Freitag, 5. August 2016

07/11/1863 (Albert)

Victoria den 7 November 1863.

[A.    S. - Allerlei]


Lieber Albert

Unsere Briefe kreuzen sich immer; ein Zeichen von gegenseitiger Anziehungskraft, die bis zur Mitte des Ozeans wirkt, worauf beide Briefe, wie Pendel, durch den gegebenen Impuls weiter fliegen, an den Ort ihre Bestimmung.

Du siehst in mir einen furibunden angehenden Baumwollmagnaten. Seit sechs Monathen beschäftige ich mich fast außschließlich mit diesem edeln Gewächs, & wenn ich Glück damit habe setze ich mir statt des Lorbeerkranzes eine kolossale baumwollne Michelmütze auf, & schicke Dir mein Porträt in diesem Ornat, der mir jedenfalls ein höchst würdevolles Ansehn giebt, namentlich wenn Du bedenkst, daß unter besagter Krone nur Augen & Nasenspitze sichtbar sind, & der Rest meiner werthen Person, von da ab bis in die Magengegend einzig durch einen wilden Anachoreten Bart repräsentirt wird; dieser soll nicht angetastet werden bevor ich den Fuß auf europäischen Boden setze. – Um von meiner eigenen Wolle auf die Baumwolle zurückzukommen, kann ich Dir nur sagen daß dies edle Gewächs hier ausgezeichnet gut kömt, sowohl die arborea als die herbacea, ein seltenes Privilegium, das nur einige Gegenden in Mitte des Urwalds zwischen den 12o Breite, genießen. Ich habe also wie verteufelt Baumwolle gepflanzt, welche bis jetzt prachtvoll gedeiht &, bei den fabelhaften Preisen von über 200 francs der Centner eine mir Gold lächelnde Perspektive eröffnet. Aber siehe da! Was geschieh:

                Es gleicht mein Herz dem grauen Freunde,
                Der zwischen zwei Gebündel Heu
                Nachsinnend steht, was von den beiden
                Das allerbeste Futter sei.

Der Cafe hat mich traktirt wie ein kokettes Weib einen sentimentalen Jüngling traktirt. Sieben Jahre bin ich vor dieser ersten Liebe auf den Knien gelegen, habe gefleht & gebethen, aber umsonst; obwol ich Alles opferte; jetzt daß ich mich um keinen Caffe mehr kümmere & meine sämtlichen Huldigungen auf den baumwollenen Altar deponire, läuft mir besagte Cokette nach, & droht mich mitsamt ihrer Rivalin Baumwolle, mit welcher ich gegenwärtig liebäugele, zu ersticken. Nachdem ich meine verunglückten Cafebäume dem Boden gleich abgeschnitten & den ganzen Wald herum in Brand gesteckt habe, sind sie wieder ausgezeichnet gut gekommen, haben ungeheuer angesetzt, drohen die dazwischen gepflanzte Baumwolle zu vernichten, & versprechen mir eine Erndte so groß, daß ich wahrscheinlich die Hälfte davon verlieren werde. Dazu handelt es sich um die Frage; welchen von beiden ausrotten – Cafe oder Baumwolle; denn sie stehn viel zu dicht, & einer von Beiden muß fort:

                               Die Moral von der Geschicht:
                               Traut keinen bösen Zeiten nicht.

Ich bin höchst vergnügt; denn lieber etliche hundert Centner Cafe & Baumwolle im Schlamm zu Grunde gehn sehn, als gar nichts zu erndten haben, wie ich seit vielen Jahren das Vergnügen habe es zu experimentiren.

Aber ich bin ein schrecklicher Egoist & schreibe nur über Das was mir Tag & Nacht im Kopf herumtrabt, ohne an Andere zu denken. – – Und da wir eben von Landwirthschaft sprechen, gratulire ich zu Deinen 9 ¾ M liefernden Schaafen, mit dem Bemerken daß ich die guten Thiere keineswegs um ihr (wenn auch nicht goldenes) Fließ beneide, bei dessen bloßer Gedanke, ihn auf dem eigenen Körper zu tragen, der Schweiß mir von der Stirne rinnt. - Und doch haben wir hier ungeheure Kälte gehabt; oft bei Sonnenaufgang 12o R. & um Mittag kaum 19o. – Meine europäische Garderobe, wegen welcher auch der Erzherzog Max in Schönbrunn verhöhnte, & die ich hier nur als Reliquie aufbewahrte, kahm mir bei dieser gräßlichen Kälte trefflich zu Statten.

A propos! was unsern lieben Erzherzog betrifft, so scheint es wirklich noch so weit kommen zu wollen, daß man ihm die Mexicanische Kaiserwürde aufpackt. Doch halte ich ihn für zu vernünftig um einen Thron à la Soulouque vom Erzfeinde des Hauses Habsburg, als Almosen anzunehmen, um dort, unter französischem Protektorat & Bayonetten die traurige Rolle eines Steuereinnehmers zur Tilgung der französischen Schuld zu übernehmen. – Mich würde so etwas empören.

Eure europäischen politischen Angelegenheiten kenne ich so ziemlich aus den Zeitungen, & beneide Europa keineswegs um den allgemeinen Spektakel der dort bald losgehn wird: politisch & social. – Hier haben wir allerdings auch noch eine harte Nuß zu brechen; die Sklavenfrage, für welche die Vereinigten Staaten jetzt in Flammen stehn. Aber ich bin überzeugt die Frage wird sich ganz gemüthlich lösen, denn hier macht es viel zu warm um in großen Eifer zu gerathen & um energische Handlungen zu vollbringen.

Mir geht es, seit dem ich bei einem zweiten Aklimatisationsprozeß 1862, beinahe ins Jenseits gereist wäre, ganz vortrefflich; ich erfreue mich einer bombenfesten Gesundheit & es thut mir wirklich leid dieselbe nicht mit Dir theilen zu können; ganz besonders die Augen. Du armer Albert! warum komst Du nicht her eine Urwaldskur zu versuchen. Wärme & Feuchtigkeit thun Dir gut: nun erstere fehlt hier nicht & was die zweite betrifft, so kommst Du ein par blankgewichste Stiefel am Morgen anziehn, & dieselben gegen Abend mit der üppigsten Vegetation von Schimmel ausziehn, selbst ohne daß es regnet. – Wer weiß ob wir uns nicht noch einmal unter den Tropen begegnen. Elise schwärmt gleichfalls für diese Idee. Und ich fürchte nur daß meine liebe Schwägerin Alexandrine mit Entsetzen an ein so gräuliches Land denkt.

Was man über Negeremanzipation in Europa spricht ist erdichtet & von Negrophilen Narren in die Luft geworfenes Gewäsch. Die guten Leute müßten den Sklaven, außer der gepriesenen Freiheit, noch wöchentlich so & so viel Pfund gutes Rindfleisch, Bohnen, Mais, Reis, Speck ect geben; dazu gute Kleider & Wohnung, ärztliche Behandlung, Schnaps & jene vollkomene Sorglosigkeit & Seelenruhe, die hier auf Erden nur der brasilianische Sklave, der auf den Pflanzungen arbeitet, kennt; eben weil sein Herr für Alles Alles sorgt & den nöthigen Bedürfnißen zuvorkommt. Denn jeder tüchtige Pflanzer sieht vor allem Andern darauf, daß seine Neger lustig & zufrieden sind, & sämtliche Rücksichten müßen diesem ersten Erforderniß weichen. Allerdings wird die Zeit kommen (& wenn im amerikanischen Krieg die nordlichen Staaten siegen) sehr bald kommen, wo man den Negern demonstriren wird, daß wenn sie keine Herrn mehr haben, sie selbst über die gefüllten Truhen, Speicher & das fette Vieh herfallen können. Daß, die Truhen ein mal leer & die Weide unbevölkert, Niemand diesen Mangel ersetzen wird, werden sich natürlich die Freiheitsmissionäre hüten ihren Alumnen zu sagen. Leidenschaften erwecken – das ist die ganze Theorie der sogenannten Freiheitskämpfer, denn Leidenschaft macht blind, & ein blinder Mann läßt sich gut leiten.

Sobald ich in etwas guten Umständen sein werde gedenke ich einige europäische Arbeiter zu arrangiren, namentlich Slawen: seis Böhmen, Ungern, Slovaken ect. & dabei mußt Du & der Erzherzog Max (bis dahin vielleicht Montezuma II) mir behülflich sein. Damit, wenn die Negeremanzipation mich plötzlich überrumpelt, ich mit meinen großen Pflanzungen nicht auf dem Trocknen sitze. – Hoffentlich sehn wir uns aber noch zuvor.

Meine Baumwollenpflanzungen absorbiren jetzt meine ganze Zeit, um so mehr als ich davon gerade so viel verstehe als von Hebräisch & Chaldäisch; da wird natürlich viel schlechte & viel unnütze Arbeit gemacht. Aber in einem Land das noch in Kindesalter ist, geht es einmal nicht anders. Ein jeder macht die Sachen wie sie ihm von der momentanen Inspiration eingegeben werden; gelingt es, - gut; gelingt es nicht, - so versucht man auf eine andere Weise. Und so wechselt eine Generation mit der andern ohne daß ihre Erfahrung & ihre Kenntniß der nachfolgenden zu gute kömmt. Das Wenige, das ein Jeder gelernt nimmt er mit sich ins Grab. Allerdings findet man in den Buchhandlungen Traktätchen über Baumwollen – ‘, Cafe-Indigo – ect. Cultur; aber auf den ersten Blick merkt man, daß sie von einem gemüthlichen Stubengelehrten, der oft nicht das über Weichbild seiner deutschen oder französischen Vaterstat hinausgekommen ist, geschrieben sind.

