[A. S. - Aug 870 Erster Brief
aus dem neugegründeten Salgado ]
Lieber Albert
Ich weiß nicht recht wer von uns beiden dem andern zuletzt
geschrieben hat; natürlich schleppe ich Copierbuch, Briefe ect. nicht jedesmal
mit mir wenn ich von Victoria nach Salgado gehe. Es hat so wie so des
Schleppens genug & mahnt mich an unsere "großen Packtage" seeligen
Angedenkens. Hier ist natürlich des Packen viel beschwerliche, indem man nur
Kisten oder Pakete von 100 – 125 Pf. machen kann, von denen je zwei immer ganz
gleich, um sie auf die zwei Seiten eines Lastthiers zu laden. Es ist eine
entsetzliche Arbeit bis so ein Dutzend Lastthiere gehörig geladen, wasserdicht
überdeckt, zusamengegurtet & in Gang gebracht sind.
Seit Anfang dieses Monaths bin ich nun wieder hier in meinem
Exil & gedenke bis Mitte November darin zu verbleiben. Da bin ich nun
wieder ganz allein mit 40 Negern; meine einzige Gesellschaft, die mir Tag &
Nacht eine beispiellose Anhänglichkeit zeigt, ist eine junge Unze, die ich zwei
Tage alt aus dem Nest nahm, & die keinen Augenblick ohne mich sein kann;
nur wenn sie ein Schwein oder ein Schaaf zu packen bekommt, dann hört alle
Freundschaft auf & sie wird böse wie ein wahrer Tiger. Den Tag über habe
ich zu viel zu thun um meine Einsamkeit zu fühlen. Aber diese kurzen,
schweigsamen Mahlzeiten, & dann die langen Abende, während welchen ich
meistens in meinen, allen Winden offenen Schoppen kein Licht haben, mithin
weder lesen noch schreiben kann, sind entsetzlich traurig. Man gewöhnt sich
jedoch an Alles; & wenn ich nach langer Abwesenheit wieder zu ersten Mal in
Victoria aufwache, bin ich ganz
erstaunt mich auf einem anständigen Bett, in einem Zimmer das Wände, Fenster &
Thüren hat zu finden. Doch das sind Kleinigkeiten. Was mich aber ernstlich
betrübt & ängstigt das ist meine Gesundheitszustand, der durch die ganze Salgado Expedition total ruinirt ist.
Ich leide nämlich am Beriberi, einer chronischen
Entzündung der Sehnenscheiden & Gelenkkapseln, eine Krankheit
orientalischen Ursprungs & erst seit etwa 10 Jahren in Brasilien eingebürgert.
Sumpfluft, schlechte Nahrung, übermäßige Anstrengungen
bringen diese Krankheit hervor, wenn sie ein durch langwierige Fieber,
Leberleiden & rheumatische Diathese gehörig vorbereitetes Terrain findet,
was leider bei mir der Fall. Recht wehmüthig wurde mir zu Muthe als ich zum
letzten Mal von Victoria fortritt;
nachdem ich drei mal vergebens versucht hatte in den Steigbügel zu kommen, mußte
ich mir einen Stuhl bringen lassen um mich in den Sattel zu setzten. Als ich
vor zwei Monathen in Bahia war &
die zwei besten Aerzte, einen Deutschen & einen Engländer, consultirte,
meinten sie beide ich müße ohne Verzug nach Europa. Aber ich kann jetzt unmöglich. Und ich vertraue auf
Gott, daß Er mir noch zwei Jahre Ausdauer gewährt, bis mein Sohn einigermaßen
meine Stelle vertreten kann. Dann allerdings werde ich nach Europa gehen, & das wenigstens auf
ein Jahr. Früher ist nicht davon zu denken. Selbst wenn ich Miethlingen meine
ganzen Geschäfte hier anvertrauen wollte, würde ich keinen finden der den Muth
hätte nach Salgado zu kommen. Zwei
Brasilianer, beides tüchtige Kerls, die ich hier angestellt hatte sind
gestorben; ein junger preußischer Husar, der bei Langensalza & Ladova
mitgefochten hatte & zwei mal blessirt wurde liegt hier begraben. Und mein
lieber Schwager Ulisses, der mir lieb
war wie mein Kind & der ein so ausgezeichneter Cammarad für meinen Sohn
gewesen wäre, ist auch vorigen Monath gestorben, allem Anschein nach in Folge
der Malaria Fieber die er sich hier
geholt, wenn er so freundlich war mir in meiner Einsamkeit Gesellschaft zu
leisten. Ein guter, schöner, junger Mann, allgemein geachtet & geliebt; &
in dem der Stoff zu eines angesehen, tüchtigen Familienchefs vorhanden war. Mir
läßt sein Tod, in meinem so einsamen Leben eine ungeheure Leere zurück, die
mich um so mehr schmerzt als ich gleichsam die unwillkührliche Ursache
desselben bin.
