu nichts nützt so lange es brach liegt & mir noch weniger nützen wird wenn ich einmal keine Sklaven mehr besitze.

Mit der Abschaffung der Sklaverei steht es noch nicht so nah. Die brasilianische Regierung, welche selbst einige 12. 000 Sklaven besaß hat diese frei gemacht. Dies hat nichts mit den Sklaven der Partikulars zu schaffen; besitzt doch der Kaiser selbst noch etliche Tausende in seinem Privatvermögen. Bei der Mangel an Soldaten zu dem stupiden Krieg im Paraguay hat die Regierung einen Aufruf an die Sklavenbesitzer &  die Sklaven selbst erlassen; den ersten verspricht sie den ungeheuern Preis von 1. 500 $ für jeden waffenfähigen Neger, & den letztern (die von ihren Herrn ausreißen & sich freiwillig stellen) augenblickliche Befreiung aus der Sklaverei, ein Handgeld von 300 $ & nach Beendigung des Kriegs Ländereien, Privilegien & den Himmel voller Geigen. Dennoch verkaufen nur wenige sehr geldbedürftige Herrn einige ihre schlechten Sklaven zum edeln Beruf der Vaterlandsvertheidigung, welche gebunden & geknebelt auf das Feld der Ehre transportirt werden müssen. Ausreißer gibt es noch viel weniger; ja man hat Beispiele von jungen Negern die sich verstümmeln um zum Militärdienst untauglich zu werden, & es vorziehn den Caffe & Cakao ihres Herrn zu pflücken als problematische Lorbeern auf dem Felde der Ehre zu erndten.

Wenn es heute meinen sämtlichen Sklaven einfiele mir den Gehorsam aufzukündigen & jeder seiner Wege zu gehen, so könnte ich dazu gar nichts thun als ihnen gute Reise zu wünschen & mit gekreuzten Armen zuzusehn. Ich glaube daß, wenn einmal die allgemeine Negeremancipation dekretirt werden wir, viele Herrn sich genöthigt sehn werden ihre Sklaven positif fortzujagen. Europa, wo die Sklavenromane nur von gepeitschten, zerfleischten, verhungerten Negern sprechen, kann man so etwas nicht begreifen: wer aber hieherkömmt & die fidelen, zutraulichen, feisten Gesichter, mit Ausdruck von Intelligenz & Behaglichkeit betrachtet, findet es ganz natürlich daß solche Leute ihre sorgenlose Existenz nicht gern gegen ein geplagtes Dasein umtauschen wollen, einzig & allein um des so vielfach gemißbrauchten Wortes "Freiheit".

Dem sei nun wie ihm will. Ich präparire mich fleißig für die Zeit wo keine Sklaven mehr in Brasilien sein werden. Und wenn die Sache nur noch etliche drei oder vier Jahre anhält so werde ich aus der Abschaffung der Sklaverei ehe Nutzen als Schaden haben.

Schlimmer sieht es mit der Politik aus; ich glaube nicht an ein langes Fortbestehn des kolossalen Kaiserthums; das Signal des Zusamenbruchs wird wahrscheinlich ein Staatsbanquerot sein, & Brasilien sich alsdann in ein halbes Dutzend Republicken auflösen.

Das monarchische Prinzip prosperirt nicht auf dieser Hemisphäre; der unglückseelige Kaiser Maximilian hat diese Wahrheit mit seinem edeln Blut bezeugen müßen.

Wir haben dieses Jahr hier ein wahres Polarwetter gehabt; Regen & Kälte ohne Unterbrechung; ganze Monathe in denen keinen 4 sonnigen Tage waren. Alles leidet darunter.

L. von Wattenwyl, mein Bevollmächtigter in Erbschaftsangelegenheiten scheint ein Erzfaulenzer zu sein: drei Briefe die ich ihm bereits geschrieben habe sind sämtlich ohne Antwort geblieben. Das ist ein Sans façon das etwas an Grobheit streicht.

Hoffentlich geht es mit Deiner Gesundheit wenn auch nicht br(…)t, doch erträglich, & die Luft in kolossalen Wäldern von Dupau (von welchen Du mir oft erzählt hast) wird Deiner Frau gereiztes Nervensystem wieder beruhigt haben. Berti solltest Du tüchtig reisen lassen, & ein kleiner Abstecher nach Brasilien wäre ganz zweckmäßig.

Wer weiß ob mich die Sehnsucht nach Euch allen nicht, gegen alle Vernunft & Interesse, übers Meer jagt; & wäre es nur für einen Monath oder zwei.

Grüße Deine Frau & Berti recht herzlich

Dein treuer Bruder Ferdinand

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