Was macht das Schloß Hlubosch mit allem was dazu gehört; wie gute Zeiten habe ich dort verlebt! & die famose Przibramer Musik; & der junge Hirsch; & die herrlichen Ruinen von Waldeck’ & Febrac! (oder wie sie auf böhmisch heißt) Könntest Du mich doch auch einmal besuchen, in meiner urwäldlichen Residenz! Berti also erlaubt sich hin & wieder krank zu sein, letzthin sogar ziemlich ernstlich; gut daß es gnädig abgelaufen ist. Er muß schon so halb & halb in die Flegeljahre hineingerathen; erinnert er sich noch an mich? Sein vollständiger Namensvetter soll nächsten April übers Meer nach Colombier zu seinen Geschwistern [A. S. – Ferdinands 3. Sohn Alberto]. Dies Mal kann ich leider nicht mit, sondern muß ihn ganz einfach als Waare spediren & nur meine Wünsche mit reisen lassen. – Du Glücklicher, Du kennst all die Sorge & Qual nicht, die einem so eine Legion Kinder verursachen, besonders in einem Land wie Brasilien, wo an eine vernünftige Erziehung gar nicht zu denken ist, & man sie sämtlich weit fort übers Weltmeer schicken muß. Und wenn sie zurück kommen finden sie sich fremd (…) in der neuen Heimath, & machen den Eltern stille Vorwürfe weil sie sie nicht lieber gleich von Anfang an in diesem materiellen, etwas gemeinen, Leben haben aufwachsen lassen; anstatt sie mit Bildung & Civilisation bekannt zu machen, um ihnen plötzlich deren Genuß zu entziehn. Wenigstens sieht man hier sehr viele Beispiele davon. Enfin, fais ce que pourras, advienne ce qui voudra.

Deine Augen machen Dir noch immer viel zu schaffen, wie Du mir schreibst; das ist wirklich eine traurige Sache; hoffentlich wird es nie schlimmer werden als es bis zu deinem 40ten Lebensjahr geworden ist. Ja wir werden bemooste Häupter! wie die Zeit doch vergeht!

Was macht meine liebe Schwägerin Alexandrine? jedenfalls ist sie immer noch gleich fröhlich & liebenswürdig. Indem ich euch schreibe, liegt Eure Photographie vor mir auf dem Tisch, um ihr von Zeit zu Zeit frohe oder sehnsüchtige Blicke senden zu können, & manchmal scheint mir als ob einer oder der andere auf dem Bild dieselben erwiderte. Und Deine Schwiegermutter? Niemand kann sie sehn ohne sie gleich lieb zu gewinnen; sage ihr daß ich oft an sie denke & meine besten Empfehlungen sende. Grüße gleichfalls Deine Schwäger, bekannte & unbekannte, von mir. – Meine Frau grüßt Euch von ganzen Herzen & bedauert daß so wenig Aussichten vorhanden sind Euch kennen zu lernen: denn beide können wir unmöglich von der Pflanzung fort & daß sie allein, ohne mich, eine Reise nach Europa unternimmt wird ihr niemand zumuthen. Wenn einmal einer meiner Jungen meine Stelle auf einige Zeit einnehmen kann, dann erscheine ich mit meiner Frau als ein fossiles Pärchen, in Eisbärenlivree.

Bis dahin Geduld, & einen recht herzlichen Gruß für Dich, Deine Frau & Deinen Sohn.

                                                               Dein treuer Bruder Ferdinand.

Grüße Peche, Wrazda & sämtliche Bekannte, die schöne Prager Brücke nicht zu vergessen.
 







11/01/1864 (Vater)

Bahia le 11 Janvier 1864

Mon cher Père

Tu vois que je suis en deuil ; c’est de mon beau-père, mort le 20 Novembre d’une attaque apoplectique, qui lui a laissé à peine 3 jours pour terminer sa vie à l’âge de 57 ans ; il était fort, robuste & bien portant de manière à devoir vivre au moins encore 20 ans. Cela a été un rude coup pour moi, car il était mon meilleur ami dans ce pays. Quant a ma femme il est inutile de dire que cette perte l’a plongée dans une profonde désolation.

Les soins de la liquidation des affaires du défunt, dont j’ai été chargé par sa veuve & les trois enfans, m’ont forcé a faire un voyage à Bahia où je me trouve depuis le 25 Décembre, devant partir demain pour Ilhèos, à ma grande satisfaction. J’ai trouvé l’etat (…), ainsi que je m’y attendais ; mais j’ai arrangé les choses (…) & j’espere que tout ira pour le mieux.

Je t’ai écrit, si je ne me trompe, au mois de Septembre ; depuis ce temps il ne m’est arrivé rien de particulier si ce n’est la mort de mon beau-père, mon voyage à Bahia & le surcroît le besogne qui m’arrive par la gestion des affaires du défunt. – L’Archiduc Maximilien me demande un plan de la province d’Ilhèos &, comme il n’en existe aucun, il faudra que j’eu fasse un moi-même : autre surcroît de travail, sans compter mes affaires de Consulats suisse, prussien & autrichien qui m’ont donné du fil a tordre à la suite de plusieurs traités internationaux nouvellement introduits & qui trouvent des difficultés & de la mauvaise volonté de la part des autorités du pays.

Heureusement que ma santé est bonne, quoique je souffre toujours quelque peu du foie, concéquence infaillible des fièvres intermittentes du séjour prolongé dans un pays chaud & humide. Tous les miens aussi se portent parfaitement ; il n’y a que les nègres qui font exception cette année-ci & dont plusieurs sont morts.

Quant aux affaires elles vont toujours leur petit train / pas trop (…) /. L’insecte à café continue ses ravages quoique avec moins d’intensité que les années passées, de sorte que ma récolte de café sera assez bonne. Le coton que je cultive sur une grande échelle vient parfaitement & on commence déjà à en cueillir. J’ai grand besoin d’une bonne récolte (…). Heureusement que jusqu’àprésent le temps a été des plus propices à toute végétation : forte chaleur accompagnée de pluies abondantes quotidiennes – en revanche c’est un vrai temps de fièvre.

Je termine pour aujourdhui en saluant tous les parents de Berne ; j’embrasse ma mère & mes sœurs, ainsi que le beau-frère Charles ; ma femme se recommande toujours à votre affection (à tous ?). – Que Dieu vous conserve à tous la vie & la santé.

                                                                                              Ton affectioné fils Ferdinand


Donnerstag, 4. August 2016

??/07/1864 (Albert)

[A. S. – Juli 1864 / Sa + / Kaiser Maximilian]

[...] Das schauderhafte Cafeinsekt verschwindet so ziemlich & da es viel geregnet hat so ist die ganze Vegetation im prachtvollsten Zustand, Cacao ausgenommen, dessen Vaterland die glühenden Niederungen & Sumpf unter der Linie sind & dem unsere Lage unter 15o Breite schon zu kalt. – Auch das Wild ist in Folge der Witterung beispiellos zahlreich, fett & zahm geworden; ich habe keine Zeit zum Jagen, aber in den Pflanzungen, auf den Wegen präsentirt sich das Wild so zuvorkommend, daß man nicht anders kann als ihm für diese Gefälligkeit, im Vorbeigehn, mit einer Fracht Schrot zu danken. Uebers Haus fliegen fast ununterbrochen Flüge von oft mehr als 100 Stück Papagaien, Arasse ect, &, da sie von Weitem schon durch ihr gräßliches Geschrei ihre Ankunft verkünden, dabei sehr lagsam, plump & dicht beisamen fliegen, so kann ich, beinahe ohne von meinem Schreibtisch aufzustehn, eine Portion dieser glänzenden Luftsegler herabschießen & in die Küche spedieren; aus einem Fenster dieses prosaischen aber unumgänglich nöthigen Locals schoß ich vor 8 Tagen ein Reh, welches ganz gemüthlich die Arow root fraß, die man auf ein Brett an die Sonne gelegt hatte. Bei euch wird das Wild nur zahm wenn Kälte & Hunger es zu Skeletten abgemagert haben; hier hingegen wird es zahm & zutraulich wenn es vor Fett kaum mehr laufen oder fliegen kann; daher finde ich das hiesige Wild weit menschenfreundlicher & verständiger als das eure.

Du wunderst Dich über meine diplomatische Carriere als österreichische, preußische & schweizerische Consul; es ist dies eine wahre Plage & Pein, dazu noch mit Unkosten verbunden, die ich aber unmöglich ablegen kann: die schweizerischen Consulargeschäfte besorge ich bereits seit 12 Jahren, die preußischen & Österreichischen seit 5 Jahren, letztere werden nun eine wahre  Sinekur, da wir letzthin den letzten österreichischen Unterthan, der hier etablirt war, zu Grabe getragen haben. – Man muß die Gesetze studiren, immer im Harnisch gegen die Landesbehörden sein, & schreiben daß sich Gott erbarm.

