Dienstag, 2. Juni 2015

30/11/1879 (Albert)

Victoria den 30 November 1879

(A. S. - Abgegangen am 6 Dezember.
Amelias Krankheit & vermeintliche Rettung
Heimweh)

Lieber Albert

Möglicherweise erhältst Du diesen Brief zu Neujahr, in welchem Falle ich Dir und Deinigen meine herzlichsten Wünsche übersende, daß es Euch in jeder Hinsicht wohl gehen möge & daß wir uns bald wiedersehn. Deinen Brief von 22 April habe seiner Zeit erhalten & mich gefreut daraus zu ersehn daß es Euch Allen gut geht & daß namentlich die Gesundheit nicht gar zu fahnenflüchtig wird, wie dies im unserm Alter nur gar zu oft der Fall ist.

Deine Beschreibung der großen Festivität in Wien hat mich amüsirt. Was mich wunderte ist daß so viel künstliche Waden erforderlich waren um die Beine der kostümirten Herrn herauszuputzen. Wer sich so gut nährt wie die Wiener sollte wahrhaftig dicke Beine haben. Ich erinnere mich noch an die Monster Cotteletten, die ich dort verzehrte; wahre Offensiv-Deffensiv Waffen, trotz des Eselkinnbackens Simsons.

Meinen besten Dank für den freundlichen Antheil den Du am Wohlergehn meiner bereits verheirathete Tochter nimmst. Bis jetzt geht natürlich Alles wie auf Rosen gebettet. Ich habe die Bemerkung gemacht daß, während gewöhnlich die Frau zur Familie ihres Mannes hinübergezogen wird, es bei meiner Tochter umgekehrt ist: der Mann ist ganz in meine Familie hineingezogen werden Ein Zeichen daß es meine Tochter in elterlichen Hause nicht zu schlecht hatte, & gleichzeitig daß sie mehr Willenskraft besitzt als der Mann. Erstens ist recht gut, Letzteres minder. Doch hat der junge Mann Beweise energischer Willenskraft gezeigt indem er, sobald er Absichten auf meine Tochter bekam, von einem ziemlich liederliche Lebenswandel zu einem soliden überging, & das während sechs Jahren, vor der Hochzeit. Als ihn einmal meine Tochter merkte, er wäre wol nicht im Stand eine Woche auszuhalten ohne zu rauchen, gab er zum Beweis der Selbstüberwindung das Rauchen gänzlich auf - & das schon seit mehreren Jahren. Ich muß aufrichtig gestehn daß ich, in den Jahren in welchen man für das schöne Geschlecht schwärmt, kaum ein solches Opfer gebracht hätte, & die Dame hätte wirklich prachtvolle Augen haben müssen, deren Feuer zu liebe ich das meiner Cigarre auf immer gelöscht haben würde.

Einstweilen haben sie ihr recht schönes Auskommen; (…)

Photographien von meiner Familie & meinen Besitzungen sind nicht leicht zu beschaffen, & Du kannst Dir leicht denken daß, sobald ich deren besitze, Du auch mit Exemplaren bedacht sein wirst.

Cherubino macht seinen Weg recht gut & wird es weit bringen. Dans le pays des aveugles le borgne est le roi. Er behauptet daß fast sämtliche brasilianischen Ingenieure mit denen er bisher hier zusamentraf so viel vom Handwerk kennen als ein Schumacher von der Malerei. Außerdem sind sie faul & gewissenlos. Aber der Neid & Fremdenhaß machen daß die Rierung immer lieber einen Stupiden, betrügerischen Brasilianer anstellt als einen tüchtigen, zuverläßigen Fremden. Wo aber wirklich geschafft werden soll müssen immer die Europäer dran. Nachdem Cheru einige Zeit in Rio gratis hospitirt hatte, bekam er eine mittelmäßige Anstellung bei einem Eisenbahnbau in einer entsetzlichen Wüste, wo unter andern Kleinigkeiten selbst das Trinkwasser gänzlich fehlte. Nach wenigen Monaten verließ er diesen Ort der auf dem besten Wege war ein großartiger Kirchhof zu werden & kam nach Hause um sich zu restauriren: Der arme Junge sah wirklich aus wie ein Cadaver. Er hatte sich noch nicht recht erholt so bekam er einen Ruf nach einer Stadt ganz in der Nähe von Bahia, wo er bald ein Jahr ist. Er hat dort eine ganz unabhängige Stellung  12. 000 Fr. nebst Wohnung Bedienung & Pferden. Allem Anschein nach wird sein Gehalt nächstens um die Hälfte erhöht. Hatte er auf seiner frühern Station mit Fieber Klapperschlangen, Hunger & Durst zu kämpfen so sieht er sich in der jetzigen einem noch schlimmern Feind gegenüber: dem stupidern, reaktionären Stockbrasilianismus. Die dortigen Bewohner, & zwar die großen reichen Grundbesitzer à la tête, wollen die gottlose Neuerung einer Eisenbahn auf ihrem Grund & Boden, auf welchem ihre Väter & Vorfahren durch Dick & Dünn wateten, nicht dulden. Gott hat den Maulesel & den Ochsen geschaffen um den Zucker & Tabak durch den Koth zu schleppen, wie will sich der Mensch erfrechen gegen Gottes Willen anzukämpfen. Hier zu Lande bleibt es nicht beim Räsoniren; es kam zu Thätlichkeiten zwischen den Eisenbahn Arbeitern & dem Plebs; es gab tötliche & leichte Verwundungen. Chérubin, als Chef benahm sich recht tapfer & umsichtig & hat es wunderbarer Weise so weit gebracht daß die zwei Hauptanführer zu 20 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden sind; Falls der eine davon nicht vorher an seinen Wunden stirbt. Aber Cherubino muß sich in nächster Zeit sehr vor der Rache in Acht nehmen, die hinter jedem Baum lauert. Am liebsten wäre es mir wenn er auf ein Par Monate auf Urlaub zu mir kommen könnte.

