Dienstag, 16. Juni 2015

30/09/1871 (Albert)

[A. S. - 30/9/1871 Salgado. Neue Pflanzung tief im Urwald]

Lieber Albert!

Es ist bereits über ein Jahr seit dem ich Dir zu letzten mal schrieb; eine wahre Schande! Aber ich kann nur am hellen Tag schreiben & da fehlt es meist an der Zeit. Wir zwei armen Sünder besitzen in unsern vier Augen kaum Sehkraft genug um ein Par mittelmäßige Augen damit zu versehn. Auch mit den andern Theilen unserer Körper scheint es nicht brillant zu stehn, & ist es wirklich zum Verzweifeln sich bei guten Jahren schon so dem Greisenalter entgegenmarschiren zu sehn. Die Salgado Expedition hat meine Gesundheit in ihren Fundamenten untergraben. Doch geht es mir viel besser seit ich Seebäder (künstliche) nehme & mich innerlich mit Phosphor behandle. Meine einsame traurige Lebensart ist aber nicht zuträglich für einen Leber & Milzkranken; ganze Trimester ohne ein Wort zu sprechen als die Befehle an meine Neger, ohne ein menschliches Gesicht zu sehen als diese schwarzen Frazen. Und diese langen Abende, wo ich mäßig da sitzen muß über Vergangenheit & Zukunft brütend wie eine Henne über fruchtbaren & faulen Eiern.

 Uebrigens hast Du mich mißverstanden wenn du aus meinem letzten Brief schließest ich hätte wenig Ursache mit meinem neuen Etablissement zufrieden zu sein. Es ist ganz das Gegentheil, & bereue ich es nur daß ich nicht vor zehn Jahren die Sache angefangen habe. Nur der Transport der Produkte ist eine entsetzliche Schwierigkeit. Wer Wege braucht muß sie selbst machen; die Regierung thut gar nichts dafür. Daher laße ich alle werthlosern Produkte, d. h. Reis, Bohnen, Mais, Ricinus etc lieber zu Grunde gehen als sie zu exportiren. Nur Caffee & Cakao bezahlen die ungeheuern Transportkosten. Und doch würden erstere auf den Markt nach Bahia gebracht manch schönes Tausend Gulden geben. Das Klima ist jetzt hier ganz ausgezeichnet, besser noch als in Victoria, was viel sagen will. Es ist ein mehr Continentales, d. h. sehr frisch im Winter & entsetzlich heiß im Sommer; auch ist der Pflanzenwuchs ein ganz anderer & sogar in der Thierwelt herrscht einiger Unterschied; eigentlich merkwürdig für die kurze Distanz von 12 legoas ¾ Breitegrad. Der Boden hier ist ganz modernes Aluvialland, während in Victoria & am Litoral überhaupt rein vulkanische Formation herrscht. Die Fruchtbarkeit dieser unabsehbaren Ebenen von schwarzem Gartengrund & reichlich von der Natur bewäßert ist ganz fabelhaft. Während den schroffen Abhängen, die das Terrain von Victoria bilden, nur eine Schichte rothen Lehms die steinerne Unterlage deckt, & das wenige vegetabilische Land das auf dieser Schichte liegt besteht ausschließlich aus den verfaulten Blättern & Stämmen des Urwalds; sobald dieser aber umgehauen ist wird diese düne Humus schicht von den heftigen Regengüßen hinuntergeschwemmt & es bleibt nichts übrig als jene kahlen trostlosen Bergabhänge, auf denen nur Unkraut gedeiht.

In sechs Monaten also soll sich mein Sohn zur Rückreise hieher anschicken nach eilfjähriger Abwesenheit. Du kannst Dir denken welche Freude, & mit welcher Ungeduld ich den Monat Mai erwarte: Wir werden uns allerdings sehr fremd geworden sein; aber die Bekanntschaft soll bald erneuert werden. Ich fürchte nur daß er sich etwas unheimlich fühlen wird; ohne Vergnügungen & Zerstreuungen, & namentlich ohne Gefährten seines Alters; keine andere Beschäftigung als die Pflichterfüllung & keine andere Freude als das Bewußtsein diese Pflicht erfüllt zu haben. Das ist eine sehr (…)

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