Dienstag, 16. Juni 2015

20/08/1870 (Albert)

[A. S. - Aug 870 Erster Brief aus dem neugegründeten Salgado]

Lieber Albert

Ich weiß nicht recht wer von uns beiden dem andern zuletzt geschrieben hat; natürlich schleppe ich Copierbuch, Briefe ect. nicht jedesmal mit mir wenn ich von Victoria nach Salgado gehe. Es hat so wie so des Schleppens genug & mahnt mich an unsere "großen Packtage" seeligen Angedenkens. Hier ist natürlich des Packen viel beschwerliche, indem man nur Kisten oder Pakete von 100 – 125 Pf. machen kann, von denen je zwei immer ganz gleich, um sie auf die zwei Seiten eines Lastthiers zu laden. Es ist eine entsetzliche Arbeit bis so ein Dutzend Lastthiere gehörig geladen, wasserdicht überdeckt, zusamengegurtet & in Gang gebracht sind.

Seit Anfang dieses Monaths bin ich nun wieder hier in meinem Exil & gedenke bis Mitte November darin zu verbleiben. Da bin ich nun wieder ganz allein mit 40 Negern; meine einzige Gesellschaft, die mir Tag & Nacht eine beispiellose Anhänglichkeit zeigt, ist eine junge Unze, die ich zwei Tage alt aus dem Nest nahm, & die keinen Augenblick ohne mich sein kann; nur wenn sie ein Schwein oder ein Schaaf zu packen bekommt, dann hört alle Freundschaft auf & sie wird böse wie ein wahrer Tiger. Den Tag über habe ich zu viel zu thun um meine Einsamkeit zu fühlen. Aber diese kurzen, schweigsamen Mahlzeiten, & dann die langen Abende, während welchen ich meistens in meinen, allen Winden offenen Schoppen kein Licht haben, mithin weder lesen noch schreiben kann, sind entsetzlich traurig. Man gewöhnt sich jedoch an Alles; & wenn ich nach langer Abwesenheit wieder zu ersten Mal in Victoria aufwache, bin ich ganz erstaunt mich auf einem anständigen Bett, in einem Zimmer das Wände, Fenster & Thüren hat zu finden. Doch das sind Kleinigkeiten. Was mich aber ernstlich betrübt & ängstigt das ist meine Gesundheitszustand, der durch die ganze Salgado Expedition total ruinirt ist. Ich leide nämlich am Beriberi, einer chronischen Entzündung der Sehnenscheiden & Gelenkkapseln, eine Krankheit orientalischen Ursprungs & erst seit etwa 10 Jahren in Brasilien eingebürgert.

Sumpfluft, schlechte Nahrung, übermäßige Anstrengungen bringen diese Krankheit hervor, wenn sie ein durch langwierige Fieber, Leberleiden & rheumatische Diathese gehörig vorbereitetes Terrain findet, was leider bei mir der Fall. Recht wehmüthig wurde mir zu Muthe als ich zum letzten Mal von Victoria fortritt; nachdem ich drei mal vergebens versucht hatte in den Steigbügel zu kommen, mußte ich mir einen Stuhl bringen lassen um mich in den Sattel zu setzten. Als ich vor zwei Monathen in Bahia war & die zwei besten Aerzte, einen Deutschen & einen Engländer, consultirte, meinten sie beide ich müße ohne Verzug nach Europa. Aber ich kann jetzt unmöglich. Und ich vertraue auf Gott, daß Er mir noch zwei Jahre Ausdauer gewährt, bis mein Sohn einigermaßen meine Stelle vertreten kann. Dann allerdings werde ich nach Europa gehen, & das wenigstens auf ein Jahr. Früher ist nicht davon zu denken. Selbst wenn ich Miethlingen meine ganzen Geschäfte hier anvertrauen wollte, würde ich keinen finden der den Muth hätte nach Salgado zu kommen. Zwei Brasilianer, beides tüchtige Kerls, die ich hier angestellt hatte sind gestorben; ein junger preußischer Husar, der bei Langensalza & Ladova mitgefochten hatte & zwei mal blessirt wurde liegt hier begraben. Und mein lieber Schwager Ulisses, der mir lieb war wie mein Kind & der ein so ausgezeichneter Cammarad für meinen Sohn gewesen wäre, ist auch vorigen Monath gestorben, allem Anschein nach in Folge der Malaria Fieber die er sich hier geholt, wenn er so freundlich war mir in meiner Einsamkeit Gesellschaft zu leisten. Ein guter, schöner, junger Mann, allgemein geachtet & geliebt; & in dem der Stoff zu eines angesehen, tüchtigen Familienchefs vorhanden war. Mir läßt sein Tod, in meinem so einsamen Leben eine ungeheure Leere zurück, die mich um so mehr schmerzt als ich gleichsam die unwillkührliche Ursache desselben bin.