Alberto wird in drei Monaten auch bei derselben Eisenbahn angestellt werden. Sein Bruder hat ihm dort eine seinen Fähigkeiten entsprechende Stelle verschafft. Hier ist er zu gar nichts zu gebrauchen & mir ist bange daß er dort auch nicht lange bleiben wird. Fernando ist ein recht tüchtiger Arbeiter so lange er keine Witterung von Hirsch & Wildschwein spürt, ist dies aber der Fall so hält ihn nichts mehr: er muß hinaus in den Wald & stände des Haus in Flammen & all seine Angehörigen mitten drinn. Die Mädchen wachsen heran wie die Pilze: die Jüngste ist bereits  15 jährig. Es wäre mir ganz recht wenn sie nach & nach bald an Mann kämen, obwol ich mir mein Haus, mit dem regen Leben & fröhlichen Spektakel gar nicht als einsame Klause vorstellen kann.

Mit meiner armen Frau geht es schlecht. Nachdem sie das Alter von 44 Jahren erreicht hatte, ohne nie krank oder auch nur unwohl zu sein, wurde sie von einer entsetzlichen Krankheit – Gebärmutterkrebs – befallen. Sie hat das Unglaubliche gelitten, & wir natürlich auch. Ganze Trimester wurde im Haus nur auf den Fußspitzen gegangen & nur leise flüsternd gesprochen. Jede Woche hieß es: Heut ist der letzte Tag, sie kann unmöglich den Morgen des andern Tages erleben. Du kannst Dir das Jammern der Kinder denken. Dabei das ganze Hauswesen außer Rand & Band; schlaflose Nächte ohne Zahl. Ich mußte dabei alle Geschäfte & Arbeiten besorgen, denn Fernando hatte den Kopf total verloren. Das Schlimmste war die schwere Verantwortlichkeit, die auf mir lastete, als einzigem Arzt. Ganze Nächte brütete ich über meinen medizinischen Werken, alten & neuen, allopathischen & homöopathischen; & am Morgen war ich noch zu keinem Entschluß gekommen. Soll ich oder soll ich nicht dieses oder jenes Mittel versuchen. Es kann vielleicht Genesung oder Tod spenden. Wer rathet mir, wer gibt mir einen Fingerzeig? Dazu passirte mir noch das malheur von einem Hund gebissen zu werden & zwar so schlimm daß der Arm brandig wurde & ich ganz unerwarteter Weise noch nähere Anwartschaft auf den Tod hatte als meine Frau. Da lagen wir nun beide, ohne Muth uns gegenseitig ins Gesicht zu sehn; Jeder dem Andere Trost & Muth zusprechend, der ihm selbst fehlte. Was sollte aus den armen Kindern werden, wenn wir Beide zugleich so mit Tod abgingen. Daß ich nicht verrückt geworden bin ist mir heute noch ein Räthsel.

Es war im Januar als sich die ersten Anzeichen der Krankheit bei meiner Frau zeigten. Anfangs April brachte ich sie nach Bahia, wo Consulten von englischen, deutschen, französischen, italienischen & brasilianischen Aerzten sämtlich das Verdikt aussprachen: "Die Frau ist unrettbar verloren & hat keine zwei Monate mehr zu leben; gehen Sie schleunigst nach Hause damit sie nicht unter Wegs stirbt. " Das war der Trost den ich mir & meinen Kindern von Bahia zurückbrachte, nebst einem kaum athmenden Cadaver.

Aber, Gottlob, Alles hat sich zum Bessern gewandt; nach sechs Monaten namenloser Angst & Aufregung ist eine heilsame Krisis eingetreten, der Krebs radikal kurirt, ein Fall der unter tausenden höchstens ein Mal vorkommt. Es blieb totale Lähmung eines Beines übrig. Aber auch die verschwindet unter der Behandlung mit Seebädern. Einen Monat nahm sie meine Frau hier im Hause, warm, indem ich alle Tage zwei Fässer Meerwasser in Ilheos holen ließ. Jetzt setzt sie dasselbe Heilverfahren in Ilheos selbst fort. Es geht viel besser. In vierzehn Tagen muß sie ins Meer selbst hinein, dessen Wellenschlag & kühle Temperatur hoffentlich die Kur vollenden werden. Uns so haben wir den Aussicht unsere alten Tage gemeinschaftlich zu Ende zu tragen, nachdem wir schon glaubten vor der Zeit gewaltsam getrennt zu werden.