Du siehst, der Salgado
rafft viele Opfer dahin. Ich selbst bin nur noch die Ruine von dem was ich
früher war. Aber ich weiche nicht! Und so leid es mir thäte jetzt sterben zu müßen; ich halte aus bis ich aus dem Salgado Etwas
gemacht habe. Allerdings schreiten die Arbeiten nur langsam vorwärts; der
Hinderniße sind so viele zu überwinden in solcher von aller Welt abgeschiedenen
Waldeinsamkeit. Aber dennoch sind die Fortschritte recht fühlbar: Häuser haben
wir noch keine, dafür aber ausgezeichnetes Trinkwasser, & was
vegetabilische & mimalische Nahrung betrifft, schwelgen wir im Ueberfluß.
Unter den Negern haben die Fieber bereits ganz & gar aufgehört, &
Ratten, Schaben, Flöhe & anderes Ungeziefer zieht triumphirend ein, zum
Zeichen daß der Urwald überwunden ist & die Civilisation begonnen hat. Es
ist dies ein untrügliches Zeichen. Thiere haben mehr Verstand als wir. Das ist
auch ganz in der Ordnung; sonst hätten die einen Alles, die andern Nichts. Wir
haben dafür die Vernunft. Triffst du im Walde eine schöne appetitliche Frucht –
so sieh ob eine davon von Affen oder andern Thieren angefressen ist; in diesem
Fall kannst du sie herzhaft genießen; sind aber alle Früchte unangetastet so
rühre sie auch nicht an – sie sind giftig. Die Thiere des Waldes kennen das
besser als alle Botaniker.
Heute schreibe ich ausnahmsweise bei Lampenschein; es ist
eine ganz besondere Vergünstigung des Wetters in dieser Jahreszeit, wo der kalt
beißende Südwind mich sonst früh unter die wollenen Decken treibt & von Lampenschein gar keine Rede sein kann. Gar
herrlich sind hier die Nächte bei Mondschein; da gehe ich oft bis Mitternacht
auf meiner schön planirten Terrasse auf & ab & lebe ein fast entzücktes
Naturleben. Mit Stolz höre ich die Wellen des Salgado an den Pontons meiner Brücke brechen; die gewaltigen
Ankerthaue erzittern von der Chok aber die Brücke schwimt stolz auf dem wilden
Fluß. Wer hätte je gedacht daß ich meine Vorlesungen über Wege- &
Brückenbau in Cadettenhaus zu Berlin jemals zu so friedfertigen Zwecken, auf
der andern Erdenhalbkugel, benutzen würde. Jetzt fange ich erst an Terrain für
die beabsichtigten Cafe- & Cakaopflanzungen urbar zu machen; es wird mithin
noch manches Jahr vergehn ehe ich Profit von meinem neuen Etablissement finde.
Die Fruchtbarkeit des Bodens ist ganz beispiellos, aber der Transport nach &
von Victoria entsetzlich mühsam &
kostspielig. Wenn das nicht wäre so könnte ich schon mehrere Contos de Reis aus den Lebensmitteln
gelöst haben die hier elend umkommen & gar nicht eingeendtet werden. Wozu?
Zu meinem Bedarf braucht es nicht den zehnten Theil womit mich die Natur hier
überschüttet; & zu Export ist der Transport zu theuer. Und die Wälder!
Hätte ich die hiesigen Wälder auf meinem Land von Victoria so brauchte ich gar nichts zu pflanzen um ein sehr schönes
Revenu zu haben. – Habe ich einmal
gute Wohnhäuser hier für mich & meine Neger, die mir treu energisch &
standhaft bei der ganzen Salgado Expedition zur Seite gestanden sind; mein
ziemlich baufälliger Cadaver wieder gehörig ausgeflickt; habe ich einen Sohn
der mir in meinen schweren Berufspflichen hülfreich an die Hand geht; dann
hängt mir der Himmel voller goldene Geigen; & ich tausche mit keinem Kaiser
& keinem Konig. Nur noch zwei Jahre Galgenfrist, & Alles ist
überwunden.
