[A. S. - 30/9/1871 Salgado. Neue Pflanzung tief im Urwald ]
Lieber Albert!
Es ist bereits über ein Jahr seit dem ich Dir zu letzten mal
schrieb; eine wahre Schande! Aber ich kann nur am hellen Tag schreiben & da
fehlt es meist an der Zeit. Wir zwei armen Sünder besitzen in unsern vier Augen
kaum Sehkraft genug um ein Par mittelmäßige Augen damit zu versehn. Auch mit
den andern Theilen unserer Körper scheint es nicht brillant zu stehn, & ist
es wirklich zum Verzweifeln sich bei guten Jahren schon so dem Greisenalter
entgegenmarschiren zu sehn. Die Salgado Expedition hat meine Gesundheit in
ihren Fundamenten untergraben. Doch geht es mir viel besser seit ich Seebäder
(künstliche) nehme & mich innerlich mit Phosphor behandle. Meine einsame
traurige Lebensart ist aber nicht zuträglich für einen Leber & Milzkranken;
ganze Trimester ohne ein Wort zu sprechen als die Befehle an meine Neger, ohne
ein menschliches Gesicht zu sehen als diese schwarzen Frazen. Und diese langen
Abende, wo ich mäßig da sitzen muß über Vergangenheit & Zukunft brütend wie
eine Henne über fruchtbaren & faulen Eiern.
Uebrigens hast Du
mich mißverstanden wenn du aus meinem letzten Brief schließest ich hätte wenig
Ursache mit meinem neuen Etablissement zufrieden zu sein. Es ist ganz das
Gegentheil, & bereue ich es nur daß ich nicht vor zehn Jahren die Sache
angefangen habe. Nur der Transport der Produkte ist eine entsetzliche
Schwierigkeit. Wer Wege braucht muß sie selbst machen; die Regierung thut gar
nichts dafür. Daher laße ich alle werthlosern Produkte, d. h. Reis, Bohnen,
Mais, Ricinus etc lieber zu Grunde gehen als sie zu exportiren. Nur Caffee &
Cakao bezahlen die ungeheuern Transportkosten. Und doch würden erstere auf den
Markt nach Bahia gebracht manch
schönes Tausend Gulden geben. Das Klima ist jetzt hier ganz ausgezeichnet,
besser noch als in Victoria, was viel
sagen will. Es ist ein mehr Continentales, d. h. sehr frisch im Winter &
entsetzlich heiß im Sommer; auch ist der Pflanzenwuchs ein ganz anderer &
sogar in der Thierwelt herrscht einiger Unterschied; eigentlich merkwürdig für
die kurze Distanz von 12 legoas ¾
Breitegrad. Der Boden hier ist ganz modernes Aluvialland, während in Victoria & am Litoral überhaupt rein
vulkanische Formation herrscht. Die Fruchtbarkeit dieser unabsehbaren Ebenen
von schwarzem Gartengrund & reichlich von der Natur bewäßert ist ganz
fabelhaft. Während den schroffen Abhängen, die das Terrain von Victoria bilden, nur eine Schichte
rothen Lehms die steinerne Unterlage deckt, & das wenige vegetabilische
Land das auf dieser Schichte liegt besteht ausschließlich aus den verfaulten
Blättern & Stämmen des Urwalds; sobald dieser aber umgehauen ist wird diese
düne Humus schicht von den heftigen Regengüßen hinuntergeschwemmt & es
bleibt nichts übrig als jene kahlen trostlosen Bergabhänge, auf denen nur
Unkraut gedeiht.
In sechs Monaten also soll sich mein Sohn zur Rückreise
hieher anschicken nach eilfjähriger Abwesenheit. Du kannst Dir denken welche
Freude, & mit welcher Ungeduld ich den Monat Mai erwarte: Wir werden uns allerdings sehr fremd geworden sein;
aber die Bekanntschaft soll bald erneuert werden. Ich fürchte nur daß er sich
etwas unheimlich fühlen wird; ohne Vergnügungen & Zerstreuungen, &
namentlich ohne Gefährten seines Alters; keine andere Beschäftigung als die
Pflichterfüllung & keine andere Freude als das Bewußtsein diese Pflicht
erfüllt zu haben. Das ist eine sehr (…)


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