Für ein Par alte Hosen die aus einem Inventarbestand von den Motten herausgefressen worden sind, wird mehr Papier besudelt als hundert solche Hosen, in die Papiermühle geliefert, produziren könen. Und das ist eben der höchste Luxus der Geschäftpraxis wenn das beschmierte Papier nach Maulthierladungen berechnet werden kann.

Uebrigens hat Alles seine zwei Seiten, & so unangenehm Einiges an diesen Consulatsgeschäften ist, so habe ich daraus ersehn daß die Kräfte, die Energie & die Kenntniße sich in dem Maß erweitern, als man ihnen ihren Wirkungskreis erweitert. Vor Jahren fand ich die Verwaltung meiner Pflanzung & Neger schon eine genügende Aufgabe um meine sämtliche  Thätigkeit zu absorbiren; & jetzt wo ich die Pflanzung meines verstorbenen Schwiegervaters, nebst allen (…) Accessorien auf dem Hals habe; die medizinische Clinik in der ganzen Gegend versehe (zweimal die Woche Audienz bei mir, alle 14 Tage eine Rundreise) & dazu mir noch die Consulatsgeschäfte aufgebuckelt sind, finde ich noch Zeit – hier fehlt ein Händeüberdemkopfzusammenschlagungszeichen, welches noch nicht erfunden, daher abwesend – mein Schärflein zur Verbreitung nützlicher Kenntniße beizutragen, wie ich dies noch letzthin aus einem meiner ins englische übersetzte Artikel, im Zoological Museum, sah, die pathologischen Erscheinungen des Schlangenbißes behandelt. – Zeit, Zeit fehlt mir; wenn die Amerikaner sagen « time is monney» so haben sie etwas gesagt, aber lange nicht genug.

Unser Freund, Kaiser Montezuma II, hat mir letzthin einen langen & freundlichen Condolenzbrief bei Gelegenheit des Todes meines Schwiegervaters geschrieben, worauf ich natürlich mit einem sanguinischen Gratulationsschreiben für seine Thronbesteigung geantwortet. Armer, freundlicher, schwärmerischer Prinz! er weiß nicht in welches Chaos er sich stürzt. Für uns simple Menschen kann die Auswanderung nach Amerika ganz vortrefflich sein; für ihn ist sie aber höchst unpassend. Für seine Unterthanen ist & bleibt er immer ein aufgedrungener Tyran, noch dazu vom verabscheuten Stamm der Barbaren, der Deutschen; germanische & romanische Völker werden nie harmonisiren, & Kaiser Maximilian ist kein Wilhelm der Eroberer um diese entgegengesetzten Elemente zu einer herrlichen Einheit zu amalgamiren, wie es dieser im englischen Volk, aus Normanen & Sachsen, that. Die Zeiten sind auch jetzt ganz anders, & seit dem man anfängt Potentaten, wie Söldlinge zu rekrutiren, bliebe ich lieber Erzherzog von Oesterreich als Kaiser von irgendwo. Des französischen Protektorats gar nicht zu denken, das seine Stellung zu der eines einfachen comissaire priseur’s eines Schuldeneitreibers herabwürdigt.

Meinen kleinen Jungen weiß ich bis Dato nicht wie nach Europa zu spediren; bis jetzt hat sich keine passende Gelegenheit gefunden; ihn ganz allein schicken mag ich nicht & mitgehn kann ich nicht.

Wenn Du nach der Schweiz gehst, wirst Du hoffentlich nicht unterlassen meine Kinder zu besuchen & mir später zu schreiben wie Du sie gefunden hast.

Nun lebe herzlich wohl; grüße recht herzlich Deine Frau & den Berti, so wie auch Deine freundliche Schwiegermutter & bekannte wo wie auch Deine unbekannte Schwäger. Ich gehe zu Bett; es ist über Mitternacht; meine Finger sind steif & ich zittere vor Kälte; der Südwind pfeift schaurig durch alle Lücken & Ritzen der Fenster & Thüren.

                                                                               Dein treuer Bruder
                                                                                                                              Ferdinand



Mittwoch, 3. August 2016

25/04/1865 (Albert)

Victoria den 25ten April 1865 

[A. S. - Maximilian / Krieg mit Argentinien]

Lieber Albert

Deinen Brief vom 15ten August aus Ems datirt habe ich erst ziemlich spät erhalten, & mit großen Bedauern daraus vernommen daß Du nun am Halse leidest nachdem Du wahrhaftig schon mit Deinen Augen genug zu thun hast. Selbst Barrelet theilte mir mit es sei ihm aufgefallen wie Deine Stimme alterirt sei. Hoffen wir daß sich dies Uebel bald heben wird, denn wir beide haben eine bombenfeste Gesundheit nöthig um unsere Aufgabe zu lösen; mir fehlt sie nicht; dafür trage ich meinen Tribut an Mißgeschick in andere Naturalien ab.

Vor wenigen Tagen erhielt ich endlich einen Brief unseres Vaters, seit 19 Monathen der erste. – Du weißt schon daß die Geldangelegenheit mit Barrelet erledigt ist ohne daß Du oder unser Vater sich (…). Mache dir keine grauen Hare wegen Deiner (…) Antwort (…): ich hatte sie vorausgesehn.

Ich danke dir recht sehr für die Details die Du mir über meine Kinder in Colombier gibst; natürlich schreibt mir Barrelet jeden Monath Alles was sie betrifft, aber man ist doch froh auch die Ansichten Anderer zu hören, besonders die eines Bruders. Cherubino macht mir viel Sorgen; ich hätte fast Lust ihn wieder nach Brasilien zu bringen. Für Dein freundliches Anerbithen mir, im Falle daß Cherubinos Kur /meine Finanzen zu sehr (..) würde/, hülfreich die Hand zu biethen, danke ich einsweilen recht herzlich; /ich sage (…) / sich aber jeden Augenblick verschlimmern können.

Die große Tagesneuigkeit hier ist der Schiffbruch des prachtvollen französischen Paquet’s Béarn, das selbe mit welchem ich die Reise hieher & mein Sohn seine Reise nach Bordeaux machte. Passagiere & Mannschaft konnten gerettet werden; Alles andere ist aber verloren & das schöne Schiff, dessen Malerei & Vergoldung allein 300.000 fr. gekostet haben , wurde, samt der Ladung, die auf 1 ½ Millionen fr. geschätzt wird, für 27.000 fr im öffentlichen Aufstrich verkauft. Leid thut es mir um den Capitän, der für meinen Sohn äußerst liebreich & väterlich gesorgt hat. Seit 5 Jahren daß die französischen Paquete fahren ist dies der zweite Unfall; während den englischen Paqueten, die seit 14 Jahren dieselbe Tour machen, noch nie das Geringste passirt ist.

Ein anders Ereigniß, das mich persönlich betrifft & weniger tragischer Natur ist, ist daß Du in mir den wohlbestallten Cavalliero Official de la Imperial & Distinguida Orden Mexicana de la Guadalupe siehst. Vorigen Monath erhielt ich mein Diplom vom Kaiser Maximilian ausgefertigt, so wie das Dekret meiner Ernennung vom Ministerium des Außern; dazu einen lieben Brief vom Kaiser, der mit den Worten anfängt:

«Mit unendlichem Vergnügungen erinnere ich mich der unvergeßlichen Tage, die ich auf Ihren Besitzungen zugebracht habe & übersende Ihnen hiermit als geringen Beweis meiner wahren Dankbarkeit die Insignien meines Ordens de la Guadalupe.
Wir beide haben unsere ganze Zukunft an den amerikanischen Boden gebunden & ich hoffe daß wir es mit Gottes Hülfe zu bereuen nie Grund haben werden. ect. ect.»

Dann folgt dringende Einladung den guten Kaiser bald zu besuchen & Erkundigung nach meinen Kindern, deren Geburtstage er sämtlich kennt. (wenigstens der fünf ältere, die er gesehn hat)

Dies nimmer müde Andenken eines so hoch gestellten Mannes, dessen Augenblicke durch seine kolossale Aufgabe sämtlich beansprucht sind, hat mich wirklich erfreut & gerührt. Es würde mich freuen wenn ich ihm in Etwas dienen könnte um nicht undankbarer als er zu sein. Als schweizerischer Consularagent in Ilhéos befinde ich mich in Contravention indem ich fremdherrliche Orden annehme; wenn die Confäderation damit nicht zufrieden ist so ist es mir sehr gleichgültig & sie kann sich in Corpore zum Teufel scheren. Der einzige Profit den sie mir für meine Würde gibt sind Auslagen an Zeit & Geld, & Schererei.

Du wirst wissen daß das friedliche Brasilien in Krieg mit den südlichen Gränznachbarn, den argentinischen Republicken verwickelt ist: traurig genug für uns Grundbesitzer die wir am Ende die Kosten bezahlen werden & deren Produkte, in Folge des Stocken auf den hiesigen Märkten, nicht zu verwerthen sind. Ich glaube das große Kaiserthum wird sich bald in eine Dutzend unabhängiger Republicken auflösen & nur ein kleines Kaiserthum in Duodezauflage in Rio behalten.  Dabei werden wir natürlich wieder Haare lassen & froh sein mit einem blauen Auge davon zu kommen.