Wie ich vermuthe hat mein Sohn Ferdinand seine Ferienzeit bei Dir zugebracht. Er freute sich
ungemein auf diese Reise & ich freue mich mit ihm. Recht herzlich danke ich
Dir & meiner lieben Alexandrine
für diese Gefälligkeit. Elise schreibt mir Du gehest mit dem Gedanken um dich
österreichisch naturalisiren zu lassen, & würdest gerne zu diesem Zweck
meine Correspondenz mit dem unglückseeligen Erzherzog Maximilian zur Verfügung
haben. Obwol ich den Zusamenhang nicht gut begreifen kann, so stehn Dir alle
Briefe des Verewigten, sowie andere Akten zur Verfügung, sobald ich nur einen
ganz zuverläßigen Boten dafür finde. Denn verlieren möchte ich um keinen Preis
diese Andenken eines ebenso ausgezeichneten als unglücklichen Mannes, der mir
wahre Freundschaft gezeigt & eingeflößt hat.
Mit meinen Subsidiengeldern von der hiesigen Regierung für
meine Straße von Victoria nach Salgado, steht es schlecht. Der
Regierungspräsident, welcher au courant
der ganzen Sache ist & mein Unternehmen in seinen speziellen Schutz
genommen hatte, ist abberufen worden & ein beliebiger Theekessel an seine
Stelle ernannt. Schwache Regierungen scheuen den Einfluß & die Popularität
die solch ein fast unabhängiger Beamter, der unumschränkte Gewalt über Militär-
& Civilbehörden hat, & dabei oft vierzehn Tage auf Ordres von seinem
Ministerium in Rio warten muß. Deßhalb
wird, zum Ruin des offentlichen Wohls, alle 6 oder höchstens 12 Monath diese
diktatorische Gewalt von einer Hand in die andere geschoben.
Nachdem man endlich der Krieg mit Paragay beendet, fängt die brasilianische Legislation wieder an
sich mit der Abschaffung der Sklaverei zu befaßen. Sehr viel Unsin &
einiges Vernünftige wird ausgekramt. Die 5 Provinzen, die eigentlich Brasilien vorstellen (Rio, Bahia,
Pernambuco, Pará & Minas) &
deren ganze Prosperität auf dem Fortbestehn der Sklaverei beruht, zeigen
Tendenzen zur Trennung von den andern 15, welche eigentlich mehr auf dem Papier
als in der Natur existiren, wenn man São
Pedro do Rio Grande & Sta
Catharina ausnimmt. Diese zwei werden über kurz oder lang in die Reihe der
republikanischen La Plata Staten
eintreten. Die Sklaven selbst zeigen so wenig Eifer für ihre Emanzipation trotz
allem Vorschub der von oben herab geleistet wird, & der gleichsam zu sorgen
scheint: Ihr Dummköpfe nehmt doch eure Freiheit! so soll sie euch
gesetzlich garantirt werden, & ihr überhebt ein schauderhaftes Problem zu
lösen: Die Indemnisation der Sklavenbesitzer. Aber die Neger halten es lieber
mit ihren angestammten blutdürstigen Tyrannen (negrophiler Styl) als mit den
Freiheitspropheten der Regierung. Und sie haben wahrhaftig Recht.
Die Salgado-Luft
macht mich geschwätzig, & ich wäre im Stande noch ein Paar Bogenpapier zu
beschmieren. Aber ich sitze hier so stumm & einsam, daß es mir wohlthut mit
Jemandem, selbst aus der Ferne zu conversiren.
Wenn wir uns wiedersehn wird zu wenigsten ein Decenium über unsere letzte Zusamenkunft
verstrichen sein, & wir werden beide sehr, sehr alte Häuser geworden sein.
Immerhin! wenn man nur einen kleinen Nest Frohsinn & Zufriedenheit behalten
hat. So wollen wir uns, so Gott will, wieder einmal recht herzlich an einander
schli(…) Und wer weiß ob ich Dich nicht noch einmal (…)sam bis in die
Zauberregionen vom Salgado exportire.
"Wenn einer eine Reise thut so kann er was erzählen"
Drum griff ich auch nach Stock & Hut etc.
Adieu, mein lieber Albert, ich drücke Deiner Frau Hände mit
freundschaftlicher Zärtlichkeit. Wann werde ich wieder bei euch sein, wie
damals? Aber Deine liebe, alte Schwiegermutter wird uns Allen fehlen.
Dein treuer Bruder Ferdinand








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