(A. S. - 31 – 12 – 878 Brasilianer lustige Verhältnisse)
Mein Lieber Bruder
Gern hätte ich Dir schon früher geschrieben, aber ein recht böses Geschwür das ich am rechten Daumen bekam hat mich fast zwei Monate lang am Schreiben verhindert, so daß ich meine Bücher nur nothdürftig mit Bleistift à jour halten konnte. Jetzt ist der Nagel ganz verkrummt & zerrissen & wächst immer ins Fleisch hinein, so daß ich ihn in Bahia werde ausreißen lassen; eine recht unangenehme Operation, die zur Zeit der Inquisition sehr in Mode gewesen sein soll. Zu drei bis vier Tagen erwarte ich das Dampfschiff das mich nach Bahia bringen soll, wo augenblicklich das gelbe Fieber stark prassirt. Doch glaube ich das es meinem mit gebranntem Leder bombenfest überzogenen Cadaver nichts anhaben wird.
Hauptzweck meiner Reise nach Bahia ist die Aussteuer ect. zur Heirath meiner Tochter Libussa zu besorgen. Elisa & Therese habe ich bereits von dieser bevorstehenden Heirat in Kentniß gesetzt & Du bekommst die Mittheilung zuletzt weil ich eben nicht früher schreiben konnte. Mein zukünftiger Schwiegersohn heißt Joan d´Adami , Sohn eines Capitäns aus der weiland sardinischer Marine ais Genua stammend; er ist 32 Jahre alt, ein schöner strammer Bursche. Er ist Agent der kaiserlichen Dampfschiffe, die die ganze Küste befahren, was ihm ein recht nettes Einkommen gibt. Große Sprünge kann das junge Paar allerdings nicht machen, doch sind sie nicht auf die Schiller sche Ration gesetzt: «Raum ist in der kleinsten Hütte für ein zärtlich liebend Paar», sondern haben auch noch sonst Etwas im besagten Raum auszufüllen.
Die Frau des alten Adami ist cousine germaine meiner Frau, so daß die beiden jungen Heiratskandidaten issus de germain sind. Was mir sehr lieb ist das ist meine Tochter ganz in der Nähe zu behalten, denn ihr Mann wohnt in Ilhéos , das kaum zwei Stunden von hier entfernt ist. Im Januar denke ich wird das Heiraten losgehn. So wäre denn Nr. 1 versorgt: bleiben noch drei übrig. Meine zweite Tochter Constancia könnte übrigens auch schon seit einem Jahr unter der Haube sein. Die Parthie war in materieller Hinsicht weit brillanter. Der Prätendent war damals Statsanwalt, jetzt ist er Deputirter in Rio , dazu Präfekt einer Comarca (Département oder Regierungsbezirk ) & hat die besten Aussichten in etlichen Jahren Präsident einer Provinz zu werden, die höchste Stelle in der Magistratur, eine Art Vice Kaiser. Aber der Mensch war mir höchst antipatisch, nicht mehr sehr jung & hatte die Manieren & das Aussehn eines Handwerksburschen, weßhalb ich ihm als solchen den Laufpaß gab. Es werden sich schon Andere finden. Hier heiraten alle Mädchen, eine alte Jungfer ist ein ganz unbekannter Gegenstand hier zu Lande.
Beifolgend die so oft verlangte Liste der Geburtstage meiner Familie: Meine Frau geboren 15 Mai 1834. Unsere Verheiratung 25 Mai 1851. Fernando geboren den 10 Mai 1853. Cherubino 20 Juli 1854. Alberto 10 Dezember 1855. Libussa 23 Juni 1859. Constança 10 Dezember 1860. Julia 3 August 1862. Eugenia 12 Mai 1864.
Die gestorbenen Kinder: Amelia 10 Mai 1852. Libussa 20 October 1857. Maximiliano 23 Juni 1866.
Du siehst eine gesegnete Nachkommenschaft wie die israelitischen Erzväter. Das waren aber lauter reiche Kauze.
Deinen Brief vom 23 August habe ich erhalten. Was Du mir über die manquirte, (…), brillante Heirat von Berti schreibst hat mich in ziemliches Erstaunen versetzt. Ich, an Deinem Platz hätte ihm die Sache jedenfalls angerathen ohne jedoch zu drängen. (…) zu wundern, besonders heut zu Tage wo eben Geburt wenig & Geld Alles gilt. Jedenfalls ist es ein Zeichen sehr lobenswerthen Zartgefühls von Berti daß er ein Mädchen nicht zu seiner Frau nimmt welches ihm gleichgültig ist, & nur materielles Interesse für die Heirat spricht. Er verdient eine Entschädigung als Belohnung in Form einer gleich bevorzugten Braut, die ihm aber recht ans Herz gewachsen ist. Ein wahres Glück daß er nicht nach Bosnien einmarschirt ist. Das ist auch so ein Krieg bei dem mehr in Arnica & China gemacht wird als in Lorbeern. Es hat Anschein daß sich die famose question d´Orient fortspinnen und ausdehnen wird bis eine allgemeine Conflagration erfolgt bei welcher die Türkei & Oesterreich die meisten Haare lassen werden.