Was macht Deine liebe Frau, Dein Berthi & Deine so freundliche Schwiegermutter? Ich hoffe es geht Allen wohl, & Dein Aufenthalt im Süden gibt Dir wieder Kraft & Gesundheit. Kämest Du auf ein Semester zu mir ich wette daß Dir das besser bekommen würde als aller sogenannte südliche Himmel & Doktorirt in euren fossilen Europa.

Es ist hier schauderhaft kalt & meine Hand zittert fast vor Frost; nur 19o R & doch steht die Sonne noch am Himmel; dazu pfeift ein unheimlicher Südwind an die ganz ausnahmsweise geschloßenen Fenster.

Mir & den Meinigen geht es gut, &, obwol Sorgen & Mühe nicht fehlen lebt man ganz gemüthlich von einem Tag zum andern. Meine Frau möchte sich gern Europa ansehn & namentlich ihre Kinder daselbst; aber die Sache ist nicht leicht thunlich so lange nicht einer von meinen Söhnen groß & erfahren genug ist um die Verwaltung während unseres Abwesenheit zu übernehmen; & das wird noch lange gehen. Einstweilen grüßt sie Euch beide recht herzlich, so wie Euren kleinen Sprößling.

Und nun genug für heute. Meinen wärmsten Gruß an die Deinen.

Dein treuer Bruder

Ferdinand

Abermaliges schauderhaftes Pech! Meine prachtvollen Baumwollenpflanzungen sind an Zeitraum von 8 Tagen von einer solchen Menge von Raupen überfallen worden, daß sie total aufgefressen & vernichtet sind. An 300 Centner Baumwolle in Mist verwandelt! Ich bin krank davon geworden.



Dienstag, 2. August 2016

25/04/1865 (Vater)

1865 04 25 (An meinem Vater)

(…) venir le visiter bientôt, & s’informe de mes enfans, dont il sait les jours de naissance, au moins des cinq ainés, qu’il a vus & tenu sur ses genoux lorsqu’il a passé une semaine chez moi. La Lettre était accompagnée de mon Diplôme de Chevalier Officier & de l’Ordre & du Décret du Ministère des affaires étrangères relatif à cette nomination. La Decoration elle même viendra par prochain Paquet. – Le procédé généreux de ce Prince m’a vivement touché, d’autant plus la tâche ardue qu’il a entreprise au Mexique doit absorber tout son temps & toute ses pensées, & qu’il est d’autant plus méritoire de s’être souvenu d’un modeste m’ais fidèle ami qu’il a connu, au fond des forêts vierges du Brésil. - Puisse-t-il être heureux dans son entreprise, ainsi que sa séduisante Epouse, dont les Mexicains eux-mêmes disait qu’elle aurait plus de pouvoir sur le peuple mexicain que 40.000 bayonettes françaises.

Si Tu n’as pas encore reçu les certificats de baptême de mes trois enfans cadets a n’est pas ma foute mais celle du Consul Suisse à Bahia qui, en général, s’est rendu coupable de tant de négligeance que tous les Suisses, in Corpore, en ont porté plainte au Conseil fédéral, demandant à la destitution du Consul & la nomination d’un autre, demande à laquelle il a été obtempéré ; esperons que le successeur sera plus ponctuel dans ses devoirs. Comme Agent Consulaire suisse, relevant imédiatement du Consul de Bahia, je me trouvais dans une position assez critique lorsqu’il fût question de faire destituer mon superieur imediat, qui, comme particulier j’estimais mais que je blâmais hautement comme employé.

Au surplus je vais me trouver en collision avec la Confédération pour avoir ôser accepter une décoration d’un Monarque étranger, quoique je fusse revêtu du charactère officiel d’Agent consulaire, & les lois réglant les attributions obligations ect. du corps consulaire défendant expressément de recevoir des décorations, pensions & titres de gouvernemens ou Princes étrangers. – Si la Confédération me considère comme la brebis galeuse du bercail, elle n’a qu’à m’espulser du nombre de ses agents diplomatiques, en quoi elle me fera grand plaisir, m’epargnant une sensible dépense en temps & en argent & des ennuis en superabondance.

Ma santé & celle de tous les miens est parfaite ; les affaires prennent aussi une bonne allure. La malheureuse guerre du Brésil avec les Républiques argentines, ses voisins au Sud, font un tort immense au commerce ; & ce seront nous autres propriétaires de bien fonds qui, en fin de compte, payeront les pots cassés.

Mes salutations bien cordiales aux Herrenschwand, oncle Benoit, oncle & tante Fritz ; j’embrasse ma mère, mes sœurs, mon beau-frère & ses enfans, & tout particulièrement mon cher Père.

Ton fils obéissant
                
          Ferdinand

Encore un malheur ! Mes superbes plantations de coton, qui me promettaient une récolte de 300 quintaux environ, ont été dévorées & anéanties par un fléau épouvantable : les chenilles qui, dans l’espace de 8 jours ont tout dévoré ne laissant que des tronçons d’un pied de long & dont elles ont rongé l’écorce jusqu’à raz de terre. – 240.000 beaux arbustes touffus, charges de fleurs & de fruits mûrs, ayant une hauteur moyenne de 12 pieds - & tout cela changé en fumier dans une semaine ! L’insècte du café mettait plus d’un an pour accomplir son œuvre de destruction ; mais cette chenille va d’un autre train. - /(…) comptes (…) Mr. May (…) Mr. Barrelet ! (…)/ Je suis tombé malades &, pour la première fois de ma vie, j’ai perdu le courage & l’esperance.


Montag, 1. August 2016

Bruder Ferdinand

Bruder Ferdinand

Mein Bruder Ferdinand kam zur Welt am 15ten Juli 1825 in dem, seit der Burgunderkriegen berümt gewordenen, Städtchen Murten in der Schweiz. Meine Mutter wohnte dort wegen der freundlichen & milden Lage, wärend mein Vater durch seine Verhandlungn mit den Regierungen der Schweizerkantone & mit dem König von Neapel, wegen Aufstellung von Schweizerregimentern in Neapolitansichen Dienst, vielfach herumzureisen genötigt war.

Ferdinand war, unter seinen Geschwistern der körperlich kräftigste & geistlich weitaus der heiterste. Er hatte auch den bewegtsten Lebenslauf.

Seine Kindheit & Jugend verfloss wie die meinige. Biz zum Jar 1841 teilten wir fortwärend dasselbe Zimmer & waren nie über mehr als ein Paar Tage getrennt. Treue & einander liebende Brüder, waren unsre Neigung gleichwol verschieden. Wenn wir rauften, und das muss ja doch immer vorkommen, so schlug er umbarmherzig zu. Keines von uns kam so oft in Strafe wie er. Nicht wegen hässlichen Dingen, aber weil ihm das Lernen und das Gehorchen nicht passte, & darin war unser Vater streng. Auch später hatten seine Lehrer Kreuz mit ihm & seine Zeugnisse waren selten gut. Noch als Kadet in Berlin brachte er seine Lehrer mitunter durch gute Wize aus dem Konzept & zum Lachen. Aber reiten, Tiere fangen & pflegen, & wenn sie todt waren sie zerlegen, weite Streifzüge durch Wald und Feld machen, ohne Rücksicht auf die Uhr, zimmern, hämmern, bohren, sattlern, aus dem Fell seiner vielgeliebten eingegangenen Fischotter einen Samojeden-Anzug herstellen, keine Semmeln essen, und dafür das Geld von der Mutter verlangen & damit almälig eine ganze Vogelzucht beischaffen, das war seine Freude. Sass eine von uns eingesperrt im berümten grünen Kabinet im Arrest, so versorgte ihm den andere mittelst zum Fenster herbgelassene Schnüre mit Obst oder Speise & was wir besassen war gemeinschaftliches Gut. Die drei jüngern Schwestern waren „die Frazen“, welche wir manchmal der Ehre würdigten, mit uns zu spielen. Exerzirt wurde tapfer mit der Dorf & Beamtenjugend & das Lob das mir wegen besserem Lernen wurde, hat ihm nie im mindesten verstimmt.

Wollte er aber etwas erlernen, dann entwikelte er eine ungewönliche Energie & Leichtigkeit. Als er, 13 järig, nach Neuchatel kam, brachte er in einem Probediktat von vier Zeilen über 50 Ortografische Feler zuwege, troz allen frühere Lektionen. Aber als er, 20 järig, sich zur Auswanderung nach Brasilien entschlossen hatte, da hatte er in kürzester Zeit Englisch & Portugiesisch gelernt, sich zimliche ärztliche  Kenntnisse verschafft, & war dort rasch in das ihm bisdahin ganz fremde Rechnungswesen & Geschäftskorrespondenz, sowie in die dortige Landwirtschaft eingearbeitet. Sogar seine nachlässige Schrift änderte er wo er Bücher zu füren hatte. & seine Briefe waren so fliessend & interessant, wie die eines Schriftstellers.

Sanguiniker, geschah es ihm, dass er manchmal die Dinge oder seine Lage eben so rosig ansah, wie anderemale zu schwarz. Aber immer blieb schliessig dem Kopf obenauf & an körperlichem & gestigem Mut hat es ihm nie gefelt. Er war, wo immer er auftrat, geachtet & beliebt. Leztres wegen seiner unverwüstlichern Heiterkeit, die nie zur Spassmacherei wurde. So herzlich wie ihn, hörte man selten lachen.