Es soll mich nur wundern das Gesicht der Herrn Doktoren zu sehn, wenn ich ihnen meine zum Tod verurtheilte Frau im besten Wohlsein vorstelle. Aber die sind nicht blöde, setzten sich aufs hohe wissenschaftliche Pferd & sagen: "Es handelt sich nicht darum die Frau zu kuriren, kuriren kann sie ein jeder Quacksalber & Kurschmied – es handelt sich darum daß die Frau wissenschaftlich behandelt wird". – Kamele! so sind sie Alle!

Ich habe schon manches durchgemacht aber vor solchen Zeiten, wie die von April bis September waren, bewahre mich der Himmel.

Mit meiner Gesundheit geht es ganz ausnahmsweise gut. Seit dem berüchtigten Hundebiß habe ich keine Spur von Rheumatismen mehr verspürt; es sind das jetzt sechs Monate; aber Schlaf, Appetit, Gedächtniß, Arbeitslust, Energie sind verschwunden. Auch habe ich eigentlich an nichts mehr recht Freude & werde stumpfsinnig & menschenscheu. Zerstreuung namentlich eine Reise nach Europa thäte mir sehr wohl. Aber einstweilen ist nicht daran zu denken; vielleicht in zwei Jahren, wenn ich bis dahin noch solide genug bin um eine solche Reise zu riskiren.

Im Salgado bin ich natürlich dieses Jahr gar nicht gewesen, als etwa auf einen Sprung. Meine rothhäutige Leibgarde ist in Corporä desertirt, nachdem sie mich nicht mehr hat erscheinen sehn. Nun viel ist nicht daran verloren. Aber ein undankbares, viehisches Gesindel bleiben sie doch immer. Wenn nur nicht die Wilden kommen & mir dort Schaden anrichten. Mit diesen & meinen früheren Halbwilden verhält es sich wie zwischen Ratten & Katzen. Wer von Ratten verschont sein will muß Katzen halten; diese sind aber oft ebenso unangenehm als die Ratten selbst. Vorigen Monat schoß Fernando den ich an meine Stelle für einige Zeit hingeschickt hatte, einen prachtvollen Jaguar, wahrscheinlich den Patriarchen der ganzen Umgegend; er holte sich jede Nacht ein oder mehrere Schaafe; zum Glück scheint er an Rind - & Pferdefleisch keinen Geschmack gehabt zu haben. Oder wahrscheinlich war er zu faul größere Thiere zu fangen, denn der Speck lag ihm fingerdick auf den Rippen & sogar sein Gesicht soll einen fidelen harmlosen Ausdruck gehabt haben. Es geht den Unzen wie den Menschen. Dicke, fette Menschen können unzuverläßig, trüge sein, aber bösartig sind sie nie: das stöhrt die Verdauung. Gern hätte ich das schöne Fell behalten, aber es wurde angefressen von Hunden Ratten ect. Ein oder zwei Monate Ruhe in der Waldeinsamkeit im Salgado würden meinen überspanten Nerven sehr zuträglich sein; es geht aber nicht. Unterdessen haben wir hier rasende Hitze & Dürre, was ich durch Elise schon im Voraus wußte; denn sie hat die, bis jetzt stets richtig zutreffende Beobachtung gemacht, daß in den Jahren in denen der Schnee in der Schweiz mit wahrer Profusion fällt, ich in Bahia einen außergewöhnlich heißen, trockene Sommer habe.

Deine silberne Hochzeit hast Du wahrscheinlich viel gemüthlicher & viel weniger brillant gefeiert als der Kaiser. Hoffentlich feiert Ihr auch die goldene im relativ besten Wohlsein, & sehn wir aus noch vorher um, wahrscheinlich dann zum letzten Mal, noch einige frohe Tage zusamen zu verleben. Dein & Deiner Frau Photographien stehn vor mir auf meinem Schreibtisch, & sehe ich sie recht oft an, während ich Dir schreibe, & denke dabei an die guten Tagen die wir drei, nebst Deiner so überaus freundlichen Schwiegermutter in Hlubosch verlebten. Ich war recht froh zu vernehmen daß Dein Sohn nicht beordert worden ist in dem Hexenbrei, der in den neu aquirirten türkischen Provinzen gebraut wird, mitrühren zu müssen. Viel lieber der Kochlöffel in dem berühmten Birngasch unserer Kinderjahre hantiren.

Meine zwei hier anwesenden Söhne grüßen Euch beide aufs allerfreundschaftlichste. Die gesamte Damenwelt ist in Ilhéos. So lebt den alle Beide von ganzen Herzen wohl; so Gott will, auf ein baldiges frohes Wiedersehn.

                                                                                              Dein treuer Bruder Ferdinand.
 

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