Mit meiner Gesundheit geht es im Allgemeinen doch etwas besser; d. h. die entsetzlichen schmerzhaften Anfälle werden seltener & schwächer, die Krankheit hat ihren Höhepunkt bereits erreicht & wird altersschwach - & ich auch, & zwar mit entsetzlicher Schnelligkeit. Nachdem mir die Rheumatismen Arme & Beine gründlich ruinirt haben, machen sie sich jetzt an den Kopf. Ich verliere davon ganz das Gedächtniß & die Fähigkeit selbst eine einfache Adition correkt zu machen; muss oft Opium nehmen & bin bange am Ende noch ganz blödsinnig zu werden. Dann wäre es hohe Zeit abzumarschiren. Jedenfalls hoffe ich vor dieser großen Reise noch eine nach Europa machen zu können, die dann wol die letzte sein wird. Auch gedenke ich sie nicht über zwei Jahre hinaus zuschieben.
Was ist das für ein entsetzliches Unglück mit der armen Elise, die auf ihre alten Tage noch blind wird! Das ist zu fürchterlich. Wer weiß, vielleicht hätte sie die projektirte Reise nach Brasilien vor diesem Unglück bewahrt. Ich erwarte mit Spannung Nachrichten von ihr um zu wissen was es mit dem italienischen Arzt für Resultate gegeben hat.
Du klagst über die Schwierigkeit Dienstleute zu behandeln & von ihnen die Erfüllung ihrer Pflichten zu erzwingen; Die sogenannte Freiheit & Gleichheit spuckt eben gegenwärtig in allen Köpfen, dringt, sogar bis in den Urwald unter die wilden Indianer Stämme, die ihre Chefs nicht mehr respektiren, nach dem Beispiel von Hödel & Nobiling auf sie schießen, wie das bei Indianern in der Nähe vom Salgado passirt ist. Auch die meinigen, die ich ein wenig zu Menschen machen wollte, sind fortgelaufen & ziehen das freie viehische leben jedem andern vor. Nur der alte Häuptling mit seiner Familie ist mir treu beblieben & jammert über die Verderbtheit des menschlichen Geschlechts. Auch mit den Negern ist nicht mehr so leicht auszukommen; der Freiheitssinn steckt ihnen im Kopf & wird durch heimliche Emissäre geschürt. Den Sklavenbesitzern ist gesetzlich jede Strafgewalt über ihre Neger genommen. Bekanntlich werden aber hier viele Gesetze geschrieben die Niemand befolgt. Jedenfalls macht aber die Kenntniß solcher Gesetze die Sklaven aufsätzig, & es ist eigentlich zu verwundern daß nicht viel mehr Unordnung & Unheil dabei herauskommt.
Ein Glück für das Land & zugleich sein größte Unglück ist die kolossale, die wahrhaft monumentale Faulheit seiner Bewohner. Ohne diese würde, bei dem totalen Mangel an Gerechtigkeitspflege, Polizei & Repressivmaßregeln gegen Verbrecher einerseits, & der gänzlichen Demoralisation & Irreligiosität andererseits, das schöne Land in einen Morast von Blut & Aesche werwandelt werden. Wäre das hiesige Volk von derselben rasenden Genußsucht beseelt wie das Prolätariat & selbst mancher höher Stehende, so würde es sehr schlimm im Brasilien stehn. Zum Glück ist aber Hauptbedürfniß & Hauptgenuß des Brasilianers Ruhe & ein Stück Sonnenschein von dem er sich bebrüten lassen kann. Und das kann er billig haben. Geistige Genüße, höhern Comfort kennt er gar nicht, kann sie daher auch nicht wünschen. Die höhern Stände sind darin den niedern ganz gleich; mithin erregen sie keinen Neid bei letztern. Findet so ein Brasilianer einen fetten Braten & ein gutes Glas Wein gratis, so wird er sie durchaus nicht verrachten; aber um sich zu incommodiren dieselben zu verdienen – das fällt ihm nicht ein. Die Ruhe & das far niente ist der höchste Lebensgenuß. Ebenso werden die Sklaven, wenn man ihnen die Freiheit octroyirt dieselbe annehmen: aber sich zu incommodiren um sie zu erlangen, dazu sind sie ebenfalls zu bequem & außerdem viel zu gut gehalten. Wollten die Sklaven sich heute als freie Leute betrachten, ihren Herrn – guten Morgen wünschen & auf eigene Faust im Wald ihre Pflanzungen gründen & bewirtschaften, so würde sie Niemand daran hindern. Einige thun es auch. Das ist auf dem Lande; in den großen Städten walten allerdings andere Verhältniße. Und so duselt das ungeheure Brasilien im seeligen Schlaf von einem Jahr in das andere.