Schon im Kadettenhaus, fand er Geltung. Waren auch seine Fortschrittsnotten mittelmässig, & er öfters in Strafe, so ernannte ihn sein Hauptmann doch zum Stubenältesten & und er hätte dazu keinen besseren wälen können. Und wenn von Hof zu Festlichkeiten, Pagen verlangt wurden, welche zu stellen ein Vorrecht des Kadettencorps war, so war Ferdinand gewiss dabei.

Im Herbst 1843 trat er als Portepée-Fänrich ins 58te Infanterieregiment, mit der Station in Deutz ein, & ein Jar später als Offizier desselben Regiments nach Köln übersetzt. Seine Vorgesetzten hielten ihn werth; & auf den benachbarten Schlössern war er ein gern gesehener Gast. Weniger sprachen ihn die Kameraden & der Dienst an. Auch mit dem Vater gab es Verdruss, da Ferdinand, der nie ein guter Finanzier war, einige, übrigens nicht bedeutende Schulden machte, was sein in dieser Beziehung strenger Vater zimlich schwer aufnam. Drastisch schieldern Ferdinands Briefe aus jener Zeit die Schattenseitn in der so hoch bewunderten Preussischen Armee, & mit wunderbarer Bestimmtheit finden sich darin die im Jar 1848 eingetretenen politischen Umwälzungen vorhergesagt.

Eine lange Krankheit, die sich zu einem bösen Typhus entwikelte, brachte Ferdinand
Im Herbst 1845 dem Tode nah. Es war um dieselbe Zeit, wo auch seine älteste Schwester in Böhmen von derselben Krankheit hingerafft wurde. Die damals noch langsame Postverbindung mittelst unterbrochenen Bahnen & Eilwagen (Telegrafen gab es noch gar keine) bewirkten, dass Ferdinand schon wieder Konvaleszent war, als seine Krankheit bekannt wurde. Er schrieb alle Monate, & so war es nicht aufgefallen dass in der Zwischenzeit keine Nachrichten voj ihm kamen.

Zu seiner Kräftigung brachte er den Winter 1845 auf 46 in Bern zu, wo auch meine Mutter & seine zwei Schwestern sich damals aufhielten, bevor leztre nach Böhm zurükerten.

Hier sah Ferdinand einen Verwandten seiner Mutter, Herrn May v. Hünigen, der eine grössere Pflanzung in Brasilien besass, sich aber dort Gesundheitswegen nichtmer aufhalten konnte. Herr v. Wild, ein Freund Mays, besorgte einstweilen die Pflanzung, sehnte sich aber auch heim, & so trug May meinem Bruder an, zunächst die Leitung, & später durch Kauf die Pflanzung selbst zu übernemen. Mit Jubel ging mein Bruder darauf ein. Das war ja die Verwirklicheng seiner Jugendträume in ungeahnt leicher Weise. Schwer allerdings waren dabei die Sorgen seiners Vaters. Dieser war eben durch den Verlust einer Tochter schwer bekümmert, & sein erfarenes Auge sah die Kämpfe & Schwierigkeiten voraus, denen mein Bruder, ohne sie zu kennen, entgegen ging. Dafür hatte lezterer den ganzen Muth & Thatendrang der Jugend, & seine Brife aus Brasilien atmeten Glük & Muth. Siehe z. B. den v. May 1849. Im Jar 1851 verliess H. v. Wild die Pflanzung, die fortan meinem Bruder allein anvertraut war.

Am 25ten Mai 1851 vermälte er sich mit der siebzehnjärigen Donna Amelia vicomtesse v. Sâ-Bethencourt, der Tochter eines benachbarten Plantagenbesizers. Dieser Ehe entsprössten, ausser einigen klein gestorbenen Kindern, noch drei Söhne & fünf Töchter. Im Jar 1856 kaufte Ferdinand die Pflanzung um einen mässigen Preis, jedoch mit der Last einer Leibrente an den frühern Besizer, auf welche der leztre nach 20 Jaren, als er 70 järig geworden war, verzichtete & ein Jar später starb. Ferdinand hätte den Kauf früher abgeschlossen, doch hielt ihn sein stets besorgter Vater davon ab.

Ferdinand hat diesen Kauf nie bereut. Es gab ja schwere Zeiten, wie denn Pflanzerernten unsicher sind, oft drei, vier Jaren misraten, raten aber in einem gten Jar das doppelt wieder einbringen. Er musste seine Energie, seine Beharrlichkeit, seine Gewandtheit in Erfindung von Hülfsquellen & Wirtschaftseinrichtungen anstrengen, aber er hatte diese Eigenschaften; Er war viel krank, aber das tödtliche Fieber hatte nie Gewalt über ihn. Er behandelte seine Schwarzen gut; sie vererten ihn & gehorchten aufs Wort; seine Gattin, voll Gemüt & Verstand & Muth, unterstüzte ihn, regierte auch Monate lang allein, & er genoss die in Brasilien seltenen Ausname eines vollkommenen glüklichen Familiensleben; je länger je mehr geachtet & beliebt, ausgezeichnet durch Ordensverleihung, & durch Consularvertretung der Schweiz, Oestreiche & Preussens; der berümteste Arzt weit und breit, natürlich unentgeldlich, fürte er auf seinen Pflanzungen (denn er gründete eine zweite im  tiefsten Urwald) die Exiztenz eines freien unabhängigen Herrn im vollen Sinn des Worts, wie etwa ein dynastischer Burgherr des Mittelalters. Sein Tod im Jar 1877, nachdem er seine geliebte Gattin schon sieben Jare vorher begraben hatte, ersparte es ihm, die unverständige plözliche Aufhebung der Sklaverei ohne alle Entschädigung der Besizer, zu erleben, die im anno 1888 geschehn ist.

Es gibt jezt in der ganzen Christenheit keinen Ort mehr, wo der Grundbesizer eine solche Vollgewalt genösse, wie er sie hatte. Aber leicht war sein Leben nicht. Die ungezämte Naturgewalt der Tropen, die Krankheiten, die Angriffe der Nachbarn, die Indolenz der Behörden, legen immer neue Aufgaben aufUnd wärend der Schiffskapitän zur See, der Krieger im Feld, nach einer Zeit de Spannung Ruhezeiten haben, steht der Pflanzer alle Tage & alle Jare auf de Wacht. Ferdinand musste manche bittere Zeit von Heimweh, Enttäuschungen, & Einsamkeit durchleben. Wer nicht in jeder Beziehung ein ganzer Mann ist, lass die Hände weg von solch einer Aufgabe.



Herr v. May-Hünigen, von dem Ferdinand die Victoria übernam, war ein Kriegsgenosse meines Vaters gewesen, dann in Holänsdischen Dienst getreten. Durch Beteiligung bei einer Tabakfabrik reich geworden, hat er die Victoria gekauft, sie aber bald satt bekommen. Diese Pflanzung liegt etwa vierzig Kilometer vom Meer aufwärts, am Fluss Cachoeiras, in einer Flussuferlänge von etwa sechs Kilometer & einer Tiefe in den Urwald hinein von vierzig bis dreissig Kilometer. Diese Länge ist dasshalb unbestimmt, weil unbekannt ist, ob die Regierung nicht vielleicht an irgend einem andern, zehn oder zwölf Meilen entfernten Wasselauf eine andre Landkonzession erteilt habe, deren Ausdenug sich irgendwo mit jener der Victoria kreuzen würde. Ist diess der Fall, was sich erst bei fortschreitender Beurbarung nach Jaren zeigt, so teilen dann beide Konzessionen die doppelt verliehene Strecke unter  sich. Der weitaus grösste Teil der Fläche ist Urwald mit mitunter prachtvollen Hölzern. Aber grössere Stüke, als ein Saumtier trägt, können nicht fortgebracht werden, & ein unsinniger Ausgangszoll hindert auch den Verker mit den Zierhölzern, wovon ich bei H. v. May Möbel sah. Die Holzfarben zeigen den Glanz & Maser der schönsten Marmorarten von allen Farben; die Härte dieser Hölzer erheischt ganz besondre Werkzeuge der Tischler, aber Mahagoni & Ebenholz sind trüb & grau im Vergleich zu ihnen. Eine Menge ärztlich noch unbekannte Heilsame Gewächse sind vorhanden. Eines davon, eine Liane deren Saft gegen allerlei Rheumatische & Gichtschmerzen merkwürdig hilft, wurde durch Ferdinand bekannt & und durch einen seiner Neffen analysirt. Aber die schwerfälligen Arztfakultäten Wiens, wo ich vorsprach, zeigten nur Abneigung gegen jeden Versuch damit. Im Brasilien geschehen damit Wunderkuren.

Die Pracht & die Gefaren, die Tiere & Töne des Urwalds sind schon oft geschildert worden. Victoria war einst eine Jesuiten-Niederlassung gewesen, also gewiss ein gut gelegener Ort. Man weiss, dass dieser Orden, abgesehn von einzelnen Plantagen, auch das ganze Land Paraguai als unahhängige Kolonie durch fast 200 Jare besass. Er brachte aber dort nicht viel zu Stand. Die Untertanen waren & blieben, ob weiss oder ob farbig, unwissend, abergläubig, sittenlos & faul, wenn sie auch äusserlich noch so eifrig in Gebet & Gottesdienst waren.