Du siehst, der Salgado rafft viele Opfer dahin. Ich selbst bin nur noch die Ruine von dem was ich früher war. Aber ich weiche nicht! Und so leid es mir thäte jetzt sterben zu müßen; ich halte aus bis ich aus dem Salgado Etwas gemacht habe. Allerdings schreiten die Arbeiten nur langsam vorwärts; der Hinderniße sind so viele zu überwinden in solcher von aller Welt abgeschiedenen Waldeinsamkeit. Aber dennoch sind die Fortschritte recht fühlbar: Häuser haben wir noch keine, dafür aber ausgezeichnetes Trinkwasser, & was vegetabilische & mimalische Nahrung betrifft, schwelgen wir im Ueberfluß. Unter den Negern haben die Fieber bereits ganz & gar aufgehört, & Ratten, Schaben, Flöhe & anderes Ungeziefer zieht triumphirend ein, zum Zeichen daß der Urwald überwunden ist & die Civilisation begonnen hat. Es ist dies ein untrügliches Zeichen. Thiere haben mehr Verstand als wir. Das ist auch ganz in der Ordnung; sonst hätten die einen Alles, die andern Nichts. Wir haben dafür die Vernunft. Triffst du im Walde eine schöne appetitliche Frucht – so sieh ob eine davon von Affen oder andern Thieren angefressen ist; in diesem Fall kannst du sie herzhaft genießen; sind aber alle Früchte unangetastet so rühre sie auch nicht an – sie sind giftig. Die Thiere des Waldes kennen das besser als alle Botaniker.

Heute schreibe ich ausnahmsweise bei Lampenschein; es ist eine ganz besondere Vergünstigung des Wetters in dieser Jahreszeit, wo der kalt beißende Südwind mich sonst früh unter die wollenen Decken treibt & von Lampenschein gar keine Rede sein kann. Gar herrlich sind hier die Nächte bei Mondschein; da gehe ich oft bis Mitternacht auf meiner schön planirten Terrasse auf & ab & lebe ein fast entzücktes Naturleben. Mit Stolz höre ich die Wellen des Salgado an den Pontons meiner Brücke brechen; die gewaltigen Ankerthaue erzittern von der Chok aber die Brücke schwimt stolz auf dem wilden Fluß. Wer hätte je gedacht daß ich meine Vorlesungen über Wege- & Brückenbau in Cadettenhaus zu Berlin jemals zu so friedfertigen Zwecken, auf der andern Erdenhalbkugel, benutzen würde. Jetzt fange ich erst an Terrain für die beabsichtigten Cafe- & Cakaopflanzungen urbar zu machen; es wird mithin noch manches Jahr vergehn ehe ich Profit von meinem neuen Etablissement finde. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist ganz beispiellos, aber der Transport nach & von Victoria entsetzlich mühsam & kostspielig. Wenn das nicht wäre so könnte ich schon mehrere Contos de Reis aus den Lebensmitteln gelöst haben die hier elend umkommen & gar nicht eingeendtet werden. Wozu? Zu meinem Bedarf braucht es nicht den zehnten Theil womit mich die Natur hier überschüttet; & zu Export ist der Transport zu theuer. Und die Wälder! Hätte ich die hiesigen Wälder auf meinem Land von Victoria so brauchte ich gar nichts zu pflanzen um ein sehr schönes Revenu zu haben. – Habe ich einmal gute Wohnhäuser hier für mich & meine Neger, die mir treu energisch & standhaft bei der ganzen Salgado Expedition zur Seite gestanden sind; mein ziemlich baufälliger Cadaver wieder gehörig ausgeflickt; habe ich einen Sohn der mir in meinen schweren Berufspflichen hülfreich an die Hand geht; dann hängt mir der Himmel voller goldene Geigen; & ich tausche mit keinem Kaiser & keinem Konig. Nur noch zwei Jahre Galgenfrist, & Alles ist überwunden.