Daß diese gräßliche Faulheit, welche das Land vor Catastrophen jeder Art bewahrt, auch keinen Emporschwung zulässt, ist natürlich: Wer nicht consumirt der produzirt auch nicht. Alles liegt brach; Niemand will arbeiten. Nur die Europäer & die Sklaven machen eine Ausnahme; letztere weil sie müssen & auch erstere weil sie Bedürfniße zu befriedigen haben & auch an die Zukunft denken. Das niedere Volk lebt im Wald von Wild, Fischen & einigen Früchten & Wurzeln, braucht nicht zu arbeiten, arbeitet nicht & hat gar keine Idee davon daß man besser leben kann als auf der faulen Haut. Der sogenannte Bürgerstand in den Städten ambitionirt einzig & allein eine kleine Anstellung, ein Amt bei der Regierung zu bekleiden. Und, da deren sehr viele sind & eine schwache, so zu sagen ephemere Regierung, Niemand unzufrieden machen will, hilft sie sich damit daß sie Aemter bis ins Unendliche zerstückelt, d. h. da wo Arbeit & Gehalt für einen Angestellten genügen würden vertheilt sie dieselben unter ein halbes Dutzend Faulenzer, die dann natürlich nichts zu thun & nichts zu essen haben.
Für uns Europäer ist es wirklich entsetzlich in einer solchen Repartição publica zu thun zu haben: Eine ganze Schaar von Tagedieben lungert in den Kanzleisäälen herum, conversirt, lacht, raucht auf der Varanda. Du wirst sehr höflich empfangen, höflich ist der Brasilianer immer, er wäre im Stande dich um Entschuldigung zu bitten wegen der Angelegenheit die er Dir verursacht in dem er Dir ein Messer in den Leib rennt.
So lange man mit den Herrn conversirt, lacht & raucht, geht Alles gut; sobald man aber von Geschäften anfängt erstarrt die ganze Fröhlichkeit & es heißt unfehlbar: «Entschuldigen Sie, ich bin heute sehr beschäftigt; kommen sie Morgen wieder.
Will man seine Angelegenheit erledigt haben, & nicht jeden Tag wiederkommen um dieselbe Commödie aufzuführen, so bleiben einem nur zwei Wege übrig: Entweder ganz Kolossal grob zu schimpfen & zu drohen, worauf die zarten Herrchen an ihre Arbeit rennen, indem sie vor Allem was einem einigermaßen Deutschen Anstrich hat einer ungheuern Respekt haben & gleich Bismarck & Panzerfregatten dahinter wittern. Das Stück spielt aber nur ein Mal, & kömmt man ein anderes Mal so ist man in eine Art Reichsacht erklärt. Oder aber, was noch das Praktische ist man greift zur ultima ratio & läßt den Mamon interweniren, wodurch alle Schwierigkeiten für Gegenwart & auch für zukünftige Anliegen geebnet werden. Ein anderer Erwerbszweig der höhern Stände in Bahia ist die Falschmünzerei die wirklich auf das schwunghafteste Art betrieben wird. Sämtliche große Vermögen dort lassen sich auf zwei Quellen zurückführen: Sklavenhandel & Falschmünzerei. Vor mehreren Jahren passirte damit ein ganz guter Witz: Ein großer, angesehener Herr wurde in seinem Laboratorium wo er falsche Noten fabrizierte ertappt, und von letztern für eine sehr bedeütende Summe confiszirt & nach der Münze gebracht um zerstört zu werden. Dort wurden die Paquete Banknoten nach landesüblichem Schlendrian in einen Winkel geworfen & liegen gelassen bis ein neuer Münzdirektor in Funktion trat. Dieser wollte in Diensteifer machen & debütiren indem er den Haufen falscher Noten verbrennen ließ. Aber, siehe da, sie waren spurlos verschwunden, Bei genauer Untersuchung stellte sich heraus daß sie nach Rio in die Bank geliefert worden waren. Der betreffende Beamt meinte die Noten sein ganz exakt wie die ächten gewesen, & so schadete es ja nichts sie zusamen zu mischen; auch seien eben nicht genug ächte Noten vorhanden gewesen um die von Rio verlangte Remesse zu expediren.
Se non é exacto é ben trovato. Der Fabrikant der falschen Noten wurde zu 20 Jahren Deportation nach Fernando de Noronha verurtheilt. Nach einem Jahr Aufenthalt auf der Insel schickte er seinen Totenschein nach Bahia, & treibt jetzt ein einträgliches Exportgeschäft in der Provinz Rio grande.
Das sind Zustände! höre ich dich ausrufen. Freilich, bei Euch zu Lande wären sie nicht admissibel & würden die alte europäische Civilisation in ein Chaos verwandeln. Hier lebt man ganz gemüthlich dabei & gewohnt sich daran ebenso gut als an Klapperschlange & gelbes Fieber.
Nun gehe ich ans Kofferpacken & sonstige Präparative für meine Reise. Es ist heute Sylvester Tag; wie herrlich & froh wird der bei Euch gefeiert. Hier vergeht er wie ein anderer Tag. Obgleich sie erst sehr post festam ankommen werden, schicke ich Dir, meiner lieben Alexandrine & Berti meine recht herzlichen Wünsche fürs neue Jahr, & daß wir noch einige recht frohe Tage zusamen verleben bevor es heißt; Auf Nimmerwiedersehn.
Frau & Kinder grüßen Euch bekannter & unbekannter Weise. Leb wohl, auf Wiedersehn.
Dein treuer Bruder
Ferdinand








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