Brasiliens Sitten haben manche Eigentümlichkeit. Lobt man irgend etwa Pferd, Waffe oder dergleichen, so erfolgt die Antwort: Es ist zu ihrer Verfügung. Natürlich gilt solch ein Lob also als eine Zudringlichkeit, eine Art Bettelei. Aber kein Kavalier unterlässt es, die belobte Sache dem Lobenden zu schenken. Gegenüber von Damen & Fräulein ist die grösste Zurükhaltung nötig. Ein Kompliment, Aufheben eines auf den Boden gefallenen Gegenstandes, ein Zuwinken u.s.w. sind Unanständig. Nur in den lezten drei Faschingstagen ist es erlaubt, sich gegenseitig zu besprizen, & werden alle möglichen Finessen dazu gebraucht z. B. Bonbons in der Hand zerschmelzen, Stöke mit mikroskopischen Sprizen, verbogene Schwämme etc. Wenn bem Ende eines Besuchs gemeldet wird, die Pferde zum Heimritt seien gesattelt so ist es ungezogen, sie auch nur kurze Zeit warten zu lassen. Adelsprivilegien gibt es keine. Adelstiteln werden erteilt, aber meist nur an Farbige oder Mulatten & stehn in geringem Ansehn. Die wirkliche Aristokratie sind die Weissen. Ihre Zal von reiner Race ist gering. Als Creolen darf man keinen Weissen bezeichnen. Creole heisst zwar, im Land gewachsen oder im Eigenbau, wird aber für Weisse nicht angewendet.

Die Merzal der Bevölkerung besteht aus Negern & Farbigen von verschiedener Art. Die Indianer in der Nähe der Victoria gehören zu den Botocuden. In merere Stämme verteilt, bekriegen sie sich mit armseligen aber oft vergifteten Waffen. Gestorbene Kinder werden gegessen; Greise & alte Weiber umgebracht; fressen bis zum Plazen, & dann wieder hungern bis sich was findet, füllt das Leben aus. Ein Missionar, den Ferdinand kennen lernte, hatte zwei Jare gebraucht, ehe er nur soweit brachte, einige Kinder durch hingeworfenen glänzende Sachen zu loken, so dass er mit ihnen zu reden versuchen konnte. Misstrauen ist ihre Haupteigenschaft. Ein furchtbar verwundeter, der zu Ferdinand als dem grossen Arzt kam, & dem dieser zu seinem eigenen Erstaunen die zerquetschte Hand rettete, war aus dem Spital von Victoria verschwunden, kaum dass es etwas besser ging.

Auf seiner neuen Pflanzung Salgado, etwe fünfzig Kilometer im tiefsten Wald, westlich von Victoria hatte Ferdinand einen durch andre vertriebenen Stamm solcher Unglüklicher angesiedelt. Er hatte sie schon früher mit jenem Missionar & dem Erzherzog Maximilian einmal besucht & beschenkt. Er beschenkte sie wieder & hoffte sie almälig zu kleinen Arbeiten heranzuziehn. Sie lebten recht vergnügt, frassen alle, auch die ekelhaftesten Küchenabfällen auf, stahlen hie & da mässig- aber auch dieses Leben war ihnen zu kultivirt & eines Morgens waren ihre Hütten leer. Wol aber strekten ihre vergifteten Pfeile manches Stük Vieh nieder, & die Neger Ferdinands kamen in Schreken.

Die Hauptkultur der Victoria war Kaffee. Aber die Lager war für diesen dort etwas zu heiss. (15 Grad südlicher Breite.) Auch erfordert der Kaffee sehr viele Hände, zum Beständigen Behaken, zur Vertilgung des Umkrauts & dann komplizirte Gärungs & Sortirungsarbeiten bei der Ernte. Der Kaffee mit Marke Ferdinands war als einer der bestbehandelte in Bordeaux berühmt & er verkaufte ihn meist erst, wenn er ein Paar Jare alt war, was eine Hauptsache sein soll. Aber das Erträgniss war geringer als erwünscht, besonders, als in spätern Jaren der Kaffeebau im südlichsten Brasilien ungemein zunam & die Preise stark drükte. Ferdinand versuchte daher anders. Zunächst den sogenannten getriebenen Kaffeebau. d. h. die zimlich nachlässige Anpflanzung möglichst grosser nur dürftig behakter Fläche, deren grosse Fläche aber gleichwol in Ganzen grosse Ernten liefert. Diese etwas Baubbauartige Manier behagte aber Ferdinand nicht. Der Kaffeestrauch trägt schon im Dritten Jar aber hört im achten schon wieder auf zu tragen, & solches abgetragenes Land bedekt sich mit bösem Gestrüp & wird wertlos. Man käme also bei grossen flächen Kaffeebau gar nicht aus dem Abbrennen & Roden von neuen Waldstreken heraus.

Besser ging es mit der Baumwolle. Die zwei ersten Ernten frass zwar das Ungeziefer, woran Ferdinand mehr als andre Pflanzer zu leiden hatte, weil der nächste beim Urwald war, dann aber kamen gute Ertäge. Er musste auf solche sehn; denn da seine & seiner Gattin Eltern alle noch lebten, waren die Kinder auf ihre beiderseitige Aussteuer angewiesen. Ferdinands Vater wollte diese möglichst in Europa zurükhalten, weil er der Pflanzung nicht traute; & so war den Ferdinand zu jener Zeit noch auf die Pflanzung schuldig, bei einem dortigen Zinsfuss von 8 Prozent & mehr. Auch Zukerrohr baute Ferdinand mit Erfolg, doch meist nur zur Erzeugung von Rhum. Die wichtigste Neuerung die er einfürte, war die Anlage von Cakaopflanzungen. Der Cakao trägt erst nach 15 bis 20 Jaren, also für die dortigen schnell lebenden Leute eine unabsehbare Zeit. Dann aber trägt er ins Ungemessene fort, & alle Jaren Ernte, die gar keine Arbeit als das Einsammeln, & zum Verkauf Einsaken kosten. Auch Pflege benötigt dieser Baum keine. Unter seinem dichten Schatten wächst kein schädliches Unkraut, wärend der Kaffe immerfort vom Unkraut bedrängt wird & gejätet werden muss. Es benötigt also die Cakaokultur nicht den zehnten Teil der Arbeitskräfte von andern Kulturen, & dass Ferdinand die Geduld hatte, rechtzeitig Cakao zu pflanzen, wird warscheinlich der Rettungsanker seiner Familie in der jezigen bösen Uibergangszeit nach der Sklavenemanzipation sein, & ihnen bis zu bessern Zeiten gut durchhelfen. Denn von 130 Schwarzen blieben nur ein Duzend als freiwillige zimlich teure Arbeiter auf der Victoria zurük. Anderswo entliefen alle, & es kamen Fälle von Selbstmord & von Irrsinn, solcher plözlich aus dem Reichtum von 2 – 300 Schwarzen zu Robinsons gewordenen Pflanzern vor.

Als Ferdinand 1845 nach Brasilien kam, war die Sklaverei schon sehr mild. Die durch England verhinderten afrikanischen hässlichen Sklavenjagden, hatten diess bewirkt. Denn da es sehr schwer war, sich Schwarze zu verschaffen, so suchte jeder Besizer von solchen sie in blühendem & kräftigem Stand zu erhalten. Kauf & Verkauf war gestattet, aber kam selten vor. Die Schwarzen waren nicht rechtlos, sie konnten Eigentum erwerben, vor Gericht Schutz suchen & Zeugenschaft ablegen, arbeiteten nur eine gewisse Zalstunden, trieben in der übrigen Zeit allerlei kleine Industrien, deren Produkte der Herr ihnen abnam, z. B. Gemüsebau, Fischerei, Früchtesammeln, Spinnen etc & hatten ihre besondern Hütten für jede Familie! & wurden vom Herrn bekleidet & beköstigt. Harte Strafen waren Ausnamen. Es war ein ähnlicher Zustand, wie die Oesterreichischen Bauern zur Zeit Maria Teresias. Die Schwarzen mussten in Gegenwart von Weissen baarfuss gehen. Jeder trug den Namen seines Herrn, die der Victoria waren also lauter Steiger. Taufen & Trauungen besorgte der Herr einstweilen; Alle halbe oder ganze Jahre kam ein Geistlicher vorbei, der dann in Pausch den kirchlichen Segen nachtrug. Die Schwarzen konnten sich nach einem bestimmten Tarif loskaufen. Der Loskauf eines Neugebornes Kinds z. B. kostete Zwei Gulden, & so weiter steigend, aber mässig. Doch kaufte keine Mutter ihr Kind frei. Wenn ein Teil des Loskaufs erlegt war, konnte der Schwarze sich entfernen & den Rest almällig nachzalen, musste aber wiederkommen, wenn er säumig war. Bei der Arbeit durfte nicht gesprochen werden. Mit dem Schlag des Feierabends lösten sich dann um so lauter die Zungen. Der Schwarm zog gegens Haus, wo in einem Schupfen die Geräte abgelegt wurden & dann vor die Herrenwonung, um den Abendsegen des Herrn zu verlangen. War ein vornemer Gast da, so bat der Hausherr diesen, an seiner Statt den Segen zu geben, & dann jubelte der Schwarm in seine Hütten. Fälle von Auflenung der Schwarzen oder von Gewalttaten gegen die Herrn waren seit undenklicher Zeit nicht vorgekommen. Wurde ein Herr vom seinen Sklaven getödtet, so mussten freilich nach dem Gesez alle Schwarze dieser Pflanzung hingerichtet werden. Ein Gesez, das kaum je aufgefürt wurde, weil es die des Getödteten Familie ruiniren haben würde.