Wie ich vermuthe hat mein Sohn Ferdinand seine Ferienzeit bei Dir zugebracht. Er freute sich ungemein auf diese Reise & ich freue mich mit ihm. Recht herzlich danke ich Dir & meiner lieben Alexandrine für diese Gefälligkeit. Elise schreibt mir Du gehest mit dem Gedanken um dich österreichisch naturalisiren zu lassen, & würdest gerne zu diesem Zweck meine Correspondenz mit dem unglückseeligen Erzherzog Maximilian zur Verfügung haben. Obwol ich den Zusamenhang nicht gut begreifen kann, so stehn Dir alle Briefe des Verewigten, sowie andere Akten zur Verfügung, sobald ich nur einen ganz zuverläßigen Boten dafür finde. Denn verlieren möchte ich um keinen Preis diese Andenken eines ebenso ausgezeichneten als unglücklichen Mannes, der mir wahre Freundschaft gezeigt & eingeflößt hat.

Mit meinen Subsidiengeldern von der hiesigen Regierung für meine Straße von Victoria nach Salgado, steht es schlecht. Der Regierungspräsident, welcher au courant der ganzen Sache ist & mein Unternehmen in seinen speziellen Schutz genommen hatte, ist abberufen worden & ein beliebiger Theekessel an seine Stelle ernannt. Schwache Regierungen scheuen den Einfluß & die Popularität die solch ein fast unabhängiger Beamter, der unumschränkte Gewalt über Militär- & Civilbehörden hat, & dabei oft vierzehn Tage auf Ordres von seinem Ministerium in Rio warten muß. Deßhalb wird, zum Ruin des offentlichen Wohls, alle 6 oder höchstens 12 Monath diese diktatorische Gewalt von einer Hand in die andere geschoben.

Nachdem man endlich der Krieg mit Paragay beendet, fängt die brasilianische Legislation wieder an sich mit der Abschaffung der Sklaverei zu befaßen. Sehr viel Unsin & einiges Vernünftige wird ausgekramt. Die 5 Provinzen, die eigentlich Brasilien vorstellen (Rio, Bahia, Pernambuco, Pará & Minas) & deren ganze Prosperität auf dem Fortbestehn der Sklaverei beruht, zeigen Tendenzen zur Trennung von den andern 15, welche eigentlich mehr auf dem Papier als in der Natur existiren, wenn man São Pedro do Rio Grande & Sta Catharina ausnimmt. Diese zwei werden über kurz oder lang in die Reihe der republikanischen La Plata Staten eintreten. Die Sklaven selbst zeigen so wenig Eifer für ihre Emanzipation trotz allem Vorschub der von oben herab geleistet wird, & der gleichsam zu sorgen scheint: Ihr Dummköpfe nehmt doch eure Freiheit! so soll sie euch gesetzlich garantirt werden, & ihr überhebt ein schauderhaftes Problem zu lösen: Die Indemnisation der Sklavenbesitzer. Aber die Neger halten es lieber mit ihren angestammten blutdürstigen Tyrannen (negrophiler Styl) als mit den Freiheitspropheten der Regierung. Und sie haben wahrhaftig Recht.

Die Salgado-Luft macht mich geschwätzig, & ich wäre im Stande noch ein Paar Bogenpapier zu beschmieren. Aber ich sitze hier so stumm & einsam, daß es mir wohlthut mit Jemandem, selbst aus der Ferne zu conversiren.

Wenn wir uns wiedersehn wird zu wenigsten ein Decenium über unsere letzte Zusamenkunft verstrichen sein, & wir werden beide sehr, sehr alte Häuser geworden sein. Immerhin! wenn man nur einen kleinen Nest Frohsinn & Zufriedenheit behalten hat. So wollen wir uns, so Gott will, wieder einmal recht herzlich an einander schli(…) Und wer weiß ob ich Dich nicht noch einmal (…)sam bis in die Zauberregionen vom Salgado exportire.

"Wenn einer eine Reise thut so kann er was erzählen"

Drum griff ich auch nach Stock & Hut etc.

Adieu, mein lieber Albert, ich drücke Deiner Frau Hände mit freundschaftlicher Zärtlichkeit. Wann werde ich wieder bei euch sein, wie damals? Aber Deine liebe, alte Schwiegermutter wird uns Allen fehlen.

Dein treuer Bruder Ferdinand

Salgado den 20 August 1870

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