Ein Beweis, dass es die Schwarzen nicht schlecht hatten, ist, dass es mit der Emanzipation ein ganz ungeheurer Eisenbanverker derselben begann so dass die Bahnen glänzende Geschäfte machten. Bisher an die Scholle gebunden, sahn sie sich nun die Welt an & zwar in Schuhen; mussten also doch das Geld haben um beides zu zalen. Auch die Miedermacher erstikten unter dem Andrang der schwarze Schönen, welche sich jezt wie Freie kleiden wollten. & haufenweise die bequeme Anstellung als Maitressen wälten. Später hatte sich politischer Ehrgeiz der Sklavenfrage bemächtigt. Es wurde ein Gesez & Vorschlag nach dem andern gemacht; die Schwarzen wurden dadurch aufgeregt & schwierig; der Wert der Pflanzungen sank, die Produktion litt. Dann wurde es dem gutmütigen aber schwachsinnigen Kaiser zu lang, & die plözliche Aufhebung der ganzen Sklaverei wurde einfach dekretirt. Ob & was die Pflanzer für Entschädigung bekommen ist noch unbestimmt. Warscheinlich nichts oder so gut wie gar nichts. AS Sie erhalten gar nichts!

Ferdinand war immer unbewaffnet unter den Sklaven; auch in der tiefen Wildniss des Salgado schlief er in offenen Schupfen ohne Wache, mitten unter den, wegen Abwer wilder Tiere bewaffneten Neger. Sie liebten & verehrten ihn, & er hatte auch in seinem Umgang mit seinen Kindern ein merkwürdig ruhiges aber würdevolles Wesen gelernt. Es ist etwas in der Spanischen Grandezza; & das fortwärende Befehlen mit Uiberlegung, gibt Ruhe & Aplomb.

Die Gründung dieser entlegenen Pflanzung war eine Riesenarbeit. Zuerst war eine Strasse durch den Urwald nötig, um hinzugelangen & die Produkte von dort wegzubringen. Zwei Monate arbeitete er mit vierzig kräftigen Männern an diesem Weg. Ein schmaler Saumweg über dem sich das Gestripp in Ellenhöhe & dann die Urwaldriesen in Domhöhe wölben, so dass die Füsse des Reiters & die Last des Saumtiers das Gebüsch streifen. Am schlimmsten waren die Sumpfstellen. Die ganze Mannschaft hatte manchmal das Fieber, ausser Ferdinand, der es nie bekam; Wol aber holte er sich bei dieser Expedition, wo er zwei Monatelang fast nie troken wurde, jenes fürchterliche Tropische Rheuma, das ihm gar arge Leiden bereitete & seinen Tod beschleunigte. Auch seinen liebsten Schwager begrub er bald, der sich vom Fieber bei diesem Wegbau nichtmer erholte. Der einzige Arzt dabei war Ferdinand selbst. Nach gebautem Weg, der für eine weite Umgebung eine Woltat war, den die Regierung bewunderte, & dafür eine Subvention versprach aber nicht gab, kam dann das Roden der Pflanzung selbst. Das Fieber hielt die geschwächte Mannschaft so zurück, dass manche Woche mehr Gestrüpp rükwärts wieder nachwuchs, als vorn gerotet werden konnte. Endlich, endlich fand Ferdinand eines Tages eine --- Laus, & jubelte. Denn dieses & andres Ungeziefer gedeihn erst dann, wenn die Sumpfmiasmen überwunden sind. Aber fruchtbar war dann diese Pflanzung! Koblenz im Urwaldskostüm nannte sie Ferdinand, weil die Lage am Zusamenfluss zweier Flüsse mit jener von Koblenz Aehnlichkeit zeigte.

Noch eine andre Expedition machte Ferdinand längs der Seeküste, quer durch die Mündungen von einer Menge Flüssen & Bächen, durch die er seine schweren Wagen mit langen Reihen von Ochsen bespannt nur mühsam & gefärlich brachte, nach Atalaja. So hiess ein weiter Landstrich, der seiner Frau & deren Geschwistern gehört & worin als Schmarotzerpflanze auf den Palmen in Menge die bekannte Piassava wächst, die damals neu aufkam. Die Schwäger waren zu bequem, um dorthin zu gehen, & da sich bereits Diebe eingefunden hatten, die Piassava wegfürten, nahm sich Ferdinand der Wahre an. Aber er hielt sich zu lang auf. Das Fieber kam wieder unter seine Leute & namentlich unter seinen jüngsten Sohn, den schönen blonden Alberto, mit seinen rabenschwarzen Augen & seiner Apologestalt. Es ist schrecklich, schrieb mir damals Ferdinand, für das durstgequälte Rind nichts, gar nichts anderes zu haben, als dasselbe Wasser das für den Kanken Gift ist. Alberto genass niemer ganz. Müde & leberleidend ergab er sich endlich dem Trunk, & wird wol früh sterben. Es war eine teuer erkaufte Piassava-Ernte. Wer wird wol die folgende halten? Es dauerte ein halbes Jarhundert ehe sie wieder heranwächst.

Ferdinand war ein berümter Arzt geworden. Studien hat er nur durch kurze Zeit vor seiner Auswanderung gemacht; anatomische Neigungen hatte er schon jung; den Rest seiner Kenntnisse erwarb er sich durch Lesn & Erfarung, die zunächst mit der Behandlung der Schwarzen auf der Pflanzung begann. Da er allen unentgeldlich half, für Aermere sogar ein Spital in seiner Nähe errichtete wo er sie ernärte, so trug das viel zu seiner Beliebtheit bei; kostete ihn anderseits viel Zeit & auch Geld. Auch bei der Haute volée hatte er Ruf. Aber wie es eben geht, seine Liebsten konnte er nicht retten. Von Alberto war soeben die Rede. Seine angebetete Gattin bekam mit 44 Jaren zum erstenmal in ihrem Leben eine Krankheit, aber die denkbar ärgste; ein Krebsleiden im Unterleib, an dem sie nach zwei Jaren mit vielen Schmerzen zu Grund ging. Durch Monate schlichen alle Hausgenossen ihrer Schwäche zu lieb, nur auf den Zehen im Haus herum. Ferdinand selbst geschah es, dass er eine Nacht unwol geworden, in der Dunkelheit nach einem unschuldigen Mittel griff & einnam; an den bald darauf eintertenden Immer zunemenden Erscheinungen von Farbenspiel in den Augen, Mundsperre etc erkannte er aber mit Schreken, dass er sich vergriffen & eine grosse Dosis Belladonna geschlukt habe. Er hatte bereits die Sprache verloren, seine Zeichen wurden nicht gut verstanden. Ein Besuch der bei ihnen war & auch ärztliche Kenntnisse besass, merkte endlich die Ursache & gab die nötigen Gegenmittel. Durch Wochen sah Ferdinand alles in Regenbogenfarben.

Auch sein eigenes fürchterliches Rheuma konnte er nicht heilen. Weder die einheimischen Mittel, noch die Aerzte in Bahia, noch jene in Bern oder Wiesbaden richteten anderes aus, als Linderung & mitunter längere Pausen.

Und als eine seiner Töchter von einem hartnäkigen Wechselfieber nicht genesen konnte, brachte er sie nach Bahia, wo es ihr bald besser ging. Ferdinand aber erkältete sich, bekam seine fürchterlichen bis zur Besinnungslosigkeit gehenden Schmerzen, scheint sich dabei den Bruch, den er durch scharfe Ritte sich einst zugezogen, eingeklemmt zu haben- kurz der Bruch wurde operirt, Ferdinand wurde schlechter, blikte mit Tränen des Heimwehs aufs Meer vor den Fenstern; seufzte: dort drüben würden sie mich retten, & starb 62 Jar alt. Dort liegt er auf dem Evangelischen Friedhof begraben.

Ich musste um jene Zeit viel an ihn denken, ohne von seinem Zustand zu wissen. Obschon er mir Antwort schuldete, schrieb ich ihm doch am 10 May. Der Brief kam zu spät; denn er starb am 13ten. Jezt gelangen die Briefe in etwa 20 Tagen nach Victoria; zur Zeit seiner Auswanderung dauerte aber gut zwei Monate.

Von Ferdinands beiden Besuchen in Europa 1861 & 1873 erwänte ich in den Notizen über mein Leben.

Sein Schwiegervater war ein merkwürdiger Mann. Die Sâ gehören bekanntlich zum alten & vornemen Portugiesischen Adel; «Göthenblut» nannte Sie Erzherzog Max. Don Egydio war vermält mit einer Donna Camara auch aus vornemen Haus. Seine Mutter war eine Bethencourt aus der Familie, welche im Beginn des 16ten Jarh. die Azoren entdekte, & dort durch viele Generationen, formell unter der Oberhoheit Frankreich zu dessen Adel sie zälten, in Wirklichkeit aber unabhängig, regiert hatten.

Brasilien war eine Portugiesische Kolonie, & zur Zeit Napoleons hatte sich der Hof aus Lissabon dorthin geflüchtet. Bald nachher riss es sich von Portugal ebenso los, wie die Spanische Kolonien von Spanien, wurde aber nicht Republik sondern wälte sich einen Portugiesischen Prinz zum Kaiser. Es entstand Bürgerkrieg zwischen der legitimistischen Portugiesischen Partei & den Anhängern der Unabhängigkeit. Sâ war einer der Anfürer der Erstern. Diese Partei unterlag; aber Sâ sezte den Widerstand noch lange allein fort. Tod, Krankheit, Abfall lichteten seine Anhänger; zulezte wurde er & seine wenige Getreuen wie ein Wild durch seine Verfolger durch den Urwald hin & her getrieben, entging aber, wenn auch unter schweren Gefaren & Strapazen doch immer seinen Verfolgern wieder. Zulezt beruhigten sich die Leidenschaften. Das Kaisertum stand fest. Sâ kaufte sich mit dem Rest seines Vermögens in der Provinz Ilheos an, & war ein Nachbar der Pflanzung Victoria geworden. Sein frühere Besiz in der Provinz Minas war verwüstet worden. Desshalb hatte auch die Gattin Ferdinands keinen Taufschein. Er war mit der Kirche verbrannt. Egydio Sâ war ein gewaltiger Jäger. Jaguar, Tapir, & alles kleinere Getier wurde seine Beute. An ihn als an den Vornehmsten der Provinz war der Erzherzog Max zur Zeit seiner Brasilienreise angewiesen worden. Da er aber nur Portugiesisch sprach & älter war als der Erzherzog übertrug er dessen Empfang an meinen Bruder.

Kaum angekommen verlangte der Erzherzog in den Urwald zu gehn & dort zu bleiben, & that es auch, trotz Ferdinands Warnung & Bemerkung über die nötigen Vorbereitungen für Proviant & Lagerstätte. Max wollte nichts von rafinements & Kulturpimpelei. Aber nach zwei Tagen kam er mit den Schwarzen Ferdinands & mit seinen eigenen Begleitern in zimlich deroutem Zustand doch wieder auf die Pflanzung & überliess sich nun, durch seinen Versuch belert, unbedingt der Fürung Ferdinands, bei dem er 10 Tage blieb, einen Ausflug zu den Botocuden machte, & von da ab stets in leutseligstem Umgang brieflich mit Ferdinand blieb. Er lud ihn auch nach Mexico ein. Solche Männer sind mir nötig! sagte er; aber Ferdinand hatte von Anfang an das hoffnungslose der Mexicanische Aufgabe eingesehn, & schrieb zur Zeit wo darum verhandelt wurde, er sei überzeugt, dass der Erzherzog sich nicht in dieser Falle begeben werde. Sâ hatte merere Kinder. Amelia die Frau meines Bruders & Ulisses, der ein Opfer der Arbeit um Salgado wurde, scheinen die Perlen darunter gewesen zu sein. Die andern waren mer minder egoistische & indolente Brasilianer.

Ferdinand hinterliess sieben Kinder. Fernando übernahm die Victoria, bis dass einst ruhigere Zeiten eine Teilung gestatten würden; von dem armen Alberto war die Rede; er seste sich auf einer Hacienda in der Umgebung. Cherubino lebt als viel beschäftigter & gut gestellter Eisenbahn-Director bei Rio; eine verheiratete, eine verwitwete, & zwei lediger Schwestern bewohnen auch die Victoria. Salgado, sein Schosskind, musste Ferdinand in seinen lezten Lebensjaren ungern verkaufen. Seine Kräfte gestatteten ihm nichtmer den schweren Ritt dahin & das einsame Leben ohne alle Pflege. Und von den Söhnen & Schwiegersohn hatte keiner die Energie, es zu übernemen. Dagegen kaufte sich der älteste Sohn eine kleine hübsche Cakaopflanzung unweit der Victoria. Die Söhne sind evangelisch, die Töchter katolisch. Aber alle in bester Eintracht.

Die beide Schwiegersöhne, der bald wiedergestorbene Schiffkapitän von Adami, & der Don de Magalhaes-Castro, waren mit Sâ verwandt.

Zur Victoria gehört ein Haus mit mereren Magazinen in der Provinzhauptstadt & Seehafen Ilheos. Solange die Dampfschiffverbindungen nicht bestanden hatte Ferdinand auch ein eigenes Seeschiff. Jezt dauert die Reise nach Bahia zur See drei Tage; Zu Land könnte sie in drei Wochen nicht bestritten werden. Es gibt keine Strassen.

Victoria selbst liegt auf einer Anhöhe am Fluss. Hier sieht kan ds Flussufer; gewönlich verschwindet es unter den bis ins Wasser hineinhängenden Bäumen. Neben dem Herrenhaus befinden sich einige andre Wonhäuser für Gäste, Aufseher oder Kranke; dann die Ingenios d.h. die verschiednen Mülen, Pressen, Stampfen, etc, & die Magazine für Produkte & Geräte. Die abseits liegende Hüttenreihe der Schwarzen ist jezt meist unbewont, oder nur von zeitweis aufgenommenen Taglönern. In besondern Verzäumungen befinden sich Rindvieh & Pferde im Freien; Daran reihen sich die Pflanzungen & ringsum ragt der Urwald empor. Diese bildet eine Zone von 10 bis 30 Meilen Breite längs der Küste. Weiter innen ist dann offenes Land & dort wird dann das Vieh gezogen & dann auf die Plantagen verkauft. Nicht sehr weit sind Diamantengruben, deren Entdekung in den Fünfziger Jaren viel Aufsehn machte & einen Strom von Glüksuchenden anzog. Auch Ferdinand machte mit einer Anzal seiner Leute einen Versuch & fand verschiedene hübsche Diamanten; im Ganzen rentirte der Ausflug aber nicht. Ein eigentümliches Gesez Brasiliens gestatett in der Absicht die Einwanderung zu befördern, dass, wer immer sich auf fremdem Boden ansiedelte, nicht vertrieben werden kann, ohne ihm alle seine Anlagen, also jede Brüke, jeden Graben oder Weg, jede Rodung baar abgelöst wird. Ferdinand meinte: wenn ihrer nur recht viele zu mir kämen. Land habe ich genug übrig, das mir nichts trägt, & diese Ansiedler bringen mir ihrer Rohprodukte zum Kauf, die ich dann, nachdem ich sie auf meinen Maschinen marktfähig umgestaltet habe, mit Nuzen wieder verkaufen kann. So verschieden sind die Zustände in verschiednen Orten.

Obschon sich noch manches merkwürdige über dortige Verhältnisse sich erzälen liesse, mag es genug davon sein. Es genügt um einen Begriff von der Aufgabe & von der Lebensweise Ferdinands zu geben. Durch alle Wechselfälle blieb ihm aber der religiöse Sinn, den uns allen der Unterricht der Mutter einpflanzte, lebendig. Noch in den lezten Jaren schrieb er mir, dass er die geistlichen Lieder Gellerts, in dem ihm von Schwester Elise geschenkten Buche, mit Freude & Trost lese.

Die Hize ist dort nicht grösser als in unsern Sommertagen, doch erzeugt sie mehr Schweiss wegen der grossen Feuchtigkeit der Luft & weil auch die Nächte warm sind. Was in verschlossenen Kästen liegt, schimmelt. Die grösste Kälte, die Ferdinand erlebte, war Zehn Grad Reaumur über Null; sonst aber jeden Winter, der dort in die Zeit unsres Sommers Fällt, fünfzehn Grad. Geheizt wird nie; man zieht sich warm an & trinkt Punsch, wenn die kalten Wintertage kommen.

Wohnhäuser stehen ganz frei & kahl; sonst nistet sich Ungeziefer ein. Doch gibt es willkommene Hausschlangen, welche das Haus von Skorpionen & ähnlichen Schädlingen befreiten. Türen & Fenster stehn stets offen. Ums Haus läuft eine breite gedekte Veranda. Die Wohnzimmer haben keinen Plafond, sondern lassen den verzierten Dachstuhl sehn, der Kühle wegen. Der nie ausgehende Pulvervorrat ist in einem Dachbodenverschlag; Die Küche abseits für sich. Die Haussklaven arbeiten nicht im Freien & waren eine Art bevorzugte Klasse.  Die meisten mögen wol als Dienstboten geblieben sein. Die Weiber sind darunter sehr geschikt in gewissen Arten von Stikereien die in Paris als Negerarbeit bekannt & geschäzt sind. Die Narung ist sehr kräftig; viel Fleisch & starke Weine. Schlecht genärt Europäer gehn zu Grund. Kutschen gibt es nicht weil keine Wege sind. Die zimlich belebte Nachbarschaft von Victoria wurde zu Pferd besucht. Kinder & Proviant kamen in Tragkörbe zu beiden Seiten von Pferden. Weisse durften keinerlei Arbeit vornemen. Wenn mich meine Schwarzen jezt sähen, sagte mir Ferdinand beim Paken seiners Koffers, so verlören sie den Respekt vor mir. Das wird nun auch anders geworden sein.


Marienberg 1891 Albert Steiger